Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
5xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 18.05.2026. Rubrik: Aktionen


Der Junge hinter dem Zaun

Der Zaun hinter Timos Haus verlief mitten durch den Wald.

Niemand wusste mehr, warum er dort stand. Die Erwachsenen sagten, er sei früher einmal wichtig gewesen. Timo glaubte das nicht. Der Zaun war alt, rostig und an manchen Stellen vom Moos beinahe verschluckt.

Doch fast jeden Abend saß dort Elias.

„Du bist zu spät“, sagte Elias.

„Mama wollte, dass ich den Tisch decke.“

Elias nickte nur.

Sie sahen sich ähnlich. Nicht wie Brüder. Eher wie Spiegelbilder, bei denen etwas nicht ganz stimmte. Elias hatte denselben schiefen Pony wie Timo, dieselben Sommersprossen und dieselbe kleine Narbe am Kinn.

Nur seine Augen wirkten älter.

„Bei uns hat es heute geschneit“, sagte Elias.

Timo blickte verwundert zum Himmel.
Über ihnen hingen schwere Regenwolken.

„Hier nicht.“

„Komisch“, murmelte Elias.

Sie redeten oft über ihre Familien.
Über Schule.
Über Hunde.
Über Dinge, die fast gleich waren.

Und doch nie ganz.

„Meine Mama raucht manchmal am Fenster“, sagte Elias eines Abends.

„Meine nicht. Sie hasst Zigaretten.“

Elias runzelte die Stirn.
„Dann ist es vielleicht nicht dieselbe.“

Timo lachte.
„Natürlich ist es dieselbe. Du bist nur mein Fantasiefreund.“

Doch Elias lachte nie darüber.
Eher so, als hätte Timo etwas Falsches gesagt.

Eines Tages brachte Timo ein Foto mit.
Darauf standen er und seine Mutter vor dem Weihnachtsbaum.

Elias betrachtete das Bild lange.

„Das ist sie“, flüsterte er schließlich.
„Fast.“

„Fast?“

Elias zeigte auf das Foto.
„Bei uns hängt dort ein blauer Stern.“

Über dem Baum hing tatsächlich nur eine goldene Spitze.

Zum ersten Mal wurde Timo unruhig.

Am Abend fragte seine Mutter:
„Mit wem redest du eigentlich immer dort draußen?“

„Mit Elias.“

Sie lächelte traurig.
So wie Erwachsene lächeln, wenn sie etwas nicht glauben.

„Timo“, sagte sie leise.
„Dort draußen ist niemand.“

In derselben Nacht konnte Timo nicht schlafen.
Der Wind rauschte durch die Bäume.
Und draußen, hinter dem Zaun, stand Elias im Regen.

Timo schlich sich runter und ging durch die Balkontür runter zum Zaun.

„Meine Mama sagt, du bist nicht echt.“

Elias schwieg eine Weile.

Dann fragte er:
„Und was sagt deine Mama über den Zaun?“

„Dass man früher nicht auf die andere Seite durfte.“

Elias nickte langsam.

„Meine auch.“

Zum ersten Mal hatte Timo Angst.

„Elias…“

„Ja?“

„Was ist hinter dem Zaun?“

Elias blickte in die Dunkelheit hinter sich.
Sehr lange.

Dann sah er wieder zu Timo hoch.

„Meine Welt.“

counter5xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Rika am 18.05.2026:

Das ist eine schöne Geschichte mit einem interessanten offenen Ende. Ich überlege mir gerade, wie diese Welt aussehen könnte.

Mehr von Phoberos (Phoberos):

Montagmorgen 2046
30 Jahre Streit – und warum daraus 1+1>2 entstand
Was im Disput zählt
Das Duell der Tasten
Der zweite Gedanke