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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2025 von Werner Walther (Birmingham).
Veröffentlicht: 31.05.2026. Rubrik: Unsortiert


'Shirley', oder 'Die Nanny brauchte eine Brille'

Die Geschichte spielt in England um etwa 1920. Das Städtchen Chorley liegt in der Nähe von Manchester an der heutigen Autobahn M61. Ich kenne die Gegend gut, denn ich habe drei Jahre dort oben gelebt.

1. Shirley - vom Land in die Stadt
Dass sie es als Stehlen betrachtete, daran dachte sie eigentlich nicht, jedenfalls nicht wirklich. Die kleine goldgerahmte Brille hatte seit Monaten unberührt im Schrank des Bibliotheksschrank gelegen, hinter den medizinischen Fachzeitschriften, die Dr. Pemberton aus dem Krankenhaus mitbrachte. Mrs. Pemberton hatte sie genau einmal getragen — Shirley hatte das flüchtig durch die halboffene Tür gesehen, als die Lady einen Brief las — bevor sie die Brille für "geradezu abscheulich" erklärte und sie aus ihrem Blickfeld verbannte.
"Eher würde ich blind in den Mersey stolpern, als mich in diesen schrecklichen Dingern sehen zu lassen", hatte sie beim Abendessen verkündet, ihre Stimme trug bis hinunter in die Küche, wo Shirley gerade abwusch.
Mit sechzehn Jahren kannte Shirley ihren Platz. Als Tochter einer Arbeiterfamilie aus Chorley hatte sie nichts dazu zu bemerken, was die Frau eines Arztes in Didsbury entschied. Sie führte den Haushalt der Pembertons mit ruhiger Hand, hütete den sechsjährigen Thomas und die vierjährige Constance mit Geduld und bat um nichts.
Aber die Spaziergänge mit den Kindern in den Park machten ihr Angst.
Chorley war anders gewesen. In dem Dorf, in dem sie aufgewachsen war, kannte jeder jeden. Shirley fand auf der Market Street jederzeit ihren Weg nach Geräuschen und aus dem Gedächtnis — das Klackern von Pferdehufen auf dem Kopfsteinpflaster, das Rumpeln der Kohlenwagen, die Rufe der Händler, die sie seit Kindheitstagen kannte. Sie hatte gelernt, Menschen an ihrem Gang zu erkennen, an ihrer Stimme, an den Farben, die sie gewöhnlich trugen.
Ihr Vater bearbeitete die Felder für Mr. Hargreaves, war vor der Dämmerung auf den Beinen und kam nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause, die Hände rauh von der Arbeit. Ihre Mutter nahm Wäsche und Flickarbeiten an. Es gab fünf Kinder, die jünger waren als Shirley, und als sie acht Jahre alt war, war sie für sie für die kleineren Geschwister wie eine zweite Mutter geworden.
Die Welt hatte für Shirley immer so ausgesehen, wie sie aussah. Sie hatte das nie in Frage gestellt. Sie dachte, alle sähen dieselbe weich umrissene Wirklichkeit, die sie selbst sah — wo ferne Dinge eher Andeutungen waren als Gewissheiten, wo Gesichter erst klar wurden, wenn Menschen nah genug zum Berühren herantraten, wo das ferne Ende der Market Street in einem Aquarellnebel verschwand.
Wenn ihr Bruder William auf etwas in der Ferne zeigte — "Schau, Shirley, da ist Mr. Coopers Hund!" — nickte sie und stimmte zu, wartete, bis die bräunliche Form sich zum vertrauten Collie aufgewachsen war, bevor sie seine Einschätzung bestätigte. Wenn ihre kleine Schwester Mary fragte, welches Pferd gerade die Chapel Street herunterkam, machte Shirley eine kurze Pause, lauschte auf den unverkennbaren ungleichmäßigen Gang des alten Nelson, Mr. Shaws Karrenpferd, bevor sie mit sicherer Stimme antwortete.
Sie hatte hundert kleine Strategien entwickelt, um sich in einer Welt zurechtzufinden, denn sei ahnte nicht einmal, dass sie nicht gut sehen konnte. Sie war klug. Sie war vorsichtig. Sie kam zurecht.
Der Vorfall mit einem Feuerwehrwagen hatte sie erschreckt, obwohl sie damals nicht verstanden hatte, warum.
Sie war sieben Jahre alt gewesen und stand mit ihrer Mutter vor Hargreaves' Lebensmittelgeschäft. Die Glocke begann vom Feuerwehrhaus in der Ferne zu schlagen — dringend, unerbittlich. Alle auf der Straße blieben stehen und wandten sich um.
"Da sind sie!" rief jemand. „Sie kommen die Chapel Street herunter!"
Shirley hörte es deutlich — das Donnern der Hufe, die Glocke, die rufenden Männerstimmen. Das Geräusch wurde lauter, dringlicher. Die Menschen um sie herum zeigten, wichen zurück, Kinder sprangen vor Aufregung auf.
Aber Shirley sah nichts. Nur die verschwommenen Formen von Gebäuden, die Schemen von Menschen, die Straße, die sich in unbestimmte Ferne erstreckte.
"Shirley, mach Platz!" Ihre Mutter hatte sie an die Hauswand zurück gezogen.
Der Feuerwehrwagen donnerte vorbei — alles Lärm und Wind und der Geruch von Pferdeschweiß und Rauch. Erst als er nur noch wenige Meter entfernt war, zeigte er sich auch: das glänzende Messing der Armaturen, der rote Lack, die vier gewaltigen Pferde, und die Männer der Feuerwehr mit ihren Helmen.
Und dann war alles wieder vorbei, es löste sich wieder in einen roten Schemen auf, das Geräusch verhallte in Richtung Lyons Lane, wo offenbar Rauch aus der alten Mühle aufstieg.
Alle um sie herum hatten über das diskutiert, was sie gesehen hatten — die neuen Messingbeschläge am Wagen, wie jung Jack Morrison in seiner Feuerwehruniform aussah, ob die Pferde ordentlich ausgebildet wirkten. Sie hatten über diese Einzelheiten gesprochen, seit der Feuerwehrwagen vielleicht dreihundert Meter entfernt gewesen war, hatten gezeigt und kommentiert.
Shirley jedoch hatte fast nichts gesehen, bis er das Gefährt und die Männer zum Greifen nahe waren.
In jener Nacht hatte sie lange noch schlaflos im Bett gelegen und darüber nachgedacht. Warum hatte sie nicht gesehen, was alle anderen sahen? Aber sie hatte keine Antwort auf diese Frage. Sie beschloss einfach, besser aufpassen zu müssen, aufmerksamer zuzuhören und wacher zu sein.
Es kam ihr nicht in den Sinn — und niemandem in ihrer Familie — dass ihre Augen anders funktionieren würden als die Augen der meisten anderen Menschen.

2. Mit den Kindern im Park
Manchester war nicht Chorley. Manchester war riesig und gefährlich und voller Fremder.
Jeden Nachmittag, wenn es das Wetter erlaubte, brachte sie die Kinder in die Fletcher Moss Gardens. Thomas stürmte auf die botanischen Beete zu, Constance watschelte den Enten hinterher, und Shirleys Herz hämmerte in ihrer Brust. Dreißig Fuß. Sie durfte sie nicht weiter als dreißig Fuß, also zehn Meter gehen lassen, denn jenseits dieser Entfernung wurden sie zu farbigen Schemen — Formen, die sie nicht von anderen Kindern, von Fremden, von Gefahr unterscheiden konnte.
Sie hatte einmal versucht, Thomas zu rufen, als er sich vielleicht fünfzehn oder zwanzig Meter weit entfernt hatte: "Thomas! Bleib, wo ich dich sehen kann!"
Er hatte sich verwundert umgedreht. "Aber ich bin doch direkt hier, Miss Shirley. Sie können mich doch sehen."
Sie sah ihn, ja, aber sie hätte ihn nicht erkennen können. Nicht sein Gesicht, nicht seinen Ausdruck, nur die allgemeine Silhouette eines kleinen Jungen, der eine blaue Jacke trug.
"Miss Shirley, warum halten Sie meine Hand immer so fest?" hatte Constance sie einmal gefragt, und versucht, sich aus Shirleys Griff zu lösen.
"Weil ich mich um dich sorge, mein Schatz", hatte Shirley geantwortet. Keine Lüge, aber auch nicht die ganze Wahrheit.

3. Eine Brille! Neugier, wie das wohl funktioniert
An dem Nachmittag, an dem sie die Brille ausprobierte, war Dr. Pemberton bei seinen Krankenhausvisiten und Mrs. Pemberton hatte das Auto genommen, um ihre Schwester in Altrincham zu besuchen. Shirley wischte gerade im Bibliotheksschrank Staub, als sie die Brille wieder sah — es dünnes Gestell aus Golddraht mit leicht ovalen Gläsern.
Ihre Hand zitterte, als sie die Brille aus dem Schrank nahm.
Die Brille fühlte sich zart auf ihrem Gesicht an, der Draht drückte kalt gegen ihre Schläfen. Sie ging ans Fenster hinüber, was erwartete sie — was, wie funktioniert so eine Brille überhaupt? Vielleicht würde funktionierte sie gar nicht. Vielleicht würde die Brille alles noch schlimmer machen.
Sie öffnete die Augen und schaute aus dem Fenster.
Da war eine wahre Explosion der Schärfe. So sah man also mit einer Brille?
Sie konnte einzelne Blätter an der Ulme auf der anderen Straßenseite sehen. Die Hausnummern an weit entfernten Türen. Eine Katze, drei Gärten weiter, die sich mit sichtbarer Präzision die Pfote wusch — sie konnte ihre rosa Zunge sehen, ihre weißen Schnurrhaare. Eine Frau mit einem Kinderwagen auf dem gegenüberliegenden Gehweg — Shirley konnte das Muster auf ihrem Kleid erkennen, den Ausdruck auf ihrem Gesicht, wie sie lächelnd auf ihr Baby herabschaute.
Die Details waren so scharf, dass sie fast schmerzten, als hätte jemand die Klarheit der Existenz auf eine unerträgliche Intensität aufgedreht.
Das war, wie andere Menschen offensichtlich sahen. Jeden Tag. Die ganze Zeit. Das war die Welt, in der diese enschen lebten.
Shirley stand wie erstarrt am Fenster, eine Hand am Vorhang, um sich zu stützen. Die Ulme auf der anderen Straßenseite war nicht nur ein grüner Schemen — sie hatte Äste, Tausende einzelner Blätter, jedes sichtbar und klar umrissen. Die Häuser die Straße hinunter waren keine Reihe bräunlicher Formen — sie hatten Fenster mit Gardinen, Türen mit Nummern, Schornsteine mit einzelnen Ziegelsteinen.
All das konnte sie sehen.
Zum ersten Mal in ihren sechzehn Jahren konnte sie …. sehen.
Tränen liefen ihr über die Wangen, obwohl sie nicht hätte sagen können, ob es Tränen der Freude oder der Trauer waren — für all die Jahre, die sie im Nebel gelebt hatte, für all das, was sie versäumt hatte, für den Feuerwehrwagen, den sie nie hatte kommen sehen bis er sechs Meter entfernt war, für die tausend täglichen Kämpfe, die sie für normal gehalten hatte, für eine Welt, von der Shirley nie gewusst hatte, dass sie existierte.
Sie nahm die Brille ab. Die Welt wurde wieder weich, vertraut in Unschärfe.
Sie setzte die Brille auf. Scharf. Klar. Wirklich.
Brille ab: Alles weich und verschwommen, keine Details.
Brille auf: Wow!
Sie stand zwanzig Minuten lang am Fenster und schaute einfach. Sie lernte, was Sehen bedeutete.

Vor jenem Nachmittag in den Fletcher Moss Gardens hatte sie eine Entscheidung getroffen: sie wollte die Brille einmal draußen aufhaben, um zu sehen, wie das ist.
Sobald Thomas und Constance in ihr Spiel am Teich vertieft waren, setzte sie die Brille auf.
Die Verwandlung war draußen genauso dramatisch. Sie konnte Thomas' Ausdruck deutlich aus zwölf Metern Entfernung sehen — die Konzentration auf seinem Gesicht, als er eine Stöckchenfestung baute. Constances Kleid hatte einen kleinen Riss nahe dem Saum; das hatte Shirley vorher nicht bemerkt. Auf der anderen Seite des Rasens, vielleicht dreißig Meter entfernt, las ein älterer Herr eine Zeitung. Sie konnte die Schlagzeile entziffern: ARBEITSLOSIGKEIT STEIGT IN DEN FABRIKEN IN LANCASHIRE UND MANCHESTER.
Hinter ihm, vielleicht hundert Meter entfernt, konnte sie die Parktore sehen, das eiserne Rankwerk scharf und klar. Sie konnte das Schild lesen, das für Konzerte an Sonntagnachmittagen warb. Sie konnte einzelne Passanten auf der Straße dahinter erkennen — ihre Gesichter, ihre Kleidung, ihre Absichten.
Ein Feuerwehrwagen hätte dreihundert Meter entfernt sein können und sie hätte ihn kommen sehen.
Sie konnte einen Vogel auf einem Ast zweihundert Meter entfernt landen sehen. Sie konnte erkennen, in welche Richtung andere Kinder im Park liefen. Sie konnte Thomas dabei zusehen, wie er von hundert Meter weit lief.
"Miss Shirley", fragte der kleine Thomas, der mit seiner Schwester Constance im Schlepptau herankam, "trägst Du jetzt eine Brille, und warum?"
Shirleys Blut gefror in ihren Adern. Aber Thomas' Gesicht zeigte nur Neugier, und die kleine Constance lächelte sie an.
"Ja", gab Shirley leise zu und kniete sich, dass sie jetzt mit den Kindern auf Augenhöre war. "Die Brille hilft mir, euch beide besser zu sehen. Aber das muss unser Geheimnis bleiben, versteht ihr? Eurer Mama würde es nicht gefallen, wenn sie wüsste, dass ich eine Brille trage. Brillen sind nicht für diejenigen, die im Haushalt arbeiten; normalerweise tragen nur die Damen und Herren des besseren Standes Brillen, und ich bin die Kinderfrau."
Thomas betrachtete sie ernsthaft, älter als seine sechs Jahre. "Konntest Du uns vorher nicht richtig sehen?"
"Nicht so richtig gut."
"Das muss beängstigend gewesen sein", sagte er, mit der vernichtenden Ehrlichkeit eines Kindes.
Constance schlang ihre kleinen Arme um Shirleys Hals. "Wir sagen es nicht weiter", flüsterte sie. "Versprochen."
"Ehrenwort", fügte Thomas feierlich hinzu und machte die entsprechende Geste.
Und sie hielten ihr Wort.
Drei Monate lang lebte Shirley in zwei Welten. Im Haus der Pembertons erledigte sie mit Präzision und Sorgfalt ihre Aufgaben, ihr Blick darauf beschränkt, Vertrautes wahrzunehmen, auf Gesichter aus nächster Nähe, auf Umrisse von Dingen, die sie durch Gedächtnis und Gehör erkannte hatte.
Im Park dann, die Brille in ihrer Schürzentasche versteckt, wurde sie zu jemand anderem — jemand, der Thomas von siebzig Meter Entfernung beim Klettern in einem Baum zusehen konnte, der Constance von hundert Meter Entfernung auf den Teichrand zuschlendern sah, der die Uhr am Kirchturm lesen und wissen konnte, wann es Zeit war, nach Hause zu gehen.
Die Kinder hielten ihr Versprechen treu. Selbst als Constance einmal beim Abendessen etwas zu sagen begann — "Miss Shirley kann viel besser sehen, wenn sie—" — hatte Thomas sie unter dem Tisch getreten und das Gespräch auf die Enten gelenkt, die sie gesehen hatten. Shirley hatte später seinen Blick aufgefangen und lautlos "Danke" geflüstert.
Aber Geheimnisse, wie geliehene Brillen, lassen sich nicht für ewig bewahren.

4. Die Angelegenheit fliegt auf
Es war ein Dienstagnachmittag Ende Juni, als sich die Katastrophe anbahnte. Mrs. Pemberton war zu einer Teegesellschaft im Hause von Mrs. Ashworth-Greene eingeladen worden, der Gattin eines angesehenen Richters. Es war die Art von Einladung, die zählte, die die gesellschaftliche Stellung heben oder bestätigen konnte. Mrs. Pemberton hatte sich tagelang in Vorbereitungen gestürzt — das richtige Kleid, die richtigen Handschuhe, die richtigen Visitenkarten.
An jenem Morgen hatte sie beim Frühstück angekündigt, sie werde einen Gedichtband mitbringen müssen, um daraus vorzulesen — offenbar veranstaltete Mrs. Ashworth-Greene literarische Diskussionen bei ihren Teegesellschaften, und man erwartete einen Beitrag. Dr. Pemberton hatte eine Augenbraue gehoben, aber nichts gesagt.
Shirley war in der Küche dabei, das Mittagessen der Kinder vorzubereiten, als sie Mrs. Pembertons Stimme von oben hörte, scharf vor Gereiztheit. Dann lauter. Dann rief sie nach der Haushälterin, Mrs. Davies.
"Wo ist meine Brille? Die, die ich im Bibliotheksschrank aufbewahrte?"
Shirleys Hände erstarrten im Abwaschbecken.
"Ich habe sie nicht gesehen, Ma'am", antwortete Mrs. Davies. "Ehrlich gesagt schon seit Monaten nicht mehr."
"Nun, sie war dort. Im Schrank hinter den medizinischen Fachzeitschriften. Ich erinnere mich genau, dass ich sie dort hingelegt habe."
"Vielleicht hat Dr. Pemberton sie weggeräumt?"
"Warum sollte der Doktor meine Brille wegräumen?"
Schritte auf der Treppe. Dr. Pembertons ruhigere Stimme: "Was ist das für ein Aufruhr, Elizabeth?"
"Meine Brille fehlt. Die mit dem Goldrand, die mir Vater geschenkt hat. Ich brauche sie zur Teegesellschaft bei Mrs. Ashworth-Greene — offenbar sollen wir aus Tennyson vorlesen, und ich kann einfach nicht lesen ohne auf ein paar Zentimeter heran zu gehen. Oh, wie sehr ich es verabscheue, kurzsichtig zu sein und diese elenden Dinger in der Öffentlichkeit tragen zu müssen."
"Ich habe Ihre Brille nicht angerührt. Vielleicht ist Sie in Ihrem Ankleidezimmer? (Damals redeten sich auch Eheleute untereinander mit „Sie“ an)."
"Ich habe überall nachgesehen! Mrs. Davies, rufen Sie das gesamte Personal zusammen. Jemand muss die Brille gesehen haben."
Zwanzig Minuten später stand auch Shirley im Wohnzimmer, zusammen mit Mrs. Davies und Sarah, dem Küchenmädchen. Mrs. Pemberton saß auf dem Sofa, ihr Gesicht angespannt vor Sorge und einem Anflug von Verdacht. Dr. Pemberton stand am Fenster und wirkte unbehaglich.
"Meine Brille mit dem Goldrand fehlt", verkündete Mrs. Pemberton. "Sie war im Bibliotheksschrank. Jetzt ist sie es nicht mehr. Jemand in diesem Haushalt hat sie genommen."
Shirley spürte, wie sie im Gesicht rot wurde. Sie zitterte am ganen Körper.
"Ma'am, ich bin sicher, sie liegt nur irgendwo herum—" begann Mrs. Davies.
"Goldrand", unterbrach Mrs. Pemberton, ihr Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht. "Wertvoller Goldrand. Vater hat ganz ordentlich dafür bezahlt. Jemand hat eine Gelegenheit gesehen."
"Elizabeth, wirklich—" protestierte Dr. Pemberton.
"Shirley." Mrs. Pembertons Blick heftete sich auf sie. "Sie stauben die Bibliothek jeden Dienstag. Sie haben Zugang zu dem Schrank."
"Ma'am, ich würde niemals—" Shirleys Stimme kam kaum als Flüstern heraus.
"Wo ist die Brille dann?"
Der Raum war still. Sarah starrte auf den Teppich. Mrs. Davies wirkte empört um Shirley zu schützen. Dr. Pembertons Ausdruck war schwer zu deuten.
"Shirley?" Mrs. Pembertons Stimme war jetzt kalt. "Haben Sie mir etwas zu sagen?"
Und plötzlich konnte Shirley es nicht mehr ertragen — nicht die Anschuldigung, nicht die Annahme, sie sei eine Diebin, nicht das Gewicht von drei Monaten Täuschung, nicht den Gedanken, in Schande entlassen zu werden und nach Chorley zurückkehren zu müssen, nachdem sie die einzige Gelegenheit vertan hatte, auf die ihre Familie alle Hoffnungen gesetzt hatte.
"Ich habe sie", sagte sie, ihre Stimme brach. "Ich habe sie genommen. Aber nicht — nicht um das Gold zu stehlen. Ich habe an das Gold überhaupt nicht gedacht. Ich hätte nie — ich würde niemals —"
Mrs. Pemberton stand auf, ihr Gesicht rötete sich. "Sie geben es zu! Sie—"
"Ich brauchte die Brille!" Die Worte brachen aus Shirley heraus, Tränen strömten ihr jetzt über das Gesicht. "Ich kann nicht richtig sehen. Ich konnte es nie. Zu Hause in Chorley war das nicht so schlimm, ich kannte alles, ich kannte jeden. Aber hier — im Park mit den Kindern — ich kann die Kinder nicht sehen, wenn sie sich mehr als zehn Meter weit entfernen. Ich kann ihre Gesichter nicht klar erkennen. Ich kann nicht sehen, ob sie in Gefahr sind. Ich kann nicht sehen — ich kann sie nicht beschützen —"
Sie schluchzte jetzt, die Worte sprudelten aus ihr heraus.
"Ich fand die Brille im Schrank, und ich hatte Sie sagen hören, dass Sie sie nie tragen würden, dass die Brille hässlich wäre, und ich wollte nur — ich wollte sie zunächst nur ausprobieren. Nur einmal. Um zu sehen, wie es ist. Und als ich sie aufsetzte—"
Ihre Stimme brach völlig zusammen.
"Als ich sie aufsetzte, konnte ich sehen. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich wirklich gut sehen. Die Blätter auf den Bäumen. Die Gesichter der Kinder von der anderen Seite des Parks. Alles. Ich wusste das nicht. Ich habe es nie gewusst. Ich dachte — ich dachte, die Welt sieht eben so aus. Ich dachte, alle sehen, was ich sehe. Ich wusste nicht, dass etwas mit meinen Augen nicht in Ordnung war. Ich wusste es nicht, bis ich Ihre Brille aufsetzte und die Welt — klar wurde. Und scharf. Wirklich."
Sie wischte sich mit der Schürze die Augen, rang um Atem.
"Also habe ich sie geliehen. Jeden Tag. Nur im Park. Ich schwöre, ich wollte sie zurücklegen, ich schwöre, ich wollte sie nicht behalten, ich wollte nur — ich brauchte sie. Um die Kinder zu schützen. Um meine Arbeit richtig zu machen. Um sie zu sehen. Um sie wirklich zu sehen."
Der Raum war still bis auf Shirleys keuchenden Atem.
Mrs. Pemberton war auf das Sofa zurückgesunken, ihre Wut hatte sich in Verwirrung aufgelöst. "Sie... Sie können wirklich nicht gut sehen? Ohne Brille?"
"Nein, Ma'am. Nicht richtig. Nicht in die Ferne. Ich konnte es nie. Aber ich wusste nicht, dass das nicht — ich wusste nicht, dass andere Menschen Dinge sehen konnten, die ich nicht sehen konnte."
Dr. Pemberton trat plötzlich vor, sein ärztliches Denken übernahm alles andere. "Shirley, schauen Sie mich an. Können Sie mein Gesicht jetzt klar sehen?"
Sie wischte sich mit der Schürze die Augen. "Ein wenig, Sir. Sie sind nah genug. Aber wenn Sie auf der anderen Seite des Zimmers stehen, wären Sie nur... eine Form. Ein dunkler Anzug und ein hautfarbener Fleck, wo das Gesicht ist."
"Und im Park? Wenn Thomas auf den Baum klettert?"
"Ohne Brille kann ich gerade sehen, dass sich etwas in dem Baum bewegt. Ein Umriss. Blaue Jacke, also muss es Thomas sein. Aber ich kann sein Gesicht nicht sehen. Ich kann nicht sehen, ob er erschrocken oder glücklich ist oder gleich fällt. Ich sehe nur einen blauen Umriss vor grünem Hintergrund."
"Mein Gott." Dr. Pemberton blickte zu seiner Frau, dann zurück zu Shirley. "Warum haben Sie es uns nicht gesagt, als Sie ankamen? Als wir Sie eingestellt haben?"
"Ich wusste nicht, dass es etwas zu sagen gab, Sir. Ich dachte nur, ich bin nicht so gut darin, weit entfernte Dinge zu sehen wie andere Menschen. Ich dachte, vielleicht achte ich nicht richtig darauf. Meine Mutter sagte einmal, ich sei ein verträumtes Kind. Ich dachte, wenn ich es nur mehr versuchte, mich mehr konzentrierte—" Sie schüttelte hilflos den Kopf. "Und selbst wenn ich es gewusst hätte — wer stellt jemanden ein, der nicht sehen kann, um auf Kinder aufzupassen? Ich brauchte diese Stelle. Meine Familie brauchte den Lohn."
"Aber Sie konnten es nicht sicher tun", sagte Dr. Pemberton leise. "Nicht ohne Brille. Nicht mit unseren Kindern."
"Nein, Sir." Shirleys Stimme war kaum ein Flüstern. "Ich konnte es nicht. Nicht bis ich die Brille fand. Und selbst dann — sie passen nicht ganz. Sie helfen, sie helfen so sehr, aber manchmal ist alles noch ein bisschen unscharf, als wären sie für jemanden gemacht, dessen Augen auf eine andere Weise falsch sind als meine. Aber sie sind so viel besser als nichts. Sie sind — sie sind jetzt alles für mich."
Sie schaute Mrs. Pemberton direkt an, Tränen strömten ihr noch immer über das Gesicht.
"Es tut mir leid, Ma'am. Ich weiß, ich hätte die Brille nicht ohne Erlaubnis wegnehmen dürfen. Ich weiß, es war falsch. Ich gehe heute noch, wenn Sie es wollen. Ich verstehe das. Ich wollte nur, dass Sie wissen, dass ich sie nicht wegen des Goldes gestohlen habe. Ich habe sie gestohlen, um zu sehen. Um meine Arbeit tun zu können. Um Thomas und Constance zu schützen."
Mrs. Pemberton drückte die Hand gegen ihre Stirn, ihr Ausdruck war vielschichtig — Beschämung über ihre Anschuldigungen, Verwirrung über die Situation, vielleicht ein aufkeimendes Verständnis für etwas, worüber sie nie nachgedacht hatte. Als sie schließlich sprach, war ihre Stimme sanfter als zuvor.
"Ich habe Sie als vermeintliche Diebin beschuldigt. Wegen einer Brille, die ich nicht einmal haben wollte. Einer Brille, die ich nicht zu tragen wagte, weil ich dachte, sie mache mich—" Sie hielt inne, warf ihrem Mann einen Blick zu. "Es tut mir leid, Shirley. Ich hätte — ich habe das nicht gewusst und nicht verstanden."
"Nein, Ma'am. Ich habe die Brille ohne Erlaubnis genommen. Das war falsch."
Dr. Pemberton schwieg einen langen Moment, sein ärztlicher Verstand arbeitete sich offensichtlich durch das Problem. Dann sagte er: "Elizabeth, darf ich kurz mit Ihnen unter vier Augen sprechen?"
Sie zogen sich in die Ecke des Zimmers zurück und sprachen mit leisen Stimmen. Shirley stand wie erstarrt, überzeugt, dass sie gleich entlassen werden würde, und fragte sich, wie sie ihren Eltern erklären sollte, wie sie erklären sollte, in Schande nach Hause zu kommen, und wie ihre Familie ohne ihren Lohn auskommen würde.
Als Dr. Pemberton sich zu ihr umwandte, war sein Ausdruck freundlich, aber ernst.
"Shirley, Sie müssen ordentlich untersucht werden. Ich werde einen Termin bei meinem Kollegen Dr. Morrison arrangieren — er ist Spezialist für Augenkrankheiten. Aber offensichtlich leiden Sie an erheblicher Kurzsichtigkeit. Die Brille, die Sie geliehen haben, ist für leichte Kurzsichtigkeit — deshalb hilft sie, aber noch nicht ausreichend. Sie brauchen eine Brille, die speziell für Ihre Augen ausgemessen wird."
"Robert—" begann Mrs. Pemberton.
"Elizabeth, sie hat auf unsere Kinder aufgepasst, während sie kaum in der Lage war, sie zu sehen. Das hört heute auf. Sie braucht eine ordentliche Brille mit der richtigen Stärke."
Er blickte wieder zu Shirley. "Bis wir Ihnen Ihre eigene beschaffen können, dürfen Sie Elizabeths Brille weiter benutzen. Sie ist offensichtlich besser als nichts, auch wenn sie nicht ideal ist."
"Aber das ist meine", protestierte Mrs. Pemberton, allerdings ohne große Überzeugung. "Vater hat sie mir geschenkt."
"Und Sie tragen sie nie. Sie haben selbst gesagt, Sie finden sie hässlich."
"Ich könnte sie brauchen. Zum Lesen. Für Anlässe wie heute—"
"Dann besorgen wir Ihnen auch ein neues Paar. Eines, das Sie vielleicht tatsächlich in der Öffentlichkeit zu tragen bereit wären, wenn so etwas existiert." Sein Ton war sanft, aber in einer Weise bestimmt, die Shirley noch nie von ihm gegenüber seiner Frau gehört hatte.
Mrs. Pemberton öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Schließlich sagte sie leise: "Ich war wohl ziemlich eitel damit. Und wenn Shirley sie wirklich braucht—" Sie schaute Shirley an, schaute sie wirklich an, sah vielleicht zum ersten Mal das sechzehnjährige Mädchen, das sich halbblind durch die Welt bewegt hatte. "Sie dürfen sie benutzen, Shirley. Bis Sie Ihre eigene haben. Aber ich möchte sie irgendwann zurückbekommen. Sie waren Vaters Geschenk."
"Natürlich, Ma'am. Danke, Ma'am." Shirley konnte kaum sprechen vor Tränen — anderen Tränen jetzt.
"Und Shirley", fügte Dr. Pemberton sanft hinzu, "eine ordentliche Brille für Sie. Mit ordentlichen Fassungen. Welchen Stil Sie auch immer mögen. Sie haben unter außerordentlich schwierigen Umständen auf unsere Kinder aufgepasst. Das erforderte Mut. Und es tut mir leid, dass wir nicht früher gemerkt haben, womit Sie zu kämpfen hatten."
Shirley konnte nicht sprechen. Sie konnte nur nicken, Tränen strömten ihr über das Gesicht.
"Gut", sagte Dr. Pemberton brisk, in seine professionelle Haltung wechselnd, "sehen wir uns diese Augen an. Kommen Sie in mein Arbeitszimmer, und ich mache eine Voruntersuchung, bevor ich den Termin bei Dr. Morrison vereinbare."

5. Shirley bekommt ihre erste eigene Brille
Zwei Wochen später kehrte Shirley von Dr. Morrisons Praxis mit ihrer eigenen Brille zurück.
Sie war wunderschön — runde Goldfassungen, zart aber robust, genau ihrem Gesicht angepasst. Dr. Morrison hatte eine Stunde damit verbracht, ihre Augen mit verschiedenen Gläsern zu testen, sie gebeten, Buchstaben auf einer Tafel zu lesen, Gegenstände in verschiedenen Entfernungen zu erkennen. Die Verordnung, hatte er Dr. Pemberton erklärt, wies auf schwere Kurzsichtigkeit hin — minus vier und ein halb Dioptrien bei beiden Augen.
"Sie ist für alles, was weiter als zehn Meter entfernt ist, praktisch blind gewesen", hatte Dr. Morrison gesagt. "Wie hat sie das nur geschafft?"
"Mit Mut und Klugheit", hatte Dr. Pemberton leise geantwortet. "Und jetzt, Gott sei Dank, mit einer Brille."
Als Shirley die eigene Brille zum ersten Mal aufsetzte, sprang die Welt in noch präzisere Schärfe als mit Mrs. Pembertons geliehenem Paar. Alles war klar, knackig, vollkommen definiert. Sie konnte einzelne Ziegel an den Gebäuden sehen. Sie konnte nun Straßenschilder von der anderen Seite des Parks lesen. Sie konnte die Gesichter von Menschen aus Entfernungen erkennen, die ihr zuvor gesichtslose Schemen zurückgelassen hätten.
An jenem Nachmittag bestanden Thomas und Constance darauf, sie in den Park zu begleiten.
"Funktioniert die neue Brille ordentlich?" fragte Thomas und betrachtete ihr Gesicht ernsthaft. "Besser als Mamas?"
"Viel besser", sagte Shirley und lächelte zu ihm hinunter. "Diese sind speziell für meine Augen gemacht. Alles ist jetzt vollkommen klar."
"Sie sehen sehr nett darin aus", sagte Constance und schob ihre kleine Hand in Shirleys. "Sehr erwachsen und klug."
"Sie sehen aus wie eine Lehrerin", fügte Thomas hinzu. "Oder eine Bibliothekarin. Jemand Wichtiges."
Im Park ließ Shirley sie weiter laufen als je zuvor. Fünfzehn Meter. Zwanzig Meter. Dreißig Meter. Sie konnte sie in jeder Entfernung klar sehen, konnte Thomas' Gesicht beobachten, als er sich auf den Bau einer kleinen Burg aus Stöckchen konzentrierte, sie konnte Constances entzückten Ausdruck sehen, als sie Enten jagte.
Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Manchester fühlte Shirley, dass sie frei atmen konnte. Die ständige Angst, die jeden Moment im Park überschattet hatte — die Angst, dass etwas jenseits ihrer begrenzten Sehweite passieren würde, dass sie ihrer Pflicht versagen würde, dass ihre geheime Unzulänglichkeit zu einem Schaden für die Kinder führen würde, die sie betreute — all das war wie weggeblasen.
Sie konnte sehen. Sie konnte endlich richtig gut sehen.
An jenem Abend hielt Mrs. Pemberton sie im Flur auf.
"Shirley, ich wollte sagen—" Sie pausierte und wirkte unbehaglich. "Ich habe über das nachgedacht, was Sie gesagt haben. Darüber, dass Sie es nicht wussten. Dass Sie dachten, alle sehen, was Sie sehen. Ich war ziemlich töricht wegen meiner eigenen Brille, nicht wahr? Ich habe sie weggeräumt, so getan, als bräuchte ich sie nicht, als wäre Eitelkeit wichtiger als — als klar zu sehen."
"Sie haben meistens wunderbares Sehvermögen, Ma'am", sagte Shirley leise. "Sie brauchen die Brille nur zu bestimmten Anlässen. Das ist ganz anders als bei mir."
"Vielleicht. Aber ich glaube, ich habe meinen Kindern die falsche Lektion gelehrt. Eine Brille ist nichts, wofür man sich schämen muss. Klares Sehen ist wichtiger als — als—" Sie gestikulierte vage. "Auf eine bestimmte Weise auszusehen. Aber wenn ich an Sie denke, unfähig, die Kinder richtig zu sehen, täglich kämpfend, und ich war zu eitel, meinen Kindern zu sagen, dass eine Brille für mich existierte—"
"Aber Madam, Sie konnten nicht wissen, dass ich eine Brille brauchte, Ma'am."
"Nein. Aber ich hätte weniger eitel sein sollen—" Sie hielt inne, begann neu. "Ihre Brille steht Ihnen, Shirley. Sie sehen sehr gelehrt darin aus. Sehr — sehr respektabel."
Von Mrs. Pemberton war das ein hohes Lob.
"Danke, Ma'am."
"Und ich werde jetzt auch immer meine Brille tragen. Irgendwie sollte auch ich ein Vorbild sein. Wenn Sie so mutig sind, kann ich das auch."
In jener Nacht, in ihrem kleinen Zimmer unter dem Dach, dachte Shirley an den Feuerwehrwagen in Chorley. Wenn sie damals eine Brille gehabt hätte, hätte sie ihn dreihundert Meter entfernt kommen sehen — hätte die glänzenden Messingbeschläge gesehen, den kraftvollen Schritt der Pferde, die Feuerwehrmänner in ihren Helmen, alles klar und scharf und wirklich.
Sie dachte an all die Jahre, in denen sie nach Geräuschen und Gedächtnis und Vermutungen navigiert hatte, daran, so zu tun, als sähe sie Dinge, die sie nicht sehen konnte, an der ständigen leisen Angst, sich durch eine Welt zu bewegen, die nur halb sichtbar war.
Und sie dachte an den Moment, als sie zum ersten Mal Mrs. Pembertons geliehene Brille aufgesetzt hatte und die Welt in Schärfe explodiert war — jenen Moment der Offenbarung, als ihr klar geworden war, dass alle anderen immer in einer anderen Wirklichkeit gelebt hatten, einer, in der ferne Dinge genauso klar waren wie nahe, in der die Welt sich in scharfen Details so weit erstreckte, wie das Auge reichte.
Sie nahm ihre Brille ab und legte sie sorgfältig auf den kleinen Tisch neben ihrem Bett, berührte die Goldfassungen sanft. Am Morgen würde sie sie wieder aufsetzen und die Welt wäre klar. Jeden Morgen danach, für den Rest ihres Lebens.
Sie konnte jetzt sehen, und sie war sehr glücklich. Sie dachte, dass es ein Privileg ist, eine schöne Brille tragen zu dürfen und sie war niemals im Leben unglücklich damit.


Nachwort: Zum Lesen und zum Vorlesen -
ich widme diese Geschichte all den Mädchen und Jungen, die schon in sehr jungem Alter eine Brille benötigen, und natürlich auch allen Erwachsenen, bei denen das früher oder später zur Notwendigkeit wurde. Ich habe eine ältere Dame, die zum Vorbild für Shirley wurde, in Chorley wirklich kennengelernt, sie war eine Nachbarin ein paar Häuser weiter und hat mir diese Geschichte erzählt.

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