Veröffentlicht: 06.06.2026. Rubrik: Aktionen
Karibik-Urlaub und dann DAS
Jeremie Schadnost legte das Schreiben beiseite und die Stirn in Falten. Was sollte er von den mysteriösen Zeilen halten? Auch nach einem kräftigen Schluck Caipirinha war er nicht schlauer. Er lüftete den breitkrempigen Strohhut, der ihn vor der Karibiksonne schützte, und nahm die Füße vom Hocker. Ein Spaziergang am Meer würde ihn vielleicht eine Lösung für das Rätsel finden lassen. Nachdenklich schlenderte er am Strand entlang. Immer wieder neckten ihn kleine Wellen, die über seine Zehen huschten, und ihn daran erinnerten, dass er zum Entspannen hier war, weg von allen Probleme und dass er den Zettel nur zerknüllen musste, um weiter unbehelligt das schöne Leben an diesem Ort genießen zu können.
Eigentlich wurde in der Botschaft auch nichts davon gesagt, dass sich dieser Zustand ändern sollte. Sie enthielt lediglich den Hinweis darauf, dass dem Tintenkleckser, der sich großspurig Autor nannte, beim Lokalisieren des Aufenthaltsortes für Jeremie Schadnosts Auszeit ein Fehler unterlaufen war. Er hatte sich bei den Koordinaten vertippt und Jeremie Schadnost, statt in die Südsee, in die Karibik geschickt. Natürlich gab es größere Malheure. Ob nun vor der Küste Lateinamerikas oder auf der anderen Seite der Erdkugel, das Dasein erwies sich sicherlich in beiden Weltgegenden als gleich angenehm, solange das Schicksal einen nur zum Faulenzen dorthin verschlagen hatte. Des Weiteren wurde ihm ein Ortswechsel angeboten, um zur eigentlich versprochenen Destination zu gelangen. Dafür war zwar ein bisschen Magie notwendig, aber unterm Strich sollte der Transfer so harmlos ablaufen, als würde er mit dem Taxi aus der Stadt A in die Stadt B reisen. Einsteigen. Zurücklehnen. Aussteigen. Erledigt.
Je länger Jeremie Schadnost über den Vorschlag sinnierte, desto mehr konnte er ihm abgewinnen. Karibik schön und gut, aber wenn als Sahnehäubchen noch die Südsee winkte, wäre es ziemlich töricht, eine solche Option zu ignorieren. Der Meerwind frischte auf und mit ihm Jeremie Schadnosts Entscheidungsfreude. Er war bereit, sich in das neue Abenteuer zu stürzen.
Dass das Ganze tatsächlich zum Abenteuer mutieren würde und nur wenig mit einer harmlosen Taxifahrt zu vergleichen wäre, erfuhr er, als er unter der Telefonnummer, die im Schreiben aufgeführt wurde, das Angebot annahm und sich gleichzeitig nach Details erkundigte. Von dem Redeschwall, der daraufhin über ihn hereinbrach, vermochte er sich nur Weniges zu merken. Neben den wortreichen Glückwünschen für seinen Entschluss blieben ihm noch die magischen Aspekte der Unternehmung in Erinnerung. Die Initiatoren machten sich die geografische Nähe Jeremie Schadnosts Urlaubsressorts zum Bermudadreieck zunutze. Da dort die unmöglichsten Dinge möglich wurden, war der mystische Flecken geradezu dafür prädestiniert, ihn zu verschlingen und an einem anderen Ort wieder auszuspeien. Dazu musste er sich nur in den metaphysischen Bannkreis des Gewässers wagen.
Als er jetzt in dem Einmannboot hockte, das mit der Geradlinigkeit einer Gewehrkugel mitten in das Auge des Bermudadreiecks steuerte, merkte er, dass Magen und Verstand gegen das Vorhaben zu meutern begannen. Das reichhaltige Mittagsmahl konnte er den Fischen spenden, aber seine Bedenken ließen sich nicht wie ein rebellierender Mageninhalt so einfach über Bord kotzen. Sie rumorten hinter seiner Stirn. Schalten ihn einen Narren, der vom Paradies freiwillig in die Hölle stieg. Der den Spatzen aus der Hand gab, um nach der Taube zu greifen, die, unerreichbar für ihn, hoch auf dem Dach gurrte. Die Selbstvorwürfe wurden immer aberwitziger, so dass Jeremie Schadnost fast schon froh war, als das Verderben endlich über ihn hereinbrach und seine Gedanken in ganz andere Richtungen riss.
Alles, was er über die Tücken des Bermudadreiecks jemals in Erfahrung gebracht hatte, schien sich in seinem Fall potenziert zu haben. Ihm oblag es, diese Schrecken hoch zehn - ach was, hoch hundert - zu ertragen.
Ein Tornado peitschte ihn zu einem Strudel, der ihn unter Wasser zutschte. Dort mäanderte er durch einen Stollen, den magische Mächte unter dem südamerikanischen Kontinent hindurchgetrieben haben mussten, Richtung Südsee. Wenn die Abbilder der Kreaturen, die jetzt links und rechts seines Weges lauerten und ihn sich beständig zur Beute machen wollten, jemals zum Inventar einer Geisterbahn gehören sollten, würden deren Betreiber wahrscheinlich schon nach einem Tag Volksfest in den Olymp der Milliardäre aufsteigen. Von schaurigeren Gestalten war Jeremie Schadnost noch nie in Panik versetzt worden. Als er schon befürchtete, mit dem nächsten Herzschlag in die ewigen Jagdgründe befördert zu werden, endete das Grausen abrupt. Völlige Stille umgab ihn. Er hatte die Gestade der Südsee erreicht. Das erkannte er beim ersten Blick in den Nachthimmel. Die dort funkelten Sternenbilder ähnelten keinem des Karibikfirmaments. Völlig erschöpft sank er in einen tiefen Schlaf.
Am Morgen weckte ihn ein kalter Windstoß. Verdattert klappte er die Augenlider hoch. Schneewehen umgaben ihn. Dass ihn die weiße Pracht nicht auch unter sich begraben hatte, verdankte er nur dem Glücksfall, dass er von einem Dach davor bewahrt worden war, das ihm sehr vertraut schien. Nach mehrmaligen Blinzeln wusste er auch warum. Er lag auf seiner Partyterrasse. Zwei Tage vor Weihnachten …
… der elende Tintenkleckser musste schon wieder die Koordinaten falsch eingegeben haben …
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Weitere Kurzgeschichten von mir gibt es auf meiner Webseite:
https://katermoritzspricht.de/jeremie-schadnost
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