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geschrieben von Kater Moritz.
Veröffentlicht: 03.06.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Freddy und Oscar – Die Kaiser-Eiche

Hallo Freunde. Lasst mich mal kurz erklären, mit wem ihr es hier zu tun habt. Also, ich bin Freddy, meines Zeichens Pferd. Genauer gesagt das Prachtexemplar eines schweren Warmbluts, mit fast 1,80 m Widerrist und schönem braunen Fell. Einem, dem die Stuten nur so hinterher wiehern. Durch eine kleine chirurgische Gemeinheit, die mir ein Jahr nach meiner Geburt vor 9 Jahren, angetan wurde, kann ich die Pferdedamen zwar nicht mehr so beglücken, wie sie es von einem Kerl wie mir eigentlich erwarten, aber das Leben bietet ja auch einem Wallach noch eine Menge anderer schöner Momente.

Einer davon war sicherlich meine Begegnung mit Oscar, meinem - seiner Ansicht nach - dominantem Besitzer und Reiter. Seit sechs Jahren gehen wir nun schon unseren gemeinsamen Weg, beziehungsweise schleppe ich ihn über Stock und Stein. Und genau so lange schüttet er mir sein Herz aus. Aber lest selbst …

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Heute will Oscar mit mir an einen ganz besonderen Ort reiten. Vor zwei Tagen hat er mir das schon pathetisch angekündigt, aber mit keiner Silbe verraten, wohin es gehen soll. Wahrscheinlich werde ich wieder über Stock und Stein stolpern müssen und froh sein können, wenn ich unversehrt zurück in den Stall komme. Mein lieber Reiter macht sich ja manchmal keine Gedanken darüber, welche Wege er mir zumutet, obwohl er immer beteuert, dass er mich beim Ausreiten schonen wolle. Besonders beunruhigt bin ich darüber, dass er seine Andeutung mit „Freddy“ begann (auf das Bla-Bla-Bla hinterher habe ich dann überhaupt nicht mehr geachtet). Wenn er nämlich „Freddy“ statt „Freddchen“ zu mir sagt, muss ich immer mit dem Schlimmsten rechnen, weil er dann meistens etwas vorhat, was einem vernünftigen Pferd niemals in den Sinn kommen würde. Aber ich sehe ihn gerade heranspazieren, da kann ich das Rätselraten sein lassen. Gleich wird er mir seinen heutigen Plan auftischen.

„Hallo Freddchen.“

Klingt so, als wäre heute ein Tag wie jeder andere.

„Bist du schon neugierig, was dich heute erwarten wird?“

Neugier würde ich das nicht nennen. Es sind eher handfeste Befürchtungen, die mich peinigen.

„Ich werd's dir nicht verraten, bis wir an Ort und Stelle sind. Deshalb wird schnell geputzt, schnell gesattelt und noch schneller geritten. Hahaha!“

Find ich gar nicht lustig, wenn du deine Faulheit hinter einer noblen Absicht verschwinden lassen willst. Schau wenigstens nach, dass kein Steinchen in den Hufen klemmt! Denn es macht überhaupt keinen Spaß, einen 100-Kilo-Brocken mit schmerzenden Hufen durch die Gegend zu schleppen. Oh, jetzt zieht er aber eine grimmige Schnute. Er wird doch wohl nicht meine Gedanken erraten haben? Na gut, dann nehme ich mal den 100-Kilo-Brocken zurück. Ganz so schwer ist er ja wirklich nicht.

„So Freddchen. Jetzt wird aufgesessen. Und los geht's.“

Aber wohin? Über die Brücke müssen wir auf alle Fälle und natürlich im Schritt. Danach gabelt sich der Weg nach links, geradeaus und nach rechts. In alle drei Richtungen kann man ganz gut traben. Weiter hinten schließen sich ein paar Galopp-Strecken an oder es geht in den Wald. So, die Brücke liegt hinter uns und . . . er zerrt am linken Zügel . . . dorthin will er also.

„Freddchen, lass uns munter drauflos traben.“

Uns? Traben muss ich doch! Du brauchst oben bloß den Rhythmus zu halten. Dabei wäre es echt schön, wenn du mir nicht bei jedem kleinen Stolperschritt in den Rücken plumpsen würdest.

„Und jetzt im Galopp!“

Zu Befehl, der Herr!

„So, Freddchen. Jetzt kannst du erst mal ein bisschen verschnaufen. Ein Stückchen traben wir noch und dann geht's im Schritt weiter.“

Also, mir macht der Galopp nichts aus. Da kommen wenigstens mal die müden Knochen in Schwung. Aber wenn du da oben deshalb fast aus dem Sattel rutschst, schalten wir eben in den 1. Gang zurück.

„Langsam nähern wir uns auch unserm Ziel. Sobald wir im Wald sind, biegen wir vom Weg ab. Zwischen den Bäumen werden wir wohl fünf Minuten brauchen, um hin zu kommen.“

Da haben wir die Bescherung. Es geht durchs Unterholz. Unten liegen trockenen Äste kreuz und quer, dass man nicht weiß, wohin mit den Hufen und oben muss man ständig abschätzen, ob der Platz zwischen den Stämmen breit genug zum Durchquetschen ist.

„Freddchen, gleich kurven wir im Slalom um die Bäume. Denk dabei bitte an meinen Kopf und meine Knie. Zusammen sind wir höher und breiter als du alleine.“

Wer unbedingt durch diesen Urwald will, sollte wenigstens auf sich selber aufpassen können. Ich werde versuchen, mich heil hier durchzumogeln. Und dir rate ich das Selbe. Mir ist immer noch schleierhaft, was wir ausgerechnet hier suchen?

„Freddy, mach mal langsamer. Gerade hat mir ein Ast das Gesicht zerkratzt. So schnell kann ich dem Gestrüpp doch nicht ausweichen. Zum Glück haben wir es fast geschafft. Dort vorn kann ich unser Ziel bereits erkennen.“

Dann musst du ja von da oben eine prächtige Aussicht genießen. Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht.

„Halt an, Freddy!“

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Sind wir vielleicht am Mittelpunkt der Erde angekommen oder muss du bloß schnell mal hinter einem Baum verschwinden oder warum geht's nicht weiter?

„Freddy, wir sind da. Vor dir liegt im wahrsten Sinne des Wortes der Grund unseres heutigen Ausritts.“

Vor mir liegt ein vermoderter hohler Stamm und der wird ja wohl nicht der Grund unseres Ausritts sein.

„Du wirst dich sicherlich fragen, weshalb wir uns zu diesem Baumwrack her gequält haben. Und ich werde dir ganz schnell eine Antwort geben. Das ist kein x-beliebiger Baum, das ist oder besser gesagt das war die Kaiser-Eiche.“

Na, dann erzähl mir mal, was du über die Kaiser-Eiche weißt.

„Den Namen hat sie zu Ehren eines Kaisers erhalten. Vielleicht eines mittelalterlichen, vielleicht aber auch zu Ehren einer der beiden Wilhelms …“

Tja Oscar, allwissend bist du nicht gerade.

„… ist ja auch egal. Jedenfalls war es ein riesiger Baum. Ich habe die Eiche noch stehen sehen. Obwohl sie innen bereits hohl war, ist sie erst vor ein paar Jahren umgefallen. Hätten sie die Russen kurz nach dem Krieg nicht angekokelt, könnten wir vielleicht heute noch zu ihr emporblicken. 1945 hatten die Sowjets nicht viel mit den deutschen Kaisern am Hut, auch wenn keiner von denen mit diesem Krieg etwas zu tun hatte. Alles musste weg, was an sie erinnerte.“

Typisch Menschen diese Russen: Aus Frust auf den Kaiser brennen sie einen Baum an, nur, weil der als Kaiser-Eiche bekannt ist.

„Eigentlich hätten die Leute aus den umliegenden Dörfern die Eiche nach dem 1. Weltkrieg aus Wut auf den Kaiser fällen können. Schließlich hat der ihre Söhne, Brüder und Väter auf dem Gewissen. Für ihn sind sie doch auf die Schlachtfelder gezogen.“

Für den Kaiser, nicht für die Kaiser-Eiche. Jetzt gibst du dem Baum im Nachhinein auch die Schuld für das Elend.

„Zwei Onkels meiner Oma sind gefallen. Der eine schon 1915, der andere 1918 kurz vor dem Ende des Schlamassels. Beide waren Anfang zwanzig. Wären die beiden nicht im Krieg geblieben und stattdessen alt geworden, hätte ich sie vielleicht kennen lernen können. Schließlich habe ich mich als junger Kerl noch mit 1.-Weltkriegs-Veteranen unterhalten, die mehr Glück als meine beiden Verwandten hatte und lebend von den Schlachtfeldern zurückgekehrt sind.“

Auch meine Vorfahren sind in diesen Krieg gezogen. Allerdings weder aus Patriotismus oder Pflichtgefühl. Ungefragt hat man sie als Kavalleriepferde in Maschinengewehrsalven getrieben, sie vor Kanonen gespannt und, wenn es keinen Proviant mehr gab, über den Lagerfeuern gebraten. Sie hatten keinen Streit mit ihren russischen oder französischen Artgenossen und sie wären auch nie auf die Idee gekommen, Millionen anderer Pferde niederzumetzeln, nur, weil die auf der falschen Seite einer Grenze das Licht der Welt erblickt haben. So etwas fällt nur euch Zweibeinern ein. Meinungsverschiedenheiten werden bei uns mit ein bisschen Beißen oder einem kräftigen Tritt mit der Hinterhand ausgetragen. Das tut zwar weh, aber davon stirbt man nicht oder zumindest nur sehr, sehr selten.

„Freddy, nun hast du die Kaiser-Eiche gesehen und kannst dir in etwa vorstellen, welche Geschichten sich um sie ranken. Manche haben unter ihrem Blätterdach bestimmt schöne Erlebnisse gehabt, andere weniger schöne. Könnte der Baum davon berichten, was er in den Jahrhunderten erlebt hat, würden wir noch eine Menge zu hören bekommen. Aber leider ist er stumm und kann genauso wenig erzählen wie du. Dabei würde es mich schon interessieren, was du über die Welt und mich denkst.“

Sei lieber froh, dass du das niemals erfahren wirst. Und jetzt lass uns verschwinden!

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Weitere Kurzgeschichten von mir gibt es auf meiner Webseite:

https://katermoritzspricht.de/fantasy-stories

Viel Spaß beim Stöbern und Lesen!

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