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geschrieben von Kater Moritz.
Veröffentlicht: 12.05.2026. Rubrik: Lustiges


Freddy und Oscar – Leidensgefährten

Hallo Freunde. Lasst mich mal kurz erklären, mit wem ihr es hier zu tun habt. Also, ich bin Freddy, meines Zeichens Pferd. Genauer gesagt das Prachtexemplar eines schweren Warmbluts, mit fast 1,80 m Widerrist und schönem braunen Fell. Einem, dem die Stuten nur so hinterher wiehern. Durch eine kleine chirurgische Gemeinheit, die mir ein Jahr nach meiner Geburt vor 9 Jahren, angetan wurde, kann ich die Pferdedamen zwar nicht mehr so beglücken, wie sie es von einem Kerl wie mir eigentlich erwarten, aber das Leben bietet ja auch einem Wallach noch eine Menge anderer schöner Momente.

SatirepatzerSatirepatzerEiner davon war sicherlich meine Begegnung mit Oscar, meinem - seiner Ansicht nach - dominantem Besitzer und Reiter. Seit sechs Jahren gehen wir nun schon unseren gemeinsamen Weg, beziehungsweise schleppe ich ihn über Stock und Stein. Und genau so lange schüttet er mir sein Herz aus. Aber lest selbst …

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Komisch. Da vorn sehe ich Oscar kommen und ich sehe ihn auch nicht. So ein Quatsch. Also ich sehe ihn natürlich, aber irgendwie sieht er anders aus als sonst. Was hat er bloß angestellt, dass ich zweimal hinschauen muss, um ihn zu erkennen? Da fehlt etwas an ihm, was sonst immer da war. Er ist fast jeden Tag hier. Ich kann ihn mir mit geschlossenen Augen von oben bis unten vorstellen, weiß sogar, wie er innerlich tickt und jetzt habe ich den Eindruck, ein Fremder eilt auf mich zu. Bloß gut, dass er mir gleich erzählen wird, was mit ihm passiert ist.

„Hallo Freddchen.“

Er ist es tatsächlich. Dann haben mich meine Augen wenigstens nicht betrogen.

„Guck’ nicht so, als würde ich zum ersten Mal hier aufkreuzen!“

Egal, wie oft du schon hier warst, so seltsam wie heute bist du mir noch nie vorgekommen.

„Und versuch auch nicht, dämlich zu grinsen, nur, weil ich mich ein bisschen verändert habe.“

Erstaunlich, wie falsch man einen Gesichtsausdruck interpretieren kann: Für den einen ist es ‚ein dämliches Grinsen’, für den anderen eine ‚nachdenkliche Miene’. Grinsen oder laut wiehern werde ich vielleicht, wenn du mir endlich erklärst, was dir angetan worden ist. Bis dahin belasse ich es beim Nachdenken und Wundern.

„Für eine Weile wirst du dich daran gewöhnen müssen, dass der liebe Oscar nicht mehr ganz der Alte ist. Aber glaube mir, die Zeit heilt alle Wunden und lässt nachwachsen, was verschwunden ist.“

Deine Andeutung klingt nicht nur sehr verworren, sie macht mich auch nicht klüger.

„Ich werde jetzt das Geheimnis lüften.“

Beeil dich damit!

„Ich werde meinen Hut abnehmen und . . .!“

So eine Sch . . . da muss ich ja wirklich laut wiehern. Wie kannst du dir so etwas antun?

„Freddy, ich habe dich gewarnt. Du sollst dich deshalb nicht über mich lustig machen!“

Moment . . . also, ‚lustig’ ist das falsche Wort. Ich bin … ja, … ich bin entsetzt!

„Drei Millimeter. Von vorn bis hinten.“

Wahnsinn. Kein Wunder, dass du mir so fremd vorgekommen bist. Sonst hing dir die Mähne fast bis auf die Schultern und jetzt sind da nur noch ein paar Stoppeln und zwei Ohren, die den Hut daran hindern, bis zur Nase zu rutschen. So etwas Ähnliches habe ich das letzte Mal gesehen, als der Stute in der Box neben mir die Sattellage geschoren wurde. Weder sie noch ich wussten wozu. Hoffentlich hattest du wenigstens einen halbwegs vernünftigen Grund, dich so verunstalten zu lassen?

„Drei Millimeter sind das Äußerste, was ein Mann ertragen kann, der sich immer gewünscht hat, in Woodstock dabei gewesen zu sein. Drei große Gläser Whisky habe ich gebraucht, bevor ich den Figaro sein grausames Werk verrichten ließ. Und wer ist daran schuld …“

Das möchte ich auch gern wissen!

„… die Gattin …“

Die Gattin des Figaros?

„Meine Gattin. Seit wir zum Schulanfang unseres Neffen eingeladen sind, nörgelt sie an meinen Haaren herum. Irgendwann hatte ich ihre Sticheleien so satt, da bin in die Stadt gefahren, habe mich in eine Kneipe gesetzt, drei Whisky heruntergestürzt und bin anschließend zum Friseur gewankt. Als mich der Friseur nach meiner Wunschfrisur gefragt hat, habe ich kurz entschlossen ‚Drei Millimeter’ gesagt und danach nichts mehr. Mein holdes Weib hätte mich fast umgebracht, als ich wieder nach Hause kam. Erstens wegen dem Haarschnitt und zweitens wegen meines Zustandes. Nach dem die Haare ab waren, musste ich meinen Kummer darüber nämlich mit drei weiteren Whisky betäuben … also an diese drei kann ich mich noch erinnern … alles, was danach geschah, weiß ich nicht mehr so genau.“

Armer Kerl.

„Aber meine Frau wäre nicht meine Frau, wenn sie das so einfach hingenommen hätte. Jetzt will sie unserem Neffen nämlich als besondere Überraschung noch einen kleinen Ausritt mit dir schenken. Dabei weiß sie genau, wie sehr ich es hasse, jemanden anderen auf dir reiten zu lassen.“

Das werde ich schon überstehen.

„Das ist aber noch nicht alles. Daran hat sie eine Bedingung geknüpft - ich zitiere: ‚Damit unser Freddy nicht wie ein struppiger Mustang aussieht, wirst du ihm eine schöne Stehmähne schneiden, dann seht ihr euch wenigstens wieder etwas ähnlich.‘“

Du hast ihr doch sofort klargemacht, dass du mir so etwas niemals antun würdest?

„Na ja. Ich bin ihr zwar gleich ins Wort gefallen und habe ihr gesagt, dass ich das nicht machen werde. Aber als sie sich plötzlich mit einer gepackten Reisetasche in der Hand vor mir aufbaute und verkündete, sie werde umgehend zu ihrer Mutter ziehen und so lange dortbleiben, bis mir die Haare nachgewachsen wären oder du eine Stehmähne hättest, dachte ich mir, dass das mit der Stehmähne vielleicht doch keine allzu schlechte Idee sei. Ich meine, in ein paar Monaten ist ja alles wieder beim Alten.“

Du bist ein Verräter, Oscar. Jetzt willst du meine Mähne dafür opfern, dass dein Haussegen wieder ins Lot kommt. Das ist ja eine schöne Freundschaft.

„Sieh es einmal so, Freddchen. Wir beide müssen zusammen halten wie Pech und Schwefel. Der eine ist für den anderen da. Und was mir angetan wurde, nimmst du doch auch gerne auf dich. Andersrum ist es genau so, deine Schicksalsschläge sind auch meine …“

Dann sollte ich dich vielleicht auch in die Schulter beißen, so wie es das Stütchen aus der Nachbarbox mit mir gemacht hat, damit wir den selben blauen Fleck mit uns herumtragen und uns wieder ähneln. Ich weiß gar nicht, was mir noch alles dazu einfallen könnte … oder doch? Mir kommt tatsächlich noch ein Gedanke! Mein lieber Oscar: Ich möchte dich daran erinnern, dass ich ein Wallach bin …

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Weitere Kurzgeschichten von mir gibt es auf meiner Webseite:

https://katermoritzspricht.de/fantasy-stories

Viel Spaß beim Stöbern und Lesen!

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