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geschrieben von Kater Moritz.
Veröffentlicht: 11.06.2026. Rubrik: Spannung


Die Hand des Feuers

Es schien, als säße der Mann schlafend am Feuer. Die tief ins Gesicht gezogene Kapuze seiner Kutte verdeckte seine Augen, ließ nicht erkennen, ob sie geöffnet oder geschlossen waren. Aber da die Gestalt so regungslos dahockte, musste es die Schlafstarre sein, die von ihr Besitz ergriffen hatte. Die wohlige Wärme, die das Feuer verströmte, mochte ebenfalls dazu beigetragen haben, dass hier der Schlaf bis in die Morgenstunden hinein das Zepter führen würde.

Doch Nemro schlief nicht. Stattdessen beobachtete er das Spiel der Flammen. Ihr unaufhörliches Flackern und Zucken, das Zusammensinken und Wiederhochschießen, das Changieren zwischen Rot- und Gelbtönen beschäftigte seine Gedanken. Beim Anblick des ruhelos vor sich hin zuckenden Feuers weigerte sich sein Verstand, es als leb- und seelenloses Etwas zu akzeptieren. Nichts, was so agil agierte, konnte eine Sinnesverwandtschaft mit dem Felsen haben, an dem Nemro mit dem Rücken lehnte, der sich zwar von der Sonne erwärmen ließ und es den Winden gestattete, seine steinerne Haut zu streicheln, aber der innerlich eben nur ein Stein war.

Genau so wenig verband das Feuer etwas mit der Handvoll Sand, die Nemro mühelos zusammenraffen und verstreuen konnte, ohne dass sich die Körner jemals dagegen auflehnten, weil ihnen ein eigener Willen fehlte. Versuchte er jedoch, das Feuer zu greifen, würde es sich seinen Griffen widersetzen, ihm die Haut seiner Finger versengen, sie gar verzehren, wenn er sie nicht schnell genug vor der Wut und der Macht der Flammen in Sicherheit brachte.

Diese Unterschiede zu den anderen Dingen der Umgebung erhoben das Feuer zu etwas Besonderem, unterstrichen seine Einmaligkeit und versetzten Nemro in eine Begeisterung, die ihn beinah dazu verführt hätte, sich in die Glut zu stürzen, um Teil dieses ihn faszinierenden Universums zu werden.

Dass er sich seinem Wunsch nicht hingab, lag auch an seinem Wissen und seinen Erfahrungen. Er wusste wohl, wie sehr er im Moment Gefangener einer Stimmung war, die vollkommen von den Flammen beeinflusst wurde. Ihre Suggestion hätte ausgereicht, einen labileren Charakter so zu vereinnahmen, dass er augenblicklich den durch die Flammen initiierten Regungen nachgekommen wäre.

Um das Feuer, das ihm Nacht für Nacht bei seinen ausgedehnten Reisen wärmte, nicht zu verärgern, sah er sich gezwungen, ihm den Grund für seine Verweigerung darzulegen.

„Gerne würde ich mich dir hingeben, das kannst du mir glauben, lodernder Freund“, begann er seine Rechtfertigung. „Denn ich genieße es jeden Tag, nach Sonnenuntergang, wenn die Kälte sich in die Welt schleicht und sie unter ihre Knute zwingt, von dir vor dem Erfrieren bewahrt zu werden. Doch mich treibt eine Aufgabe durch die Welt, die mich daran hindert, meinem Verlangen nachzugeben. Ich habe eine Pflicht zu erfüllen, der ich mich nicht entziehen kann. Der auf dem Berge herrscht hat mich ausgewählt, eine Tat zu vollbringen, mit der ein Übel aus der Welt getilgt wird, das großes Unheil anrichtet. Je länger es dauert, bis ich zum Erfolg komme, desto schlimmer und furchtbarer ist der Schaden, den es den Redlichen und Vollkommenen, denen, die die absolute Wahrheit verkünden, antut.“

Die Flammen schienen seine Worte verstanden zu haben. Sie schossen in die Höhe, obwohl kaum noch Holz in der Feuerstelle lag, das sie mit ihrer Hitze verzehren konnten.
Nemro verstand es, die Botschaft zu entschlüsseln. „Es ehrt mich ungemein, deine Zustimmung zu finden. Oft stoße ich mit dem, was ich tue, auf Ablehnung. Oft werde ich missverstanden und man unterstellt mir, ein Scheusal zu sein, obwohl ich dazu auserkoren wurde, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Es ist keine leichte Aufgabe unter solchen widrigen Bedingungen sein Tagwerk zu vollbringen, doch ich zwinge mich dazu, allen Widrigkeiten zum Trotze, zu erledigen, was mir aufgetragen wurde.“

Wieder loderte das Feuer zu Mannesgröße empor, wodurch sich Nemro ermutigt fühlte, fortzufahren. „Natürlich gelingt mir das nur selten mit bloßen Händen. Dazu benötige ich Werkzeuge. Ich will dir jedes einzelne davon zeigen, damit du siehst, dass ich gut dafür ausgerüstet bin, die mir übertragene Aufgaben mit Erfolg auszuführen.“

Nemro griff hinter sich und legte Köcher und Bogen in den Lichtschein des Feuers. „Meine Pfeile verfehlen nie ihr Ziel. Auch nicht, wenn ich sie aus großer Weite abschieße.“

Als nächstes rammte er eine Lanze in den Boden. „Mit ihr durchdringe ich jede Rüstung. Kein Schutz hält ihrer Wucht stand.“

Als drittes Werkzeug präsentierte er einen Dolch. „Bin ich meinem Ziel auf Armlänge nah gekommen, benutze ich diese Klinge. Noch nie hat sie mich im Stich gelassen.“

Mit einem listigen Kichern fingerte er dann unter seiner Kutte herum und brachte eine Phiole zum Vorschein. „Dieses Gefäß, gefüllt mit den richtigen Ingredienzien, übertrifft alle meine Werkzeuge aus Eisen in seiner Wirkung. Reiche ich es herum, fallen ihm alle zum Opfer, die so töricht sind, es zu ergreifen und von seinem Inhalt zu kosten.“

Das Feuer offenbarte ihm erneut seine Begeisterung und bewog Nemro zum Weitersprechen. „Zu guter Letzt will ich dir auch jene Waffe vorführen, derer ich mich bediene, wenn mir keine von den anderen zur Verfügung steht. Dazu muss ich nicht hinter mich greifen, dazu muss ich nicht in den verborgenen Taschen meiner Kutte suchen, denn diese Waffe ist ein Teil von mir selbst. Es sind meine Hände, die außergewöhnliche Dinge vollbringen können!“ Er reckte sie in die Höhe, senkte sie dann in Richtung der Flammen.

Und wieder reagierte sein lodernder Zuhörer. Diesmal jedoch anders als vorher. Statt zu wachsen, sackte das Feuer in sich zusammen. Aus der Glut formte sich ein Arm, der sich Nemro entgegenstreckte. Fünf Finger packten ihn, zerrten ihn unbarmherzig in die Mitte der Feuerstelle. Dort begannen kleine Flammen an seinen Füßen zu lecken, züngelten an seinen Beinen empor, erfassten seine Kutte und schlugen schließlich über seinem Kopf zusammen. Damit nicht genug, verschlangen sie auch seine Waffen.

Erst am Morgen erlosch das Feuer. Seine Flammen hatten dafür gesorgt, dass Nemro nun nicht mehr in der Lage dazu war, unschuldige Menschenleben zum Erlöschen zu bringen.

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Weitere Kurzgeschichten von mir gibt es auf meiner Webseite:

https://katermoritzspricht.de/fantasy-stories

Viel Spaß beim Stöbern und Lesen!

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Rika am 11.06.2026:

Hallo Kater Moritz, eine sehr interessante Geschichte mit einem Ausgang, den ich mir nicht gedacht hätte. Recht geschieht es ihm, dass er jetzt keine unschuldigen Menschen mehr vernichten kann.




geschrieben von Phoberos am 11.06.2026:

Gerne gelesen.

Anfangs dachte ich, Nemro würde dem Feuer Gesellschaft leisten. Am Ende hatte ich eher den Eindruck, das Feuer hätte Nemro verhört. 😄

Schön aufgebaut, da der Leser die Wahrheit nach und nach selbst entdeckt, anstatt sie erklärt zu bekommen.

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