Veröffentlicht: 13.06.2026. Rubrik: Unsortiert
Nadelkissen und Stricknadel
Serhiy griff in die Jackentasche und fuhr mit den Fingern über das dicke Bündel Geldscheine, das er dort aufbewahrte. Es war eine komische Woche gewesen, in der sie viel Sinnloses tun mussten, aber eine sehr lukrative, deren Ertrag sich nun in seiner Jackentasche befand. Am Montag hat Serhiy den gut bezahlten Auftrag eines Künstlers an Land gezogen, der es sich etwas kosten ließ, wenn sein Kunstwerk dafür exakt nach seinen Plänen hergestellt und aufgestellt wurde. Der misstrauische Künstler verlangte aber, dass jeder Schritt, sowohl die Montage des Inhalts der 16 Röhren als auch das Aufstellen des Kunstwerks mit gradgenauer Ausrichtung der 15 kurzen Röhren nach Süden und der einen langen Röhre nach Nordosten und dem schlussendlichen Anschluss und Start des knatternden Benzin-Stromgenerators, der zum Heizen des Kunstwerks diente, mit an ihn zu sendenden Videoaufnahmen dokumentiert wurde. Erst nach Erhalt der Videos war der Künstler bereit, die restliche Hälfte der Zahlung zu überweisen. Dadurch verhinderte der Künstler zwar, dass sie Dimas Vorschlag, nur leere Röhren ohne Inhalt aufzustellen, umsetzen konnten, aber durch massiv überhöhte Materialpreise und Verrechnung von übertriebenen Stundenlöhnen konnten sie den Künstler trotzdem ausnehmen. Selbst schuld, wenn der Künstler sich nicht informierte, was der Marktpreis von 18 Tonnen Altmetall, 5 Kilogramm Osmium, 2 Tonnen Eisen und 32 Eieruhren war oder was der übliche Stundenlohn für einen Mechaniker war.
Dima, der immer verstehen wollte, warum und wofür er etwas tat, hatte den Künstler zwar gefragt, weshalb sie je zwei Osmium-Ringe in eine danach verschlossene Eisen-Ummantelung legen mussten, aber die Antwort des Künstler, dass durch die grosse Annäherung der Ringe die Kraft des Raumes freigesetzt würde, ließ ihn genauso ratlos wie vorher zurück. Die Antwort auf die nächste Frage, warum je zwei solche ummantelten Ringe nebeneinander zu legen sind und darüber in links und rechts je ein weiterer Ring in 45° Schräglage und einer in der Mitte senkrecht stehend zu montieren sind, erleuchtete den Sinn der Übung für ihn noch weniger. Denn der Künstler antwortete, dass die Kraft des Raums rundherum wirke und durch diese Konstruktion sichergestellt werde, dass die Kraft des Raumes nur in eine Richtung wirke. Obwohl bis jetzt keine Antwort zu mehr Verständnis des Zwecks geführt hatte, blieb Dima hartnäckig und fragte, warum eine weiterer ummantelter Eisenring zwischen zwei Altmetall-Blöcken platziert war. Aber auch dieses Mal ließ ihn die Antwort - weil dadurch die Energie des Altmetalls entfesselt werde - mehr verwirrt zurück als vorher. Das Einzige, was er verstand, war, dass die ganze sinnfreie Konstruktion in die Röhre gesteckt wurde und die zwei Eieruhren dazu dienten, den Stromfluss zu steuern. Die erste leitete Strom aus der Batterie während sie lief in die 5 Ringe, die gemäss Künstler die Kraft des Raumes in eine Richtung lenkten, die zweite leitete Strom, sobald sie abgelaufen war, zum Ring, der gemäss Künstler zum Entfesseln der Energie des Altmetalls diente. Als Serhiy fand, mit einem logischen rationalen Verstand seien die esoterischen Aussagen des Künstlers nicht zu verstehen, nickte Dima frustriert und fuhr ohne weitere Fragen mit der Arbeit fort, wobei er leise murmelte “Für genug Geld macht der Mensch selbst absolut Sinnloses”.
Schlussendlich hatten sie am Freitag alle Röhren fertig montiert und konnten sie am Samstag an den Zielort für die endgültige Installation bringen. Am Samstagmorgen machten sie sich daher mit einem Laster mit Auflieger, auf dessen Ladefläche die Kiste mit den in 3 Reihen à je 5 Röhren angeordneten Röhren befestigt war, und einem Anhänger, auf dem die 3 Meter 50 lange einzelne Röhre vertäut war, auf die etwa dreistündige Fahrt zum Zielort, der knapp 40 Kilometer von der südlichen Grenze und etwa 30 von der östlichen Grenze entfernt war. Da Serhiys Großmutter dort in der Nähe wohnte, beschlossen sie, bei ihr einen Stopp einzulegen, bevor sie das Kunstwerk installierten. Seine Großmutter freute sich natürlich riesig über seinen spontanen Besuch, zauberte aus Kartoffeln, Speck und selbst angebautem Gemüse in Windeseile ein köstliches Mittagsmahl für ihn und Dima auf den Tisch und fand, nachdem sie erfahren hatte, dass das Kunstwerk, welches sie als Nadelkissen und Stricknadel betitelte, noch in der Nähe zu installieren war, das sie die Nacht unbedingt hier verbringen müssten. Beim frühen Eindunkeln im Winter sei es viel zu gefährlich, so lange im Dunkeln zurückzufahren. Erfreut über das Angebot stimmten sie natürlich zu, gerne bei ihr zu übernachten.
Wohl genährt und mit vollen Mägen langsamer als sonst installierten sie auf einer Anhöhe in der sonst endlosen, flachen, schneebedeckten Steppe das Kunstwerk. Den Anhänger mit der langen Röhre richteten sie nordostwärts aus, wie vom Künstler gefordert. Die Röhre selbst brachten sie von einer waagerechten Lage in eine leicht schräge, in dem sie das Ende, welches Nordosten am nächsten war, durch einen Holzblock darunter erhöhten. Den Auflieger parkierten sie so, dass er parallel zur Südgrenze stand und die in verschiedenen Winkeln nach rechts und links geneigten aufrecht stehenden Röhren in der Kiste darauf auch. Dann schlossen sie den Stromgenerator an die Kiste und die einzelne Röhre an. Nachdem Dima ihn gestartet hatte, fing er unter lautem Geknatter an, Strom zu produzieren. Sobald dieser Strom durch die Eisen-Ummantelungen und die darin enthaltenen Osmium-Ringe jeder Röhre geflossen war, leuchtete am Ende Röhre ein kleines grünes Lämpchen auf. Serhiy filmte die ganze fertiggestellte und laufende Installation und sandte die Aufnahme dem Künstler, der daraufhin innerhalb von 5 Minuten die noch geschuldete Summe auf sein Krypto Wallet übertrug. Zufrieden über das fast vollendete Werk, startete er den Motor der Zugmaschine des Lasters, um zum Haus der Großmutter zurückzufahren. Alles, was morgen noch zu tun war, war, den Stromgenerator wieder abzuholen. Soll doch jemand anderer sich fragen, warum der Künstler wollte, dass die Röhren 12 Stunden geheizt wurden und danach nie mehr.
Die Großmutter hatte unterdessen die Nachbarn in ihrem kleinen Weiler über den unerwarteten Besuch ihres Enkels informiert, so dass bei ihrer Rückkehr die Scheune des Nachbarn zu einer Festhalle umfunktioniert war mit Bänken, Tischen und Lautsprechern. Jeder der 20 Bewohner des Weilers brachte etwas als seinen Beitrag zum Fest mit. Die Tische waren übervoll mit Gläser mit eingemachtem Gemüse, selbst gebranntem Schnaps, frisch gebackenen Kuchen, Töpfen mit wohlriechenden Eintöpfen und Würsten gefüllt und über einem offenen Feuer daneben drehte ein Spiess mit einem kleinen Spanferkel, welches vorne und hinten von Grillhähnchen flankiert war. Vom Tagwerk zwar müde, aber durch die Kulisse aus fröhlichem Geschnatter, verlockenden Düften und dem Ertönen traditioneller allseits bekannter Volkslieder mit neuer Energie durchströmt, stürzten sich Dima und Serhiy in das Fest. Auch die Großmutter war ganz aufgedreht und erzählte mit einem Nadelkissen und einer Stricknadel ausgerüstet jedem, was der Grund ihres Besuches war. Wenn sie gefragt wurde, was denn der Zweck des Nadelkissen- und Stricknadel-Kunstwerks sei, antwortete sie, dass mit den Nadeln die bösen südlichen Nachbarn gepikst würden, wenn sie über die Grenze kämen, und sie mit Schlägen mit der Stricknadel weiter über die östliche Grenze vertrieben würden, was jedesmal lautes Gelächter auslöste. Zu komisch war die Vorstellung einer alten molligen Dame, die junge kräftige Männer mit Nadeln piekste, so dass sie aufsprangen, und nachher diese mit Schlägen einer Stricknadel vertrieb. Viel zu spät mit von Müdigkeit und Alkohol benebelten Köpfen sanken Serhiy und Dima schlussendlich um 2 Uhr in ihre Betten und sägten mit dem Gesang ihres Schnarchens ein großes Loch in die Stille der Nacht.
Ein lauter Knall und 30 Sekunden später eine etwa 2-minütige Serie von weiteren Böllern riss sie unsanft aus dem Schlaf. Es war noch fast dunkel, nur im Osten zeigte sich sanft ein zartes, kaum den kommenden Tag vermuten lassendes Morgengrauen. Doch die Hunde des Weilers wurden durch die Böller auch aufgeweckt und bellten jetzt um die Wette, wer den unerwünschten Störenfried lauter abschrecken konnte. Einfach umdrehen und weiterschlafen war daher unmöglich. Verkatert stand Serhiy auf, streifte sich das Hemd über, zog die Hose und Schuhe an, und trat vor das Haus der Großmutter, um die in der Nacht in der Blase angesammelte Flüssigkeit als rauschenden Strom in die Freiheit der Natur zu entlassen. Sich fragend, was die Ursache der Böller sein könnte, schaute er umher. Aber außer einem knappen Dutzend dünner grauer Wolkenstreifen, die sich über den Himmel Richtung Süden zogen, und einem rötlich-gelben Flackern an der Südgrenze konnte er nichts entdecken. Gähnend und fröstelnd ging er daher wieder hinein und konnte, da die Hundemeute sich unterdessen beruhigt hatte und nicht mehr bellte, schlussendlich wieder einschlafen.
Ausgeschlafen machten er und Dima sich um 10 Uhr auf den Weg nach Hause, wobei sie zuerst mit einem kurzen Abstecher den Stromgenerator beim Kunstwerk abholen und mitnehmen wollten. Als sie auf die Anhöhe fuhren, wo das Kunstwerk stand, kam ihnen ein Traktor mit Anhänger entgegen. Auf dem Anhänger war ihr Stromgenerator festgezurrt. Eilig kurbelt Dima das Fenster herunter und rief, was ihnen einfiel, das sei sein Eigentum. Die Fremden antworteten, warum er denn sein Eigentum ohne zu Fragen auf ihrem Land parkiere und ob der Auflieger mit der Kiste und der Anhänger auch ihm gehöre. Serhiy stieg aus und erklärte, dass der Künstler sie angewiesen hatte, sein Kunstwerk hier zu installieren und dass sie deshalb angenommen hatten, dass das Land ihm gehöre oder die Eigentümer zumindest damit einverstanden seien. Der Traktorfahrer und Landeigentümer verneinte dies und forderte sie auf, bis Mittag alles zu entfernen. Konsterniert stimmten sie zu und fuhren weiter auf die Anhöhe, um den Rest abzubauen, während der Traktor weiter nach unten fuhr, um wenden zu können und ihnen den Stromgenerator zurückzubringen. Oben angekommen, koppelten sie den Auflieger an die Zugmaschine, hängten den Anhänger an und luden den Stromgenerator wieder auf. Als sich der Traktorfahrer danach verabschieden wollte, erhoben sie Einspruch. Ohne die 16 Röhren, die nirgends zu sehen waren, und die der Traktorfahrer deshalb früher abtransportiert haben musste, würden sie nicht weggehen. Der Traktorfahrer behauptete, nichts von den Röhren zu wissen. Als er heute morgen auf die Anhöhe gekommen sei, sei keine einzige Röhre hier gewesen. Dima wurde laut und nannte den Traktorfahrer einen Lügner und Dieb. Der Traktorfahrer geriet dadurch auch in Rage und nannte sie Landstreicher, die illegal ihren Müll auf seinem Land entsorgen wollten und von ihm durch das Erfinden von zusätzlichen Dingen, von den sie behaupteten, er hätte sie gestohlen, wohl noch Geld erpressen wollten. Um die verfahrene Situation zu beruhigen, ging Serhiy zwischen die zwei Streithähne, entschuldigte sich nochmals beim Traktorfahrer für die ungefragte Nutzung seines Landes, verabschiedete sich und deutete Dima an, jetzt einzusteigen. Das beruhigte die Situation und sie fuhren ungehindert Richtung ihrer Heimatstadt los. Dima schwieg lange, fragte ihn aber schlussendlich, warum er vom Traktorfahrer nicht verlangt hatte, die Röhren zurückzugeben. Serhiy antwortete, weil das Altmetall so aufwändig zu demontieren gewesen wäre, dass der dafür erzielbare Verkaufspreis kaum die Kosten decken würde. Dadurch, dass er die Röhren kampflos dem Traktorfahrer überließ, ersparte er sich nicht nur mühsame Diskussionen, sondern auch viel mühselige Arbeit und den finanziellen Verlust durch die Demontage. Diese Argumente überzeugten Dima zum Glück.
Am frühen Abend kamen sie in ihrer Heimatstadt bei ihrer Werkstatt an, aber erlebten dort gleich die nächste unangenehme Überraschung. In ihre Werkstatt war eingebrochen worden! Der Aktenschrank war geplündert worden. Die ganzen Ordner mit Unterlagen und Quittungen der letzten 2 Monate fehlten. Sein Notebook, auf dem die Originale gespeichert waren, hatten die Diebe auch mitlaufen lassen, ebenso wie die in der ganzen Werkstatt aufgehängten Konstruktionszeichnungen. Nichts, was wirklich wertvoll war. Sie fragten sich deshalb, was die Diebe damit bezwecken wollten, vergass aber die ganze Sache schnell, als sie das Durcheinander wieder aufgeräumt hatten und sie sich auf die Ausführung der nächsten Aufträge konzentrieren mussten.
Seither sind 5 Jahre vergangen. Die Großmutter war 2 Monate nach seinem Besuch friedlich im Kreis ihrer drei Töchter verstorben. Nur ihren letzten Satz, dass sie jetzt beruhigt gehen könne, nachdem das Nadelkissen und die Stricknadel ihren Zweck erfüllt hätten, verstand niemand. Das sich nach vergangener Größe sehnende Reich östlich und südlich der Grenze war zerfallen, nachdem vermutlich aufgrund eines Softwarefehlers innert 2 Minuten mehrere gewaltige und verheerende Bomben detonierten, die die Hauptstadt im Nordosten und ein 300 Kilometer langes und 30 Kilometer breites Gebiet im Süden augenblicklich in eine irdische Feuerhölle verwandelten. Er selbst hatte seine Werkstatt verkauft und sich im Süden, der sich nach der Katastrophe seinem Staat angeschlossen hatte, mit dem Verkaufserlös der Werkstatt, dem Gewinn aus dem Auftrag des Künstlers und seinem Anteil vom Erbe der Großmutter ein Hotel am Meer gekauft, mit dem er nun seinen Lebensunterhalt verdiente. Für ihn hatte sich alles zum Guten entwickelt, nur Dima tat ihm leid. Dieser hatte den Wahn entwickelt, dass die Röhren des Künstler die Verursacher der Feuerhölle seien. Jedem seiner Besucher in der geschlossen Anstalt in der psychiatrischen Klinik, wo er jetzt lebte, hielt Dima einen Vortrag darüber, dass der Künstler mit der Kraft des Raumes, die überall wirkt, die Gravitationskraft und Newtons Gravitationsgesetz mit der grossen Annäherung der Ringe meine. Durch das lange Erhitzen seien die Ringe in Plasmen verwandelt worden. Diese seien durch das Magnetfeld der Ummantelung aus Eisen stark komprimiert worden, was ihren Abstandsradius sehr klein werden ließ. Das habe eine starke Gravitationskraft erzeugt, die die Röhre Richtung Ziel geschleudert und die zwei Altmetall-Hälften mit hoher Geschwindigkeit miteinander kollidieren lassen habe. Das sei der Grund, warum sie am Morgen keine Röhren mehr gefunden hätten. Man soll ihm die Konstruktionspläne des Künstlers bringen, dann könne er alles berechnen und seine Thesen beweisen! Wenn man ihm sagte, dass diese doch gestohlen worden seien und somit für immer verloren seien, brach er nur in lautes Wehklagen aus und schlug seinen Kopf gegen die Wände, bis er blutig war. Armer Dima - unfähig zu akzeptieren, dass durch einen Softwarefehler die Bomben des Reiches gleichzeitig detonierten. Wobei, komisch war schon, dass nach Detonationen der vielen Atombomben keine erhöhte Radioaktivität gemessen wurde….
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