Veröffentlicht: 19.06.2026. Rubrik: Unsortiert
Im Graben hinter der Kirche
Auf dem Nachtisch sieht er das leere Glas stehen. Eigentlich wollte er nur etwas Wasser trinken, hat es aber nicht bis zum Waschbecken geschafft. Er ist unkonzentriert, verspürt ein starkes Rauschen in den Ohren; sein Körper kommt nicht zur Ruhe, er muss zu viel Adrenalin abbauen. Die morgendlichen Geräusche nimmt er nur am Rande wahr. Seine rechte Hand fühlt sich taub an und kribbelt, er hat vermutlich im Schlaf unglücklich darauf gelegen. Es ist bereits die zweite Nacht in Folge, die er derart unruhig verbracht hat. Einem Reflex folgend massiert er die Hand erst einmal 'wach'. Und in sein Bewusstsein steigen Eindrücke von früher auf; längst vergessene, verdrängte Bilder belasten ihn, ausgelöst durch den Anblick eines Kindergummistiefels, den er vor Tagen in einem Entwässerungsraben hinter der Kirchenmauer gesehen hat. Mitten in der Landschaft, einfach so – sowas gehört da nicht hin. Zunächst hatte er den Ausblick auf das Grün der idyllischen Auenlandschaft genossen, auf die man vom Fenster des Pastorats schauen kann, vorbei an der wuchtigen Gemeindekirche St. Jürgen. Bis er diesen Stiefel sah. Ihn ereilt ein Flashback, es fühlt sich an wie eine Notbremse, die sein Körper gezogen hat, es trifft ihn mit Wucht. Und nun tauchen verstörende Bilder vor seinen Augen auf, die lange verschüttet, verdrängt waren. Die Bilder um das Verschwinden seines Spielkameraden Salim, der während eines Spiels plötzlich nicht mehr zu sehen war, erscheinen jetzt klar und plastisch.
Pastor Heiko Freese erkennt nun erstmals die reale Situation, die er vor über vierzig Jahren hier durchlebt hat, bevor er in Panik zu den Eltern rannte, um das Verschwinden seines Spielkameraden zu melden. Dieser bleibt auf mysteriöse Weise verschwunden. Der damals siebenjährige Heiko hatte seinerzeit keine Erklärung dafür. Und die Anzahl der Bilder nehmen jetzt zu, sie werden immer deutlicher: Übermütig lachende Kinder, die in einem selbst erdachten Abenteuerspiel umher tollen. Und dann ändert sich die Stimmung zwischen den beiden, es wird hitziger. Sie ringen um einen geschnitzten Stock, den Salim seinem Freund entwindet und mit diesem, wie einen Säbel schwingend, auf der unbefestigten Uferkante eines breiten Abwassergrabens balanciert und dabei triumphierend lacht. Das weiche Ufer bricht weg. Salim verliert den Halt und fällt in eine tiefe Ausspülung, in der sich an dieser Stelle Strudel gebildet hatten. Ein panischer Hilferuf. Heiko eilt zu der Stelle hin, blickt in die angsterfüllten Augen des Freundes und streckt seine Hand nach ihm aus. Dann zögert er einen Moment lang. Salim wird fortgezogen in Richtung eines überwucherten Durchlasses, der unter einem alten Wirtschaftsweg verläuft und verschwindet im Wasser. Dies ist für Heiko das letzte Bild von Salim, als er mit ansehen muss, wie dieser in ein dunkles Loch verschwindet. Dazu einer der herrenlosen farbigen Gummistiefel, der in der Nähe an das schilfgesäumte Ufer treibt. Er verfällt in einen Schockzustand, er läuft ins Dorf zurück. Dort kommt er völlig verwirrt an, hat keinen realen Bezug mehr zu dem Geschehen, kann den Erwachsenen keine realistische Beschreibung des Ereignisses geben. Niemand versteht den Zusammenhang, als er etwas von Wasser und einem dunklen Loch stammelt, und bald traut auch er seinen Erinnerungen nicht mehr. Die Bilder zerfallen und lösen sich schließlich irgendwann auf.
In den darauffolgenden Jahren verblassen die belastenden Eindrücke, bis sie irgendwann endgültig verschwinden. Heiko Freese wächst wohlbehütet und unauffällig in einer neuen Umgebung auf, in die seine Familie kurz nach dem Unglück umzieht. Hier folgt er der Tradition der Familie und studiert Theologie, so wie sein Vater vor ihm. Nach einer mehrjährigen Tätigkeit im Entwicklungsdienst kehrt Heiko nach Deutschland zurück. Hier übernimmt er die ihm angebotene Stelle eines Gemeindepfarrers in der Gemeinde St. Jürgen in seinem früheren Heimatort. Die düsteren Vorkommnisse aus seiner Kindheit sind längst verarbeitet; er freut sich auf die neue Tätigkeit. Und dann nach wenigen Tagen dort der Flashback.
Heiko begibt sich noch am selben Vormittag zum Kirchenarchiv. Hier findet er alte Baupläne des Geländes, in denen der Entwässerungstunnel in den Plänen eingezeichnet ist. Dieser befindet sich genau an der Stelle, die er in seinen Erinnerungen gesehen hat und den er in seinem Schockzustand verdrängt hatte. Wenige Wochen später beginnen die Ausgrabungen auf dem inzwischen verwilderten Stück Land. Die Arbeiter stoßen dabei auf die Reste des eingestürzten Durchlasses. Damals hatten die Helfer lediglich den offenen Graben abgesucht - niemand war auf die Idee gekommen, dass der Junge in einen Durchlass gespült worden sein könnte. Nach starken Regenfällen wurde dieser eingefallene Tunnel vom Erdreich verschüttet und später vollständig überwuchert. Und dort finden sie jetzt schließlich, wonach niemand mehr gesucht hatte.
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