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4xhab ich gern gelesen
geschrieben von rubber sole.
Veröffentlicht: 02.01.2026. Rubrik: Unsortiert


Biblische Referenzfigur

Zu einer Zeit, bevor digitalisierte Prozesse die Abläufe der Arbeitswelt dominierten, war ich erfolgreich als Vertriebsmanager tätig, verantwortlich für die Entwicklung von Marketingstrategien. Aufgrund meiner überbordenden Kreativität galt ich lange Zeit als schwer ersetzbar, was praktisch einer Unkündbarkeit gleichkam. Diese Aufgabe erfüllte mich beruflich, ich war rundum zufrieden. Doch dies änderte sich dramatisch, als sich computergestützte Methoden wie ein Flächenbrand auch in meiner Arbeitswelt ausbreiteten. Meine extreme Abneigung gegen digitale Anwendungen war sprichwörtlich; mich interessierten bis dahin Algorithmen so viel wie die Spielregeln der Sportart Kricket – nämlich überhaupt nicht. Meine Old-School-Denk-Strukturen wurden beim Übergang zu neuen Technologien jedoch geradezu pulverisiert; ich musste mich umorientieren und zumindest ein Minimum an neuen Technologien in meine bisherige Arbeitsweisen übernehmen, wollte ich meinen Job behalten. Das Erlernen neuer Verfahren beschränkte sich zunächst auf das Aneignen von Grundkenntnissen für Anwendungen technologisch neuartiger Arbeitsmittel, bis ich irgendwann nicht mehr als digitaler Analphabet galt.

Der Quantensprung, weg von Hilfsmitteln wie Heftnotizen und Spiralblock mit Karomuster, war rascher vollzogen als ich es mir hätte vorstellen können – der virtuose Umgang mit Exel-Tabellen und PowerPoint-Präsentationen wurde für mich zum alltäglichen Standard. Und irgendwann wollte ich mehr wissen; ich ließ mich nun gerne aus der analogen Welt herausziehen, indem ich sämtliche Fortbildungsangebote zum Thema neue Technologien wahrnahm. Schon nach kurzer Zeit waren Arbeitsprozesse mit Bezug auf betriebliche Vorgänge keine Herausforderung mehr für mich. Ich war infiziert vom Virus des technologischen Fortschritts. In meiner Freizeit, im tariflichen Bildungs- sowie bald auch im Erholungsurlaub, besuchte ich zusätzlich wissenschaftliche Seminare, die mich in höhere Sphären führten: Zum Schnittpunkt, an dem sich Naturwissenschaft, Philosophie und Religion kreuzen. Die Hinwendung zu anspruchsvollen Studien war bald nicht mehr nebenbei zu bewältigen. Ich benötigte mehr Zeit, und so nahm ich ein Sabbatical von zwölf Monaten, das zur Beendigung meines vorherigen Berufslebens führte, hin zu Arbeitskreisen von spezialisierten Wissenschaftlern. Diese erkannten bald, dass mein kreatives Potential auch für mathematische Problemlösungen nützlich sein könnte. So wurde ich Mitglied einer Gruppe von Forschern, die sich mit den Grenzen algorithmischer Beweise in einem spezifischen Bereich der Informatik beschäftigte. Es ging dabei um Identifizierung von logischen Argumenten, welche das Erschaffen aller bisher existierender Strukturen ermöglichen könnte: Grundlage einer Künstlichen Intelligenz, KI(n), die auch zurückliegende biologische Formen originalgetreu rekonstruieren kann – vereinfacht ausgedrückt. Ganz besonders war ich besessen von der Vorstellung, irgendwann organisches Material mit 3D-Druckern kreieren zu können

Ich begann aus heutigem DNA-Material historische biologische Strukturen entlang jüdischer Stammbäume zu erfassen und diese im 3D-Bioprintingverfahren als organische Rekonstruktion zu kopieren. Das Ziel war, eine Rückrechnung bis zur biblischen Figur Sem, Sohn Noahs, vorzunehmen, Sem 2.0 zu erschaffen. Mit solch einer Rekonstruktion und der analytischen Bewertung der Nachkommen Sems, also die Gesamtheit aller Semiten einschließlich der Vielfalt nichtjüdischer Nachfahren, wollte ich deren Weg bis in die Gegenwart analysieren und die Ergebnisse kommunizieren. So sollte eine große Zahl von Menschen einen intelligenteren Umgang mit sich selbst lernen. Auf diese Weise wollte ich Antisemitismus ad absurdum führen, welcher in einigen dieser Gruppen stark verbreitet ist und sich dabei paradoxerweise gegen die eigene Ethnie richtet.

Bei Generationsstufe 81 erhielt ich dann die Meldung eines technischen Fehlers: Keine weitere genealogische Identifizierung möglich. Ich hatte versucht, die Komponenten Charakter und Bewusstsein zu simulieren und in den zu rekonstruierenden Organismus einzufügen. Das System konnte diesen Vorgang keinem definierten Vorfahren zuordnen. Die genetischen Marker kollabierten, ethnische Vergleiche waren ab hier nicht mehr möglich. Damit war der Ursprung dieser Form des Antisemitismus' für mich nicht mehr greifbar. Eine grenzenlose Enttäuschung machte sich in mir breit, ich stürzte in eine tiefe Sinnkrise. Die Folge war eine schwere Depression, die zusätzlich durch Anfeindungen verschiedener religiöser und politischer Gruppen befeuert wurde. Mein Psychotherapeut sieht als Ursache meines Problems die Illusion einer Scheinbefriedigung durch ein missglücktes Scheitern.

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