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geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 09.07.2026. Rubrik: Abenteuerliches


Unter denselben Sternen

Die Wärme des Tages wich langsam einer angenehmen Abendkühle. Wie jedes Jahr zog es die Menschen in dieser Jahreszeit in kühlere Regionen. Manche suchten die Höhe, andere zog es nach Norden. Es war ein Rhythmus, älter als jeder Einzelne von ihnen. Niemand sprach darüber. Man tat es einfach.

Nestor legte zwei Felle auf die Sitzsteine und setzte sich langsam. Seine Bewegungen waren ruhiger geworden. Früher hätte er sich einfach fallen lassen. Heute achtete er darauf, wie er sich hinsetzte.

Sophia füllte die beiden Trinkgefäße. Seit einigen Stunden hatten verschiedene Kräuter im Wasser gezogen. Er mochte den herben Geschmack. Ob er tatsächlich gegen die schmerzenden Gelenke half, wusste niemand. Aber manches tat einfach gut, weil man daran glaubte.

Eine Zeit lang schwiegen sie.

Die Stille zwischen ihnen war keine Leere.

Sie war vertraut.„Die Jungen machen vieles anders als wir“, sagte Nestor schließlich.

Sophia lächelte.„Das haben unsere Eltern auch über uns gesagt.“

„Vielleicht hatten sie recht.“

„Vielleicht.“Er drehte das Trinkgefäß langsam zwischen den Händen.

„Felix übernimmt immer mehr Verantwortung.“

„Das soll er.“

„Manchmal frage ich mich, ob er überhaupt noch versteht, warum wir manches so gemacht haben.“

„Das wird er.“

„Oder er macht es besser.“

Sophia nickte. „Das wäre doch schön.“

Nestor musste schmunzeln.„Du findest immer etwas Gutes.“

„Nicht immer.“Sie nahm einen Schluck.„Aber oft.“Der Wind spielte mit einer losen Haarsträhne. „Weißt du noch, als Felix als Kind diese roten Beeren gegessen hat?“

Nestor lächelte.

„Ich dachte schon, wir hätten ihn verloren.“

„Und am nächsten Morgen fragte er nach etwas zu essen.“

„Seitdem nennen ihn alle den Glücklichen.“

Sophia nickte.

„Das stimmt. Aber wir beide wissen, dass es nicht das Glück ist.“

Nestor sah sie fragend an.

„Es ist seine Neugier“, sagte sie leise. „Er probiert Dinge aus, die andere gar nicht erst wagen. Manchmal geht es schief. Meistens aber entdeckt er etwas, das den anderen verborgen bleibt.“

Sie schwiegen wieder.

Diesmal war es Sophia, die den Blick hob.„Stella wird heute wieder lange wach bleiben.“

Nestor folgte ihrem Blick.„Sie sucht Antworten zwischen den Sternen.“

„Nein.“Sophia lächelte.„Sie stellt Fragen.“

„Ist das nicht dasselbe?“

„Vielleicht.“Die ersten Sterne wurden sichtbar.„Ich beneide sie manchmal.“

„Warum?“

„Weil sie noch glaubt, dass es auf jede Frage eine Antwort gibt.“

Nestor sah lange vor sich hin. „Und du?“

„Ich glaube inzwischen, dass die richtigen Fragen wichtiger sind.“

Er nickte langsam.„Früher dachte ich, mein Leben hätte eine Richtung.“

„Hat es die nicht?“

„Doch.“ Er überlegte. „Als ich jung war, wollte ich der Beste sein. Dann wollte ich für die anderen sorgen. Später wollte ich etwas hinterlassen.“

Sophia antwortete nicht sofort. Sie strich mit einem Finger über den Stein zwischen ihnen. „Schau.“ Er beobachtete, wie sie eine feine Linie zog. Ein Windhauch genügte, und der Staub verwischte sie wieder. „Siehst du?“

„Sie ist verschwunden.“

„Nein.“ Sie lächelte.„Du hast gesehen, dass sie da war.“

Nestor dachte lange darüber nach.„Vielleicht liegt mein Fehler darin, immer nach etwas Dauerhaftem gesucht zu haben.“

„Vielleicht.“

„Und wenn am Ende nichts bleibt?“

Sophia sah ihn an.„Bleibt denn nichts?“

Er schwieg.

„Felix weiß inzwischen, worauf er achten muss.“

Er nickte.

„Stella wird ihren eigenen Kindern erzählen, was sie von uns gelernt hat.“

Er nickte wieder.„Und irgendwann werden auch sie älter werden.“

„Ja.“

„Dann werden sie dieselben Fragen stellen.“

Nestor lächelte.„Glaubst du?“

„Ganz bestimmt.“Sie blickte hinauf in den sternenklaren Himmel. „Vielleicht ist das unser Platz.“

„Welcher?“

„Nicht der Anfang.“ Sie nahm seine Hand. „Nicht das Ende.“ Sie drückte sie sanft. „Sondern die Brücke dazwischen.“

Lange saßen sie schweigend nebeneinander.Aus der Ferne drang ein tiefes, dumpfes Trompeten durch die Abendluft.

Nestor hob den Kopf. „Sie sind früh unterwegs.“

Sophia nickte. „Der Winter wird dieses Jahr früher kommen.“

Sie erhob sich langsam.„Dann werden die Jüngeren morgen den Mammutherden folgen.“

Nestor griff nach seinem Speer, dessen Spitze aus sorgfältig geschlagenem Feuerstein im Schein des Feuers matt aufleuchtete.

„Felix wird den Weg kennen.“

Sophia lächelte. „Und Stella wird den Himmel lesen.“

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Europa, vor etwa 50.000 Jahren.

Vielleicht fand das erste philosophische Gespräch der Menschheit nicht in einer Akademie statt, sondern an einem Lagerfeuer.

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