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geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 11.06.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Das Wesen der Dinge

Seit vielen Jahren arbeiteten Jonas und Amir im selben Labor.

Sie erforschten das Wesen der Dinge.

Warum Blüten leuchteten.
Warum Fische ihren Weg fanden.
Warum manche Tiere tausende Kilometer wanderten und andere ihr ganzes Leben an einem Ort verbrachten.

Die meisten ihrer Forschungsarbeiten trugen beide Namen.

Manchmal stritten sie.

Oft lachten sie.

Und gelegentlich waren sie überzeugt, der andere müsse verrückt geworden sein.

So wie an jenem Morgen.

„Da ist ein Muster“, sagte Jonas.

Amir betrachtete die Blüte.

„Nein.“

„Doch.“

„Nein.“

„Du schaust nicht richtig hin.“

„Ich schaue sehr genau hin.“

Jonas seufzte.

„Die Linien leuchten deutlich.“

„Da leuchtet nichts.“

„Natürlich leuchtet es.“

„Natürlich nicht.“

Eine Stunde später standen beide noch immer vor derselben Blüte.

Jonas zeigte auf die Blütenblätter.

Amir schüttelte den Kopf.

Amir zeigte auf einen Fisch im Wasserbecken.

Jonas schüttelte den Kopf.

„Hörst du das nicht?“

„Was denn?“

„Das Knistern.“

„Fische knistern nicht.“

„Dieser schon.“

„Unsinn.“

Amir lachte.

„Vielleicht bist du taub.“

„Und vielleicht bist du blind.“

Sie schwiegen.

Dann mussten beide lachen.

Denn diese Diskussion führten sie seit Jahren.

Immer wieder.

Über Blüten.
Über Fische.
Über Steine.
Über Wolken.

Über die Welt.

Schliesslich beschlossen sie, einen neuen Sensor zu bauen.

Einen Sensor für Dinge, die scheints nur einer von beiden wahrnehmen konnte.

Wochenlang arbeiteten sie daran.

Jonas beschrieb die Muster, die er sah.

Amir beschrieb die Signale, die er wahrnahm.

Gemeinsam bauten sie etwas, das es zuvor noch nie gegeben hatte.

Als der Sensor zum ersten Mal eingeschaltet wurde, blickten beide gleichzeitig auf den Bildschirm.

Dort erschien ein Muster.

Und ein Signal.

Beides existierte.

Beides war real.

Beide hatten recht gehabt.

Lange standen sie schweigend vor dem Gerät.

„Merkwürdig“, sagte Jonas schliesslich.

„Was?“

„Jahrelang dachte ich, du würdest Dinge erfinden.“

Amir nickte.

„Ich dachte dasselbe über dich.“

Wieder schwiegen sie.

Dann blickte Jonas aus dem Fenster.

Über den Blumen schwebten hunderte seiner Artgenossen.

Weit draussen im Meer glitten die Verwandten von Amir durch die Tiefe.

„Darf ich dich etwas fragen?“

„Natürlich.“

„Wie kommt es eigentlich, dass wir beide die Welt so unterschiedlich wahrnehmen?“

Amir dachte einen Moment nach.

Dann lächelte er.

„Vielleicht aus demselben Grund, weshalb du fliegen kannst und ich schwimmen.“

Zum ersten Mal seit vielen Jahren betrachteten sie einander genauer.

Jonas betrachtete die Flügel auf seinem Rücken.

Amir die grosse Rückenflosse über seinem Kopf.

„Seltsam“, sagte Jonas.

„Was denn diesmal?“

„Wir arbeiten seit zwölf Jahren zusammen.“

„Ja.“

„Und ich habe nie darüber nachgedacht, dass du ein Hai bist.“

Amir lachte.

„Dann sind wir schon zwei.“

Draussen flog eine Biene über die Blumen.

Tief unten zog ein Hai durch das Wasser.

Und für einen kurzen Moment fragten sich beide, ob die Welt tatsächlich grösser geworden war.

Oder ob sie lediglich gelernt hatten, einen etwas grösseren Teil von ihr wahrzunehmen.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Catarina am 11.06.2026:

Hallo Phoberos
eine wunderschöne, zeitlose Geschichte.
Wir nehmen wirklich nur das wahr, was für uns von persönlichem Interesse ist.
Der eine sucht das Materielle, ein anderer die Liebe ... aber selten ist es das große Ganze, mit all seinen Vor-und Nachteilen.
Viele Grüße
Karin

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