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geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 12.06.2026. Rubrik: Fantastisches


Melazios und die goldene Platte

Kapitel 1 – Die vierte Hochzeit

Melazios hielt sich nicht für einen Entdecker.
Er war Schrottsammler.
Ein ehrbarer Beruf, aber keiner, mit dem man Eindruck machte.
Seine Eltern erinnerten ihn regelmässig daran.
Vor allem sein Vater.
"In deinem Alter hatte ich bereits fünf Ehefrauen und dreiundzwanzig Kinder."
Melazios hasste diesen Satz.
Er hatte derzeit drei Ehefrauen, sieben Kinder und eine Verlobte.
Nach Ansicht seiner Eltern war das ungefähr die Leistung eines gelangweilten Jugendlichen.
Schlimmer noch: Die Familie seiner zukünftigen vierten Frau erwartete ein anständiges Brautgeschenk in Latinum.
Dafür brauchte Melazios Geld.
Viel Geld.
Leider war der Markt für Fogaritische Sternkartensonden völlig übersättigt.
Tausende Schrottsammler sammelten dieselben Wracks ein.
Die Preise fielen seit Jahren.
Als seine Sensoren in einem benachbarten Sternensystem einen wasserreichen Planeten in der habitablen Zone entdeckten, beschloss er, ein Risiko einzugehen.
Vielleicht wartete dort endlich der Fund seines Lebens.
Er setzte Kurs auf das ferne blaue Juwel und legte sich schlafen.
"Sieben Schlafzyklen", murmelte er.
"Wenn dort draussen kein Schatz auf mich wartet, kann ich an der Hochzeit gleich vorbeifliegen."

Kapitel 2 – Der Zusammenstoß

Der Einschlag weckte ihn.
Ein dumpfer Schlag.
Dann ein zweiter.
Warnanzeigen flackerten auf.
Das linke Triebwerk war ausgefallen.
Das Schiff begann langsam zu trudeln.
Melazios fluchte.
Mehrfach.
Sehr kreativ.
Die Sensoren zeigten ein winziges Objekt.
Alt.
Metallisch.
Und glitzernd.
Das letzte Wort gefiel ihm.
Mit dem Fangstrahl zog er das Objekt an Bord.
Es war kleiner als erwartet.
Offenbar uralt.
Eine Sonde.
An einer Seite befand sich eine goldfarbene Scheibe.
Melazios lächelte.
Endlich.
Latinum.
Zehn Minuten später stellte sich heraus, dass es kein Latinum war.
Nicht einmal annähernd.
Der Materialwert war lächerlich.
Verärgert wollte er die Sonde bereits zerlegen.
Dann bemerkte er seltsame Gravuren auf der Scheibe.
Eine Anleitung.
Jemand hatte gewollt, dass sie abgespielt wird.
Da sein Triebwerk ohnehin repariert werden musste, beschloss Melazios, sich die Sache anzusehen.

Kapitel 3 – Das Signal B-A-CH

Die Reparatur dauerte länger als geplant.
Währenddessen baute Melazios die in den Gravuren dargestellte Vorrichtung nach.
Beim dritten Versuch funktionierte sie.
Ein leises Knacken.
Dann Geräusche.
Wind.
Wasser.
Tierlaute.
Stimmen.
Schliesslich ein Muster.
Komplex.
Geordnet.
Aber scheinbar ohne Zweck.
Melazios hörte es mehrfach.
Er konnte weder eine Sternkarte noch technische Daten erkennen.
Auch eine Sprache schien es nicht zu sein.
In seinen Aufzeichnungen vermerkte er:
"Unbekannter Datensatz. Vermutlich kultureller oder religiöser Natur."
Erst später bemerkte er die Nebenwirkung.
Während der Wiedergabe reagierte sein Resonanzorgan.
Alte Verspannungen verschwanden.
Sein Schlaf wurde tiefer.
Seine Konzentration besser.
Er wiederholte die Tests.
Immer wieder.
Mit demselben Ergebnis.
Auf einer der Markierungen fand er die Bezeichnung:
J. S. BACH
Melazios ging davon aus, dass dies der Name der Resonanzmethode war.
Von diesem Zeitpunkt an bezeichnete er die Aufnahme als:
B-A-CH-Protokoll.
Als das reparierte Triebwerk wieder gleichmässig summte, setzte er Kurs auf seine Heimatwelt.
Das blaue Juwel verlor er aus den Augen.
Die Sonde blieb an Bord.
Mehr aus Neugier als aus Überzeugung.

Kapitel 4 – Die B-A-CH-Methode

Zu Hause begann alles als Nebensache.
Ein Freund hörte die Aufnahme.
Dann ein Nachbar.
Dann ein Händler.
Viele berichteten von ähnlichen Effekten.
Besserer Schlaf.
Weniger Schmerzen.
Mehr Konzentration.
Melazios begann Nachforschungen anzustellen.
Die Sonde wurde zum Mittelpunkt seines Lebens.
Je mehr er lernte, desto mehr wuchs seine Bewunderung für die unbekannte Spezies.
Offenbar hatten ihre Wissenschaftler eine Methode entwickelt, biologische Resonanzen gezielt zu beeinflussen.
Und offenbar hatten sie diese Erkenntnisse auf einer goldenen Scheibe konserviert.
Innerhalb weniger Jahre wurde das B-A-CH-Protokoll bekannt.
Zunächst regional.
Dann planetenweit.
Schliesslich verdiente Melazios mehr Geld mit Lizenzen und Vorträgen als jemals zuvor mit Schrott.
Er kaufte ein neues Schiff.
Bezahlte die Hochzeit.
Und hörte auf, die Preise von Fogaritischen Sternkartensonden zu verfolgen.

Kapitel 5 – Der Resonanzingenieur

Viele Jahre später galt Melazios als führender Experte für menschliche Resonanztechnologie.
Er veröffentlichte Bücher.
Gab Interviews.
Und hielt Vorträge über den legendären Ingenieur Bach.
Dann änderte sich alles.
Ein Historiker fand weitere Informationen über die Erbauer der Sonde.
Darunter auch Übersetzungen.
Melazios studierte die Unterlagen tagelang.
Dann sass er schweigend vor seinem Schreibtisch.
Johann Sebastian Bach.
Beruf:
Musiker.
Komponist.
Kein Ingenieur.
Kein Wissenschaftler.
Kein Arzt.
Melazios las die Zeilen erneut.
Und nochmals.
Schliesslich fragte er den Historiker:
"Wenn Bach kein Resonanzingenieur war ... weshalb hat er diese Signale erzeugt?"
Der Historiker zuckte mit den Schultern.
"Nach unseren Erkenntnissen, weil sie schön klangen."
Er blätterte durch die Unterlagen.
"Ach ja. Die Sonde selbst wurde ebenfalls identifiziert."
Melazios hob den Blick.
"Und?"
"Ihr Name war Voyager 1."
Lange sagte Melazios nichts.
Dann begann er zu lachen.
Leise zuerst.
Dann immer lauter.
Die Spezies vom blauen Juwel hatte eine medizinische Revolution ausgelöst, ohne es zu beabsichtigen.
Später hing die goldene Scheibe über seinem Schreibtisch.
Nicht als Heilgerät.
Nicht als Schatz.
Sondern als Erinnerung daran, dass die wertvollsten Funde oft jene sind, die man zunächst für wertlosen Schrott hält.

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