Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
hab ich gern gelesen
geschrieben von Roland Power.
Veröffentlicht: 23.07.2026. Rubrik: Menschliches


Acht Hindernisse

‚Eins, eins, eins, eins, eins … Zwei, verdammt! Eins, eins, eins. Erledigt. Verdammt, was sagt die Stoppuhr? Vielleicht reicht es trotzdem noch. Ich habe eigentlich gut genug trainiert. So eine Scheiße.‘

„Athlet Eddie Müller hat 10,367 Sekunden für den Durchlauf benötigt. Allerdings erhält er noch eine Zeitstrafe von 0,5 Sekunden, weil er für Hindernis fünf zwei statt nur eines Versuchs benötigte. Eddie Müller kommt damit auf eine Wettkampfzeit von 10,867 Sekunden: seine persönliche Bestzeit und eine neue olympische Bestzeit!“, tönte es aus den Lautsprechern in der Wettkampfzone und im olympischen Dorf.

Tosender Applaus. Eddie-Sprechchöre. Fahnen der VZD und der Weltunion wurden von Tausenden Zuschauern geschwenkt. Diese Wettkampfzeit würde nur sehr schwer zu schlagen sein.

Eddie riss die Arme hoch, winkte der Menge zu und verneigte sich mehrmals in Richtung der VIP-Loge. Dann ging er zurück zur Mannschaftsbank und klatschte Peter, Kevin, Ivan, Nergiz und Belinda ab, die ihn alle umarmten und beglückwünschten.

Tatsächlich würden noch zwei seiner Angstgegner an die Reihe kommen. Würde er auch bei den Olympischen Sommerspielen dieses Jahres die Goldmedaille für die Verwaltungszone Deutschland erringen? Er hoffte es.

‚Natalia Wasakowa ist an der Reihe. Mal sehen‘, dachte Eddie nervös.

‚Gott sei Dank! 11,210 Sekunden.‘

„Yeah!“

Er ging die Mannschaftsbank der Reihe nach ab und gab jedem ein High-Five.

„Fuck, das ist schon mal die halbe Miete.“

Haruto Kobayakawa aus der VZ Japan konnte ihn noch stürzen. Maria aus der VZ Haiti und Jesus aus der VZ Brasilien hatten keine Chance.

„Okay, Leute, Haruto ist an der Reihe.“

11,098 Sekunden.

Eddie und alle anderen sprangen auf und feierten. Das war Gold!

Auf dem dritten Platz landete Natalia für die Mutterzone Sowjetunion. Den zweiten Platz belegte Haruto – erstmals in seiner Wettkampfgeschichte vor Natalia.

Eddie kannte sowohl Natalia als auch Haruto sehr gut. Über die Jahre hatte sich eine Freundschaft zwischen ihnen entwickelt. Sie freuten sich jedes Mal aufeinander. In der Regel gingen sie während Olympia mehr als einmal in die olympische Bar, um sich einen zu genehmigen und über alles Mögliche zu quatschen, vor allem aber über die Wettkämpfe in allen Sportarten, die sie interessierten.

So war es auch nach diesem letzten Wettkampftag. Sie trafen sich um 20 Uhr zum Trinken, Essen und Abschiednehmen.

„Natalia, Haruto. Gott sei Dank sehen wir uns noch, bevor ihr wieder in eure Heimatzonen zurückreist. Grüße von der ganzen deutschen Bank. Peter meinte, ganz besondere Grüße von ihm an dich, Natalia – er wäre Single, du ja auch. LOL.“

Natalia schmunzelte.

„Ach, das Peterle. Er macht sich immer noch Hoffnungen. Grüße ihn von mir, aber sag ihm auch, dass meine Verlobung, von der auch er weiß, kein Scherz ist. Okay?“

„Mach ich, Natalia.“

Haruto warf ein:

„Keine besonderen Grüße von einem eurer beiden Mädels an mich, Eddie? Ich bin ja Single und nicht verlobt!“

„Leider nein, Haruto, leider nicht. Ich bin echt froh, dass Olympia mal wieder in der VZD ausgetragen wurde. Ich hab’s nicht weit nach Hause. Nach dieser Goldmedaille ziehen wir übrigens in ein neues Haus. Der Sportverband hat mir das kurz nach der Siegerehrung mitgeteilt. Freistehend, mit Pool. Meine Kinder und Denise rasten vor Freude aus.“

Natalia strahlte über das ganze Gesicht.

„Eddie, Glückwunsch, Mensch! Euer Sportverband weiß, was sich gehört!“

„Glückwunsch! Bestellen wir jetzt, oder was?“, fügte Haruto hinzu. „Gutes Bier gibt es nur hier in Deutschland. Es wird Zeit. Ich habe Durst.“

Die olympische Bar war berühmt für ihren Service: schnell, exakt, höflich und unaufdringlich.

Eddie bestellte sich ein großes Helles vom Kloster Andechs, Haruto ein helles Hefeweizen von Paulaner und Natalia ein großes alkoholfreies Veltins.

„Ach du Scheiße, Natalia, was bestellst du dir denn?“, fuhr es aus Eddie heraus. „Alkoholfreies Bier? Bäh!“

„Ja. Ach, das ist okay. Das ist okay. Also, das geht ganz gut runter und so weiter. Und ich habe echt keine Lust auf Alkohol heute Abend. Wir haben gestern Abend gesoffen. Vielleicht hätte ich sogar gewonnen, wenn ich das hätte sein lassen.“

Haruto entgegnete:

„Mir hat es jedenfalls nichts genützt, dass ich gestern Abend keinen Alkohol getrunken habe, früh genug ins Bett gegangen bin, vorher Fokussierungs- und Konzentrationstrainings gemacht und meine Schlaghand trainiert habe. Also, von daher: Ich glaub, das weiß man nie, Natalia.“

„Alkoholfreies Veltins. Das ist Sünde in Bayern“, witzelte Eddie.

In der nächsten Runde blieb Natalia nicht mehr beim Alkoholfreien. Sie bestellte Starkbier und Spirituosen. Sie konnte beide Jungs unter den Tisch saufen, wenn sie wollte.

Es ging Runde um Runde. Die drei aßen und tranken und unterhielten sich bestens.

Eddie wurde plötzlich bierernst:

„Meine Uhr tickt. Meine Karriere-Uhr. Zwei Jahre darf ich noch. Dann erreiche ich die von der Olympia-Union festgelegte Altersgrenze. Ihr werdet mich beerben.“

Natalia kam Haruto mit ihrer Antwort zuvor.

„Mal gucken, was mich betrifft. Mal gucken. Ich weiß nicht, ob ich weitermachen will. Vielleicht ist das meine letzte Olympiade.“

Sie zog eine Line Lega-Kokain – legal, da nicht süchtig machend und synthetisch hergestellt von Tesla Pharmaceuticals aus der Mutterzone USA.

„Weißt du, Eddie, ich hatte heute nach dem ersten Hindernis ein Gefühl, wie ich es noch nie zuvor hatte. Ich habe mich nämlich gefragt, ob das eigentlich normal ist, was wir machen.“

Eddie wurde schlagartig nüchterner.

„Was meinst du damit?“

„Na ja, ob das, ihr wisst schon, also der Wettbewerb mit den acht Hindernissen und der Zeitnahme, ob dieser Wettkampf normal ist.“

Eddie warf sich eine Pille ein, die nüchtern und klar machte: Ratiopharm Clear & Sober aus der VZD.

Haruto mischte sich ein:

„Wie? Du bist nicht überzeugt von dem Sport, den wir ausüben? Aber du machst das doch seit Jahren. Oder wie meinst du das jetzt?“

„Nein, nein, ich meine etwas anderes. Ich meine etwas anderes. Ich bin mir einfach nicht sicher, ob man dafür unbedingt … Ach, vergiss es.“

‚Vergessen?‘, dachte Eddie. ‚Was meint Natalia bloß?‘

„Ich verstehe das nicht, Natalia. Also, wovon denkst du denn, dass es falsch sein könnte?“

„Ich meine, es ist manchmal schon auch eklig, finde ich. Ich weiß einfach nicht, ob man, ob man … Ich frage mich manchmal, ob das nicht Menschen sind. Ob die Hindernisse, die wir in unserem Sport überwinden, nicht auch Menschen sind.“

Haruto wurde kreidebleich.

„Eddie, Natalia, ich muss noch mal aufs Klo.“

Eddie und Natalia setzten das Gespräch ohne Haruto fort.

„Natalia, um es jetzt noch einmal richtig zu verstehen: Du hältst die Mocks, die wir in unserem Sport beseitigen, eventuell für Menschen. Richtig?“

„Also, biologisch gesehen, ich meine, klar: Ich habe überhaupt keine Zweifel daran, dass sie biologisch gesehen Menschen sind – auch wenn sie gesellschaftlich nicht nur unnütz, sondern sogar kontraproduktiv sind.“

Eddie bekam Angst. Er wurde aber auch traurig und wütend. So etwas hatte er noch nie erlebt.

Natalia rüttelte mit ihrer Frage an einer der Grundfesten des 200-jährigen Friedens. Er freute sich auf die Feier „200 Jahre Weltfrieden“, die in knapp einem Monat in jeder Zone bis in die kleinste Subzone der Welt hinein gefeiert werden würde.

„Du stellst also womöglich die heilige Praxis der Behandlung der Mocks infrage, weil es sich bei ihnen ebenfalls um Menschen handeln könnte?“, fragte er, um sein Verständnis so emotionslos und genau wie möglich wiederzugeben.

„Ich weiß nicht, ob ich so weit gehen kann“, antwortete Natalia.

„Bist du dir im Klaren darüber, wo wir uns gerade befinden? Wir sind an einem öffentlichen Ort.“

„Ja, sicherlich, sicherlich. Aber es ist doch nur eine Frage. Ich sage doch nur, dass ich mich damit ein bisschen beschäftige. Mehr ist es doch nicht. Vielleicht habe ich Mitleid.“

Zwanzig gepanzerte und schwer bewaffnete Beamte des Innenministeriums stürmten die olympische Bar.

Sie schrien sich Befehle zu, sicherten alle Ein- und Ausgänge und liefen auf Natalia zu, die schnell noch eine weitere Line Lega-Kokain zog. Natalia trank den Rest ihres Himbeergeistes und ließ sich widerstandslos knebeln und an Händen und Füßen in Ketten legen.

Der Anführer der Eingreiftruppe wandte sich in ruhigem Ton an Eddie.

„Bruder Eddie, vielen Dank. Eddie, vielen Dank, dass du deiner staatsbürgerlichen Verantwortung nachgekommen bist und den Notfallknopf gedrückt hast. Wir wissen, dass du nur im absoluten Ausnahmefall zu dieser Maßnahme greifen würdest. Wir werden uns um Schwester Natalia kümmern. Benutze den Chip. Du hast hiermit die Freigabe und die Pflicht, dies zu tun. Dasselbe gilt für Haruto. Nochmals herzlichen Dank im Namen des Innenministeriums und der Weltunion. Und einen schönen restlichen Abend von mir. Meine Dienstnummer habe ich dir übertragen.“

Eddie nickte ihm zu.

Dann gingen sie mit Natalia fort und bedankten sich bei allen Anwesenden für ihr Verständnis und ihre Geduld.

Haruto kam endlich von der Toilette zurück.

„Eddie, wo ist Natalia? Musste sie schon weg?“

„Natalia ist abgeholt worden. Es ist besser, wenn wir das Thema wechseln. Der Bruder Anführer der Eingreiftruppe hat mich gebeten, dir auszurichten, dass du bitte deinen Erinnerungschip benutzt.“

„In Ordnung. Mache ich sofort“, antwortete Haruto.

Eddie und Haruto würden sich nie wieder an Natalia erinnern.

Der Löschvorgang funktionierte effektiv und perfekt.

Epilog

Brüder und Schwestern,

die Weltunion war zum Zeitpunkt der Geschehnisse dieser Kurzgeschichte 200 Jahre alt.

200 Jahre lang hatte es keinen einzigen Krieg mehr auf der Welt gegeben.

Sie war aus den Mutterzonen Sowjetunion, USA und China gegründet worden.

Gemeinsam beschlossen diese die Grundfesten der Freiheit, der Sicherheit und des Friedens, die bis heute gelten.

Zu diesen Grundfesten gehört die Behandlung von Dissidenten. Da der Begriff „Dissident“ der Weltunion zu heroisch erschien, wurde für Staatsfeinde die Bezeichnung „Mocks“ festgelegt.

Mocks werden in Arbeits- und Umerziehungslagern auf ihre Resozialisierung vorbereitet oder hingerichtet.

Manche Mocks werden bei der jährlich stattfindenden Olympiade im Wettbewerb „Mocks-Beseitigung“ durch Athleten wie Eddie und Haruto endgültig beseitigt:

Köpfung von acht Mocks je Durchgang und Athlet mit Wettkampfmacheten auf Zeit.

Personen, die zu Arbeits- und Umerziehungslagern oder zum Tode verurteilt werden, werden durch Regierungs-Updates der Weltunion aus allen betroffenen Gehirnen gelöscht.

Das Beispiel Natalia zeigt den Erfolg dieses Prinzips: Sie wurde zu einem Aufenthalt in einem Arbeits- und Umerziehungslager verurteilt und erfolgreich resozialisiert. Nach ihrer Rückkehr begegnete ihr niemand mit Vorurteilen.

Bei diesen Maßnahmen handelte es sich um einige der ersten Beschlüsse der Weltunion. Sie wurden von unseren philosophischen, informationstechnischen und massenpsychologischen Experten entwickelt, nachdem der Dritte Weltkrieg der erste Krieg gewesen war, in dem die Milliardengrenze an Menschenopfern überschritten worden war.

Die Grundbedürfnisse unserer Bürger und vieles darüber hinaus sind gedeckt. Luxusgüter und Luxuserlebnisse werden kostenlos verliehen. Luxuseigentum kann durch unser Prinzip der Meritokratie angestrebt werden. Jeder Mensch hat Zugang zu modernster Medizin.

In nunmehr 400 Jahren gab es nicht einen einzigen kriegerischen Konflikt mehr auf der Erde.

Was außer einer kaum heilbaren seelischen Bösartigkeit könnte einen Bürger dazu bringen, sich zum Mock zu wandeln?

Brüder und Schwestern, macht einmal folgendes Experiment:

Fragt gewöhnliche Menschen nach der Bedeutung der Worte Krieg, Gewalttat, Vergewaltigung, Mord und Raub.

Viele von ihnen werden diese Wörter nicht kennen oder nichts über ihre Bedeutung wissen. Andere werden sich irgendeinen Quatsch zusammenreimen.

Ich bin seit Jahrzehnten auf der Straße keinem Bruder und keiner Schwester mehr begegnet, die mir eine korrekte Antwort geben konnten.

Vor dem Hintergrund der menschlichen Geschichte, auf die wir Zugriff haben – Zehntausende von Jahren –, ist dies, neben der Tatsache, dass der letzte Mord vor 311 Jahren aufgezeichnet wurde, einer der besten Belege dafür, dass wir uns als Bürger der Weltunion, als Menschheit, unumstößlich zu einer friedlichen und gewaltfreien Spezies entwickeln.

Feiern wir das Jahr 400 der Weltunion!

Bleiben wir wachsam!

Bewahren wir unsere Grundfesten!

Frieden, Freiheit, Sicherheit!

Autor:
Stefan Rennfeld
Philosophische Kammer
Verwaltungszone Deutschland

Diese Kurzgeschichte ist genehmigt durch:
Ministerium für Journalismus und Kunstfreiheit
Verwaltungszone Deutschland

Freigegeben für die Weltunion-Funktionsgruppe:
Staatsphilosophen

Freigaben für andere Weltunion-Funktionsgruppen:

Die Weitergabe an Mitglieder anderer Funktionsgruppen ist nur auf Antrag und nach Genehmigung durch das Ministerium für Journalismus und Kunstfreiheit der Verwaltungszone Deutschland gestattet.

counterhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Mehr von Roland Power:

Konversation
Schiss gehabt - eine Festival Story
1735 Zeitreise-Bewertung Deutschland
Das Fußballspiel
Kompromisslos entspannen - das Binnenschiff