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geschrieben 2026 von Marc Minsky (Marc Minsky).
Veröffentlicht: 17.08.2026. Rubrik: Unsortiert


Der Philosoph

Es schlug 1 Uhr morgens und ich nahm einen weiteren Schluck aus meiner Flasche, aber das Bier schmeckte abgestanden und fad. Direkt mir gegenüber saß Anja, die ihr rotes Haar zusammengebunden hatte und mit großen Augen an das Kopfende des Tisches blickte. Dort saß nämlich unser Kommilitone Emil und dozierte wie eh und je. Dabei fuchtelte er wild mit seinen Armen herum, ähnlich wie ein Politiker das in einer Talkshow oder im Parlament tun würde (allerdings unbeholfener). Doch es funktionierte: wie gebannt blickte auch Sarah auf ihn, die links von ihm saß. Keiner sprach; man konnte nur Emils hohe Stimme dröhnen hören. Und irgendwo schnarchte noch Lukas, der im Nebenraum schlief. Sonst waren alle bereits nach Hause gegangen. Worüber redete Emil eigentlich?
Ich hatte nicht wirklich zugehört, aber es schien irgendwie um Philosophie zu gehen, oder das, was Emil dafür hielt. Es war auch egal: Dieser Vortrag und die vielen anderen, die er heute Abend gehalten hatte, waren für mich nichts als das Aufstellen der Federn eines Pfaus. Würde ein echter Philosoph hier sitzen, er würde sich angesichts Emils amateurhafter Aussagen scheckig lachen, da war ich sicher. Ich schluckte eine weitere Ladung abgestandenes Bier herunter.
„… Können wir unserem Denken überhaupt vertrauen? Das Denken, so denken wir, ja, das kommt vom Subjekt, also uns. Unserer Seele. Aber was, wenn es keine Seele gibt? Habt ihr darüber schon einmal nachgedacht?“ Emil machte eine Kunstpause und ließe seinen Blick über die Runde schweifen. „Dann wäre unser Denken gar nicht unser Denken, zumindest nicht in dem Sinne, in dem wir normalerweise denken.“
Offensichtlich war dies blanker Unsinn. Ich weiß schließlich, wer ich bin, und meine Gedanken sind natürlich meine. Aber darum ging es gar nicht. Letztendlich war diese Rede eben eine Performance. Anja und Sarah schmolzen regelrecht darin, da war ich mir sicher. Und auf mindestens eine hatte Emil es abgesehen. Wie gerne wäre ich jetzt Philosoph und könnte ihm einfach Kontra geben. Einfach sagen: nein, das stimmt so nicht, und zwar weil Kant oder Platon oder wer auch immer das mal so und so gesagt haben. Aber ich blieb still, und Lukas schnarchte unermüdlich.
Ich sah wieder Anja an, und merkte, wie sie die Stirn runzelte. Wahrscheinlich war sie von Emils belanglosem Gelaber so beeindruckt, dass es sie tief nachdenklich machte. Warum konnte sie ihn nicht durchschauen? Aber gut, das hätte man bei jeder anderen auch sagen können, die Emil auf diese Weise verführt hatte. Das mussten Dutzende gewesen sein, so glaubte ich.
Ich schreckte auf. Sarah hatte etwas gesagt, aber leider hatte ich nicht richtig zugehört.
Emil schien direkt auf sie einzugehen: „Nun, das ist ja so ähnlich wie Hegel das gesagt hat. Und in gewisser Weise findet man das auch bei Heidegger, wobei es da komplizierter und in gewisser Weise auch komplexer ist. Die Geschichte folgt einem Lauf, und darin können wir als Individuen einen, sagen wir, Platz finden. Aber das ist in der Literatur durchaus umstritten.“ Dabei betonte er „umstritten“ auf ganz unnatürliche Art und Weise. Lukas schnarchte laut und ich merkte, dass mein Bier leer war.
Ich stellte mir vor, wie sich die Tür plötzlich öffnete und auf einmal ein Professor für Philosophie hereinplatzen würde. Er würde mit gewaltiger Stimme sagen: „Was für ein Unsinn! Nichts dergleichen hat Hegel jemals gesagt! Und schon gar nicht Heidegger! Sie wissen ja gar nicht, wovon Sie reden!“ Emil wäre gedemütigt und ich müsste diese Vorträge nie wieder hören, oder zumindest heute Abend nicht mehr. Auch würde ich mit meiner schweigsamen Coolness besonders gut dastehen.
Ich war nun ziemlich in Gedanken versunken und hatte schon wieder aufgehört, Emil zuzuhören. Jedoch fiel mir auf, dass Anja mich anblickte. Ich versuchte, betont cool zu lächeln und zu meiner Überraschung lächelte sie zurück. Ihre braunen Augen funkelten.
Ich nahm meinen Mut zusammen und unterbrach Emil. „Ja, sag mal, das ist ja alles schön und gut, aber wie ist es eigentlich mit dem Sinn des Lebens? Hast du darüber schon mal nachgedacht?“ Ich blickte zunächst Emil an und dann den Rest der Runde. Mein Einwand schien Anklang zu finden. Lukas schnarchte.
Emil wirkte zunächst irritiert, vermutlich, weil er nicht erwartet hatte, dass ich überhaupt etwas zu seinen Ausführungen sagen würde. Aber dann verwandelte sich sein Gesichtsausdruck. Seine Augen begannen zu leuchten, er wirkte ein bisschen so, als ob heute sein Geburtstag wäre, nicht Sarahs.
„Das ist echt super, dass du das fragst. Darüber habe ich nämlich erst gestern lange nachgedacht. Die großen Philosophen, wisst ihr, die liegen ja in einem fortwährenden Streit über den Sinn des Lebens. Aber, und jetzt kommt‘s, sie erkennen dabei nicht, dass gerade in der Sinnlosigkeit das Leben seine höchste Erfüllung findet!“
Keiner sagte etwas. Die Stille wurde nur ab und an durch Lukas’ Schnarchen unterbrochen.
Ich war allerdings überrascht. Irgendwie schien das sogar Sinn zu ergeben. Ich war ein bisschen irritiert, mehr über mich selbst als über Emil. Aber es war schon ein cooler Gedanke: Man findet sozusagen einen Sinn in der Sinnlosigkeit. Mein Ärger über Emil war wie verflogen. Vielleicht hatte eben nur das schlechte Bier meine Laune verdorben?
Jedoch hatte Anja ihre Stimme erhoben und blickte Emil ungläubig an: „Aber, also, das ist doch total widersprüchlich. Erfüllung ist ja quasi Sinn. Das heißt, du sagst, das Leben soll in der Sinnlosigkeit seinen höchsten Sinn haben. Das ist doch ein kompletter Widerspruch!“
Emil gefiel das gar nicht. Er war Widerspruch wohl nicht gewohnt. Er ruderte mit den Armen und suchte nach Worten. „Naja, also weißt du…das ist so…“
Ich war jedoch wieder unentschlossen. Irgendwo hatte Anja auch einen Punkt. Ich grübelte vor mich hin, unsicher, was ich denken sollte. Was war los mit mir? War ich zu betrunken? Normalerweise hatte ich zu allem eine Meinung.
Meine Grübeleien wurden beendet, weil plötzlich ein lautes Stöhnen zu hören war, das an einen Bären erinnerte. Lukas musste aufgewacht sein. Und tatsächlich kam er wenige Sekunden später langsam aus dem Nebenraum hereingetapst. „Oh, mein Kopf, mein Kopf…“
Er musste mindestens eine Stunde geschlafen haben, aber er sah dennoch nicht gut aus. Er schien immer noch betrunken, sein Gesicht war müde und blass.
Emil schien das überhaupt nicht zu interessieren und redete einfach weiter, während Anja und Sarah Anstalten machten, sich um Lukas zu kümmern.
Emils Vortrag nahm an Intensität zu. Es schien fast so, als ob er bewusst lauter sprach, um den Trubel zu übertönen. Ich wusste nicht, wo ich hingucken sollte. „Und daher denke ich eben, dass man hier wirklich keinen Widerspruch erkennen kann, ja, ganz und gar nicht…“
Auf einmal ein lautes Stöhnen und Würgen. Platsch. Sarah kreischte.
Alles war sehr schnell passiert. Lukas hatte sich übergeben und Emils blasses Gesicht war mit einer braun-gelben Soße besprenkelt. Man konnte sogar einzelne Stücke Kartoffelchips erkennen.

Wir begannen verlegen, Tisch und Boden abzuwischen, so gut es ging. Alle schwiegen, selbst Emil redete nicht. Lukas machte auch Anstalten zu helfen, aber Sarah beschied ihm, sich lieber hinzusetzen. Emil verschwand ins Badezimmer. Ich überblickte die Szene und dachte nach, bis ich zufrieden nickte. Das musste er sein, der Sinn in der Sinnlosigkeit.

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