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geschrieben von Federteufel.
Veröffentlicht: 18.08.2026. Rubrik: Satirisches


Der große Erfinder (1)

Nach endlosen Versuchen war es Sebastian Hurll, Diplomingenieur und Leiter der 3D-Technologieparks in Groß Zecher, und seinem Team mittels eines neuartigen 3D-Druckverfahrens gelungen, ein wabbeliges Gebilde herzustellen, das wie ein nacktes Kaninchen aussah und sich auch so ähnlich verhielt: Kaum war es aus dem Drucker heraus, da hüpfte es, die ersten Kötel auswerfend, vom Transportband, hoppelte in eine Ecke der geräumigen Werkshalle und versuchte, sich in einem Mauseloch zu verkriechen. Durch diesen einzigartigen Erfolg ermuntert, erzeugten er und sein Team ein halbes Jahr später ein affenartiges Wesen, dem jedoch der Darmausgang fehlte. Der Schöngeist Hurll hatte nicht bedacht – und auch niemand hatte ihn darauf hingewiesen –, das alles Leben mit Ausscheidungen verbunden ist. Ein peinlicher Fehler, der schmerzhafte Weiterungen nach sich zog. Nicht nur das schadenfrohe Gelächter der Fachwelt, sondern auch die Peinlichkeit, aus der Liste zukünftiger Nobelpreisträger gestrichen zu werden schmerzte. Inzwischen war nämlich in wissenschaftlichen Versuchen eindeutig festgestellt worden, dass die natürliche Kaninchen- und Affenvermehrung erheblich kostengünstiger ist als die maschinelle.
Verzweifelt versuchte er, weitere Mittel aufzutreiben – die nutzlosen Versuche hatten fast sein gesamtes Privatvermögen aufgezehrt – etwa durch spezialisierte Finanzdienstleistungen für Open-Source-Projekte oder andere Formen des Clowdfundings. Allerdings, diese Überlegungen bereiteten ihm erheblichen Bauchschmerzen. Denn, wenn ihn auch viele für total verrückt hielten, so war er doch ein grundehrlicher Kerl. So widerstrebte es ihm, Papiergeld fälschungssicher zu drucken – was er durchaus gekonnt hätte, sogar in rauen Mengen. Doch dann fiel ihm ein, dass ein 3D-Drucker kein einfaches Kopiergerät ist, sondern eine hoch komplizierte Maschine, mit der man dreidimensionale Dinge herstellen kann, und ein 100-Euro-Schein von der Dicke eines Wiener Schnitzels würde sofort die Kriminalpolizei misstrauisch machen. Auch wollte er das Geld anderer Leute nur verbrennen, wenn er keine andere Möglichkeit der Vermögensvernichtung sah. Doch diese Bedenken erwiesen sich als völlig grundlos; die Mittelzuflüsse übertrafen seine kühnsten Befürchtungen: Sie tendierten gegen Null. Nach längerem Nachdenken führte Hurll diesen Misserfolg darauf zurück, dass für Kaninchen mit Eselsohren und Rattenschwänzen sowie afterlose Affen kein Markt besteht.

SatirepatzerSatirepatzer Doch Hurll war niemand, der sich durch ein paar lächerliche Fehlschläge entmutigen ließ. Im Gegenteil. Je größer die Verluste, desto kühner die Visionen. In der Folge sah man ihn Nächte lang beim Schein einer winzigen Kerze über meterlange Berechnungen gebeugt; dann wieder plötzlich aufspringen und sich die Haare raufend durch seine Fabrikhallen irren, wobei der Kerzenschein bizarre Schattenbilder seiner an sich schon bizarren Erscheinung an die Wände warf. Lang, dürr, mit stets geröteten Augen, über seiner hohen, zerfurchten Stirn ein unbezähmbarer Haarschopf; Jacke und Hose seines ehemals schwarzen Anzugs zerknautscht und um mindestens sieben Zentimeter zu kurz, was unschwer den Eindruck erwecken konnte, als habe ihn sein inzwischen zweiundfünfzigjähriger Besitzer schon als Kleinkind getragen und seitdem nicht mehr abgelegt. An den Füßen so genannte Mao-Latschen, wie sie seit Menschengedenken nicht mehr üblich sind, und die ihm kein Schuster reparieren wollte oder konnte; neun Komma zwei Dezimeter weiter oben auf dem Nasenhöcker die dicke Brille, die Ihresgleichen spottete. Diese Sehhilfe war dermaßen zerkratzt, dass eine normale Durchsicht unmöglich war. Trotzdem setzte er sie nur ab, um sie zu putzen. Als Hurll das Monstrum gewohnheitsgemäß von der Nase nahm und mit einem Öltuch abrieb, griff ein mutiger Kollege kurzentschlossen zu, nahm ihm das Ding aus der Hand und blickte hindurch. Zu seinem größten Erstaunen gewahrte er vor dem zerkratzten Hintergrund eine unbekleidete Frauengestalt mit allen Attribute weiblicher Schönheit.
„Meine neue Lebensabschnittsgefährtin“, rief Hurll schnell und nahm dem Kollegen die Brille wieder ab, „eine Frau, mit allen Eigenschaften, die ich mir wünsche, und ohne all die Makel, die Frauen sonst so an sich haben.“ Der alte Schwerenöter! Er schnalzte mit der Zunge. „Wenn das nicht endlich eine Lebensgefährtin wird, die zu mir passt, dann hänge ich meinen Job als Leiter des Technologiezentrums an den Nagel und werde Lehrer.“ Er setzte die Brille wieder auf, schob sie in die Stirn und beugte sich über seine Berechnungen, neben sich ein Glas mit klarem Wasser und das Foto eines Marmeladenbrötchens.
Ehe jemand auf den Gedanken kommen könnte, Hurll sei ein Sexist, sollten jetzt ein paar Bemerkungen in Bezug auf sein Verhältnis zu Frauen nicht fehlen. Mehrmals hatte er versucht, in einer Beziehungskiste, wie es heute heißt, unterzukommen, doch regelmäßig – genauer gesagt: fünfmal – waren diese Versuche an irgendwelchen bedeutungsvollen Kleinigkeiten gescheitert. Mal verstanden die Damen keine Herrenwitze, oder sie erzählten von früh bis spät selber welche; oder sie waren nicht in der Lage, fehlerfrei tausend Nachkommastellen der Kreiszahl pi zu memorieren; eine hatte sogar versucht, ihm einen neuen Anzug aufzwingen, und andere Ungeheuerlichkeiten. War es da ein Wunder, dass er sich eine maßgeschneiderte Gefährtin wünschte? „Ha!“, rief er und sprang wieder auf, „wenn ich so etwas wie einen Affen herstellen kann, dann wird mir so etwas, das wie eine Frau aussieht und sich so ähnlich benimmt, auch gelingen!“ Das war nicht sexistisch, das war frauenverachtend. Nachdenklich fügte er hinzu: „Ich darf nur den gleichen Fehler nicht zweimal machen.“ War es da ein Wunder, dass keine Frau 'aus der Region' noch etwas mit ihm zu tun haben wollte?
Hurll, den handwerkliche Fehler weniger beeindruckten als eine Schildkröte die Unfähigkeit, Klavier zu spielen, ging sofort ans Werk. Drei Wochen später entstieg seinem Drucker eine frauenähnliche Gestalt, deren makellose Schönheit sogar noch die der berühmten Venus des Botticelli in den Schatten stellte. Sofort eilten zwei Mitarbeiter herbei und hüllten dieses Wunder Hurllscher Drucktechnik in hauchdünne Seide, die alles andeutete, aber nichts offenbarte. Die Türen öffneten sich, um die Meute der Fotografen einzulassen, deren Bilderzeugnisse er zu Werbezwecken an die große Glocke hängen wollte.
Doch auch diesmal waren seine Künste nicht von Erfolg gekrönt. Dabei hatte er doch Eva, wie er sein Produkt nannte, mit einem Modul für Handlungsabläufe ausgestattet, die bei entsprechendem Training jeden Mann glücklich machen konnten.
Irgend etwas stimmte nicht. Hurll massierte seinen Nasenhöcker und dachte nach. Hatte er schon wieder eine bedeutende Kleinigkeit übersehen? Es sah so aus. Wie konnte es sonst geschehen, dass ihm Eva gestern Nacht beim Liebesspiel eine Brustwarze abgebissen und danach ihre Zähne in seinen rechten Oberschenkel geschlagen hatte, bis Blut austrat? Eva war bissig, extrem bissig sogar. Wieder war ein hoffnungsvoller Beziehungsversuch gescheitert.
Hurll erhob sich stöhnend und humpelte zu seinem Schreibtisch. Nach zwei Stunden hatte er den Fehler gefunden. Irgendwie – auf welchem Wege kann er sich bis heute nicht erklären – war in Evas Verhaltensinventar etwas vom Liebesleben einer dieser langbeinigen Hausspinnen geraten, deren Weibchen ihren Partner nach der Begattung auffressen. Es brauchte nicht lange, da wurde ihm klar, dass er auf der Erde keine Lebenspartnerin finden würde, weder eine vom 'Weibe geborene', noch eine aus dem Drucker. Und er selbst wurde auch nicht jünger. Seine Zeit lief gnadenlos ab.
Blieb nur noch auswandern. Aber wohin?

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