Veröffentlicht: 20.03.2026. Rubrik: Unsortiert
Der Mann, dem niemand zuhören wollte
“Nun erzählen Sie mal”, sagt der Kommissar, “warum haben Sie die Frau erschlagen? Und ausführlich, ohne wenn und aber!”
“Aber gerne doch”, sagt der Mann.
“Also. Steh gestern vor der Bushaltestelle – Da ruft ´ne knarrige Stimme hinter mir: 'Hallo, Meister!' Ich dreh mich um, steht da ´n alter Arbeitskollege von mir mit ´nem Kopp wie´n überreifer Kürbis.
'Hei!', ruf ich, 'Rudi, lebst du auch noch?' Seinen Nachnamen weiß ich nicht mehr, is auch egal. 'Na und ob', brüllt er und kommt näher, 'wie die Made im Speck!'
'Sieht man drei Meilen gegen den Wind, Alter', blödel ich, 'platzt ja fast aus dem Anzug. Hoher Blutdruck, fette Leber, ausgeweitetes Arschloch.' Denke, damit bist du ihn los, denn der Kerl ist ein ausgemachter Quatschkopp. Doch er lacht nur und röhrt: 'Ja, so ähnlich.'
Der Bus kommt. Setz mich, und wer setzt sich neben mich? Genau der. Fängt gleich an zu erzählen; von seinen fünf Enkeln, natürlich alles hochintelligente Koten –
'Denk denk dir . . . äh . . . wie heiß du nochmal?' Ich sag´s ihm. 'Denk dir, Heino, der Jüngste ist gerade mal ein halbes Jahr alt und kann schon 'Dockata' sagen,' und so´n Quatsch. Was interessieren mich Andrerleuts Enkel. `nen Scheißdreck. Hab selbst ´nen Haufen davon. Setz ´ne gelangweilte Miene auf, doch der Mensch schwafelt unverdrossen weiter. Ich sitz wie auf glühenden Kohlen. Am liebsten würde ich ihm den Arsch bis zum Haaransatz aufreißen, damit er endlich die Klappe hält. Doch auf einmal schweigt er.
Ich will nicht maulig sein und sag: 'Übrigens, ich krieg nächste Woche fünf Zähne gezogen. Unter Vollnarkose. Hab schon ´nen richtigen Bammel davor.' Ist natürlich Unsinn, mit meinen Beißern könnte ich Tischkanten zernagen.
Er sieht mich verständnislos an. 'So?' Dann legt er wieder los. 'Sag mal, Hajo, hättest du Interesse an einer gebrauchten Harley Davidson, Baujahr neunzehn achtundsechzig? Super Gerät. Bin im Moment etwas knapp bei Kasse –'
Ich spring auf und drücke das Haltesignal. Bloß raus, denk ich, obwohl ich eigentlich zum Schlachthof will. Pansen für den Hund kaufen.
Kauf also den Pansen. Die nächste Bushaltestelle ist am Städtischen Klinikum, und da wartet schon die nächste Nervensäge auf mich. Ein ehemaliger Kegelbruder mit ´nem Gesicht wie ´ne Dörrpflaume. Verflixt, den hab ich einfach zu spät gesehen. Dass es ihm nicht gut geht sieht ein Blinder in völliger Dunkelheit. Trotzdem frag ich harmlos: 'Hallo, mein Lieber, wie geht’s denn so?' Ich Idiot! 'Ooch', sagt er, 'nicht gut. Geradezu beschissen.' 'Oh', sag ich , 'wo kneift´s denn?'
Scheiße. Jetzt fängt er an, mir haarklein seine Gebrechen zu erklären. Irgend ´ne Thrombose in irgend ´nem Bein. Haben ihn schon zweimal operiert, beim dritten mal hätten die Ärzte gleich wieder zugemacht. Und so weiter und so fort. Er kommt näher. 'Sag mal, Hinnerk, was riecht denn hier so verdächtig? Bist du das?'
Nee, ich bin´s nicht, der Pansen ist´s. Bin schon ´ne ganze Weile bei dieser Affenhitze damit unterwegs. 'Entschuldige', sag ich. Senk scheinheilig den Blick und murmele: 'Mir haben sie vor drei Wochen das halbe Arschloch weggeschnitten. Darmkrebs. Da passiert´s schon mal.' Ist natürlich totaler Quatsch. Wenn ich eins kann, dann kontrolliert scheißen. Wollte nur mal sehen, wie der alte Ego reagiert. Der blickt mich überrascht an, dann knödelt er: 'Ha, da kommt mein Bus!' Dreht sich um und humpelt los.
Verdammt nochmal, grübel ich im Weitergehen, sehe ich so bescheuert aus, oder warum binden mir die Leute ihre Zipperlein unter die Nase, kaum dass sie mich sehen? Und warum hört keiner zu, wenn ich mal mein Leid klage? An meinen blauen Augen kann´s doch wohl nicht liegen. Eher, weil ich zu gutmütig bin und geduldig zuhöre. Halten mich wohl für ´nen nützlichen Idioten, den man getrost vollmüllen kann.
Beschließe, den nächsten, der mich mit seinen Gebrechen zumüllt, die kalte Schulter zu zeigen.
Sollte aber anders kommen, und zwar ganz anders, um nicht zu sagen: Geradezu bizarr. Bin schon fast vor der Haustür, da kommt mir ´n bekanntes Schreckgespenst entgegen: Fräulein von Haaß, eine Bekannte meiner Frau. Für mich der Inbegriff verknöcherten Gouvernantentums. Außerdem ist sie nicht ganz richtig im Kopf. Welche ältere Frau lässt sich denn heute noch mit Fräulein anreden?
'Ist Ihre Frau zuhause?, näselt sie.
'Nee, die ist auf der Intensivstation.' Ha! Wenn eine Frau in dieser Stadt gesund und munter ist, dann Erika. Die amüsiert sich sogar noch beim Kotzen.
Doch die Schwarze Witwe gibt nicht auf. 'Ach . . . Schade, ich hätte Erika gerne kurz gesprochen. Wann kommt sie denn wieder?'
Ich mag Leute nicht, die immer alles 'kurz' machen wollen und dann wie Rotz am Ärmel auf dem Sofa kleben. Bringen mich sofort auf die Zinne. 'Ooch', sag ich, 'kann nicht mehr lange dauern. Sie macht nur ´nen kleinen Krankenbesuch. Aber kommen Sie doch erst mal ´rein. ´ne kleine Erfrischung gefällig?'
Ich schließ die Tür auf, wir gehen rein. Oha, denk ich, die stinkt ja noch mehr als der Pansen. Nämlich nach Mottenkugeln. Passt, denk ich, wonach soll ´ne alte Jungfer schon riechen. Ich bring den Pansen weg und frag: 'Frau von Haaß', frag ich, 'was darf´s denn sein? Eistee, Sekt oder andere warme Ge –' 'Fräulein, nicht Frau, junger Mann, bitte', unterbricht sie mich scharfzüngig, 'mein Name ist Fräulein Marie-Louise von Haaß, geborene Wachtelweizen.'
Puh, denk ich, hoffentlich kommt Erika bald zurück, diesen Teufelsbraten überleb ich nicht. 'Wenn es nicht zu viel Mühe macht, bringen Sie mir ein Glas veganes Wasser.' Natürlich, denk ich, wieso bin ich nicht schon früher darauf gekommen! Mottenkugeln und veganes Wasser. Die neue Diät für alte Jungfern, die ungeöffnet zurückgehen.
Ich bring das Wasser, wir setzen uns.
Und schon fängt sie an zu schwadronieren. Was einer gesagt oder nicht gesagt hat, was sie darauf geantwortet oder nicht geantwortet hat, und so´n Scheiß. Herr im Himmel, denk ich, erlöse mich von dem Übel Amen. Doch der Herr im Himmel hat anscheinend Besseres zu tun, als ´nem armen Würstchen aus der Bedruille zu helfen. Da muss sich das Würstchen schon selber helfen. Ich höre also noch ´ne Weile geduldig zu; schließlich ist sie eine Bekannte meiner Frau, und man will ja nicht unhöflich sein.
Ich will ein Wörtchen sagen. Da wechselt sie das Thema und fängt an, von einem Mietnomaden zu erzählen, der sich in einer ihrer Wohnungen festgesetzt hat. Will seine Miete nicht zahlen und pipapo – als ob ich nicht wüsste, was ´n scheiß Mietnomade ist. Dabei wird ihre Stimme immer schriller, und ich denk schon: Gleich zerspringt das Glas. Und – ich muss zweimal hinsehen, eh´ich´s begreif – ihre Augen sind feucht. Ha, da hört sich doch alles auf, denk ich gallig, so ein Aas. Vorhin, beim Wort Intensivstation, hat sie nicht mit der Wimper gezuckt, und jetzt, beim schnöden Mammon, werden ihr die Augen feucht. Alter, jetzt ist es soweit, denk ich bei mir, heraus damit.
'Wissen Sie schon das Neuste?', unterbrech ich sie brutal und fang an, mir die Hose aufzuknöpfen, 'seit Pfingsten nehm ich Viagra. Es geht doch nichts', sag ich und grinse schief, 'über einen knackigen Ständer.'
Ist natürlich wieder mal Unsinn, dergleichen Hilfsmittel hab ich wahrscheinlich erst als Leiche nötig. Ich blick sie an, sie blickt mich an. Ha, was kommt jetzt?, denk ich. Knallt sie mir eine, oder läuft sie schreiend raus? Dabei seh ich, dass sie überhaupt nicht so alt aussieht, wie sie sich gibt. Sie beugt sich vor und säuselt lüstern: 'Ja warum denn nicht? Viagra? Wenn´s hilft?' Dann fängt sie an, sich die Bluse aufzuknöpfen.
Ha!, denk ich, nicht mit mir! Steh auf, ergreif die dicke Blumenvase auf dem Tisch und knall sie ihr über den Schädel. Sie sackt zusammen und bleibt reglos liegen. Hat sich was mit Ständer, denk ich.”
Der Beklagte schweigt.
“Ja um Himmelswillen, warum haben Sie die Frau denn erschlagen?”, fragt der Kommissar irritiert, “ich sehe keinen Grund.”
“Ja verdammt nochmal, warum wohl?”, faucht der Mann. “Damit mir endlich mal jemand zuhört!”
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