Veröffentlicht: 20.08.2026. Rubrik: Unsortiert
Helgas Bude
Der Wecker schnellte. Es war so weit. 4 Uhr, der Wahnsinn konnte wieder beginnen.
Helga begann wie jeden Morgen mit einer Zigarette und einem starken Kaffee, der andere Leute den ganzen Tag wach hält. Für Helga war es nur der erste von unzähligen anderen.
Um 6 Uhr öffnet die Bude. Bis dahin musste noch viel erledigt werden. Frische Brötchen holte Helga bei Bäcker Krümel. Direkt nebenan war der Fleischer Kowalski. Hier war schon alles für sie vorbereitet. Die große Tüte mit Mett, Zwiebeln, Bratwurst und sonstigen Leckereien lag bereit. Helga packte alles in ihren grünen Corsa und schon ging es ab zur Bude. In der Buden-Küche ging es jetzt hoch her. Brötchen wurden geschmiert und die ihrer Meinung nach besten Frikadellen des Ruhrpotts wurden gebraten. Ja, es war erst 5 Uhr, aber um 6 Uhr freuten sich die ersten Gäste über Hildes Spezial-Frikadellenbrötchen. Diese waren im gesamten Ruhrgebiet berühmt. Nachdem unzählige Brötchen geschmiert waren, die Frikadellen im Brötchen waren und auch die ersten Bratwürstchen gegrillt waren, konnte es fast losgehen. Bevor Helga eröffnete, musste aber noch Zeit für eine Zigarette und einen Kaffee sein. Während dieser kleinen Pause musste sich Hilde auch noch thematisch auf den Tag vorbereiten. Also wurden noch die wichtigsten Schlagzeilen der BILD und des Hellweger Anzeigers studiert. Ohne dieses Studium hätte sie gar nichts mitzureden.
Offiziell öffnet Helgas Bude von Montag bis Samstag immer um 6 Uhr. Aber natürlich wussten alle, dass das Verkaufsfenster spätestens um 5.45 Uhr geöffnet ist und der angrenzende Park ab dann nach frischem Frühstück und eben Frikadellen roch.
Es ist 5.40 Uhr, Helga ist vorbereitet. Es geht los. Das Buden-Theater ist wieder geöffnet. Und natürlich lebt so eine Bude von seinen Stammgästen.
So begann der Morgen wie (fast) immer. Harry und Udo kamen zusammen bei Helga an. Harry hatte schon die BILD durch und nahm sich die Weltpolitik vor. Wenn er Welt-Kanzler wäre, würde es allen Menschen und Tieren viel besser gehen, weil er das alles ganz anders und natürlich besser machen würde. Er brauchte dafür nur noch Geld. Udo, sein Budel-Kumpel, war da ganz anders. Udo sah man an, dass er erstmal Kaffee und etwas zu essen brauchte, bevor er reden konnte.
Die beiden bekamen von Helga ihr Morgen-Gedeck. Zwei Jumbo-Kaffee mit Jumbo-Zucker und dazu je ein Käsebrötchen und ein Spezial-Frikadellenbrötchen. Während Udo langsam erwachte, hielt Harry seine erste Rede über das neue Rentenpaket der Merz-Regierung. Jetzt hatte der Budentag also begonnen.
Rund um Helgas Bude gab es glücklicherweise genug Parkplätze für Autos und LKWs. So konnten trotz des vielen Verkehrs hier nahe der B1 alle parken, die zu Helga wollten.
Natürlich kamen Harry und Udo nicht nur für das Spezialbrötchen und Kaffee. Beide haben einfach viel Zeit. Hier bei Helga ist es wie in einer großen Familie. Dazu kommt, dass beide wahnsinnig neugierig sind. Nachdem Udo den ersten Kaffee und das Brötchen verspeist hatte, war seine Zunge auch endlich im neuen Tag angekommen. Nachdem Harry seine Meinung zur aktuellen Politik kundgetan hatte, wurden jetzt mit Udo Analysen zum neuen Bundestrainer erstellt.
Währenddessen ist für Helga viel zu tun. Viele Leute, die auf dem Weg zur Arbeit sind, decken sich bei Helgas Bude mit Brötchen und Kaffee ein. Jeden Morgen so gegen 6.30 Uhr kommt immer ein Teil der Nachtschicht der Straßenreinigung bei Helga zum verdienten Frühstück vorbei. Helga stellt sich immer zu den Jungs, um auch einen Kaffee mit Kippe zu genießen. Hier erfährt sie alle Neuigkeiten aus der Stadt und erfährt, was in der Nacht so vorgefallen ist.
Hier im Pott sprechen die Leute so, wie ihnen die Zunge gewachsen ist. So fallen bei Helga auch oft derbe Worte. Wer damit ein Problem hat, soll sich ihrer Meinung nach eine andere Bude suchen. Menschen mit Krawatte, die auch noch Hafermilch in ihren Kaffee haben wollen, bekommen so einen bösen Blick, dass sie eigentlich augenblicklich tot umfallen müssten. Aber sonst ist Helga immer für alle da.
Bald stehen die großen Sommerferien an. Dann ist Helga die große Seelentrösterin für viele, bei denen das Zeugnis kritisch ausgefallen ist. Kinder, die eine Eins auf dem Zeugnis haben, bekommen einen Lutscher. Egal ob jung oder alt, alle hier in Unna kennen Helga. Helgas Bude ist Kult, ja sogar Kultur. Selbst der etwas steife Bürgermeister verbringt mindestens einmal pro Woche seine Mittagspause bei Helga. Hier erfährt er mehr als in seinem schnöden Rathaus.
In Unna gibt es seit einigen Wochen eine neue Männer-Gruppe, die Eselsköppe. Eigentlich wollten sie zusammen singen. Zum Glück haben sie schnell festgestellt, dass sie gar nicht singen können. Seitdem treffen sie sich unter anderem am ersten Samstag im Monat pünktlich um 13.11 Uhr, um mit kühlem Brinkhoffs, Bockwurst und Frikadellen einen zünftigen Esels-Stammtisch bei und mit Helga abzuhalten. Sie wird als einzige Frau respektiert.
Bis mittags um 12 muss Helga ihre WhatsApp-Bestellung an Heinz, ihren Mann, schicken mit den Dingen, die gerade in ihrer Bude fehlen. Heinz ist der ruhige Gegenpart zu Helga und die gute Seele der Bude. Seit über 20 Jahren sind die beiden verheiratet. Heinz ist schon Rentner und hilft Helga. Aber nur, wenn sie es wirklich möchte. Wenn Helga mal privat verhindert ist, springt Heinz ein. Es gibt eine Heinz-Buden Gruppe bei WhatsApp. Wenn Heinz die Bude schmeißt, werden immer Karten gekloppt. Skat oder Doppelkopf. Aus diesem Grund ist auch jedes Jahr am Ostermontag ein großes Doppelkopf-Turnier an der Bude. Dann werden auf dem Parkplatz viele Stehtische aufgestellt. Es kommen mittlerweile so viele Leute, dass es nur mit Voranmeldung funktioniert. Wenn sich Hundert Leute angemeldet haben, ist Anmeldeschluss. Dieses Jahr war es nach 3 Tagen voll. Zu gewinnen gibt es immer den goldenen Karten-Esel, der vom Künstler-Ehepaar Nowodworski entworfen wird, zusammen mit einem 10 Liter Fass Lindenpils.
An Helgas Bude spielen sich vom großen Beziehungsdrama bis zur Verlobung alles ab. Helga kennt fast alle Affären von Unna-Süd. Sie kann gar nicht mehr sagen, wie oft Sie schon Trauzeugin war, nur weil sie auch Verlobungs-Zeugin war. Bei Verlobungen an der Bude spendiert Helga immer ein kühles Brinkhoff’s zusammen mit einem Herti. Herti ist die Kurzform für Unnas berühmtesten Schnaps, den Hertingpörter.
Helga lebt von Montag bis Samstag für ihre Bude. Der Sonntag ist aber ihr heiliger freier Tag. Da möchte sie nichts von der Bude hören und sehen. Der Sonntag gehört nur ihr und Heinz. Jeden Sonntag machen die beiden einen Ausflug ins Sauerland. Sie gehen immer irgendwo spazieren oder wandern. Die beiden kennen viele Wege besser als manch einheimischer Sauerländer. Auch den sehr bekannten Rothaarsteig sind sie schon gewandert. Zuletzt sind sie den Bestwiger Panoramaweg abgelaufen. Ein toller Wanderweg in der Gemeinde Bestwig mit tollen Aussichten. Dabei sind sie auch auf den Ostwiger Schaukelweg gestoßen. Eine sehr schöne Route mit vielen Schaukeln. Hier kann man auch mit Ü-60 noch viel Spaß haben. Ostwig ist ein sehr schönes Örtchen im Sauerland. Ostwig ist das Dorf mit Zukunft laut Ortseingangs-Schild. Der Schaukelweg sollte auf jeden Fall eine Zukunft haben.
Helga ist jetzt Anfang 60. Wenn es nach ihr geht, behält sie ihre Bude noch bis sie 85 Jahre alt ist. Danach möchte sie mit ihrem Heinz an die Nordsee ziehen und täglich frische Fischbrötchen genießen.
Aber bis dahin ist noch ganz viel Zeit. Helgas Bude kann man sich aus dem Stadtleben von Unna eigentlich nicht wegdenken. Selbst das Fernsehen hat schon mehrmals berichtet. Ohne die Bude würde vielen Unnaerinnen und Unnaern ein wichtiger Teil im Leben fehlen. Hier erlebt man einfach das Leben. Und so hoffen alle, dass es dieses kulturelle Highlight, dass jede Woche 6 Tage lang ohne Eintritt geöffnet hat, noch lange gibt.
Statt “Glück auf” heißt es hier “Bude auf”.





