Veröffentlicht: 20.08.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Die Mauer - eine Fortsetzungsidee
Nun kommt meine Fortsetzung von Phoberos' Geschichte, die Mauer.
Eines Tages, Jonah war schon sehr alt, wollte er sich noch einmal auf eine lange Wanderung begeben. Er wusste nicht, wie lange er noch dazu in der Lage sein würde, also packte er kurzentschlossen einen Rucksack und zog los. An den Resten der Mauer blieb er noch einmal kurz stehen und dachte an den Moment zurück, als er sich geweigert hatte, sie wieder zu reparieren. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, und er war sich noch immer sicher, dass dies die richtige Entscheidung war. Nun betrat er die Wiese und ging an den Birken vorbei. Ihn zog es immer weiter durch die Landschaft, weiter als je zuvor. Da sah er plötzlich einen Trampelpfad, welcher auf ein hohes Gebirge zuführte. Entschlossen nahm Jonah diesen Pfad und fand sich nach einigen Minuten hohen Felswänden gegenüber. Seine Neugier war größer als seine Angst, und zum Glück hatte er mehrere stabile Seile mitgenommen. Er band ein Seil an eine Felswand und begann langsam mit dem Aufstieg. Tiefe Felsspalten klafften immer wieder im Gestein, und er musste aufpassen, wo er hintrat. Felswand für Felswand kletterte Jonah hinauf, und schon nach wenigen Minuten standen ihm Schweißperlen auf der Stirn. "Ich bin wahrlich nicht mehr der Jüngste", dachte er. Dennoch ließ ihn seine Neugier weitermachen. Als er bereits am Ende seiner Kräfte war und dachte, der Aufstieg würde niemals enden, fand er sich plötzlich auf einem Berggipfel wieder, welcher von einer Wiese umgeben war. Erleichtert packte er sein Seil ein und ging den Weg weiter. Obwohl auch dieser nicht ganz flach war, war es für ihn kein Problem.
"Halt, Menschenfeind!" Die Stimme lies Jonah zusammenzucken, und er drehte sich langsam um. Was er dort sah, konnte er kaum glauben. Vor ihm stand ein winziges Wesen, welches ihm gerade einmal bis zum Bauch reichte. Es hatte Haare an den Füßen und trug in seinen winzigen Händen ein Kurzschwert, welches auf den alten Wanderer gerichtet war. Jonah begriff, dass ihn das Wesen für eine Bedrohung hielt und hob die leeren Hände. "Ich will euch nichts tun!", rief er zur Bekräftigung. Der kleine Mann schnaubte. "Ach ja? Bestimmt willst du uns auch noch von unserer neuen Heimat vertreiben, nachdem wir schon von Elidion vertrieben wurden!" Jonah konnte die Wut des kleinen Männchens deutlich vernehmen. "Das liegt nicht in meiner Absicht", sprach er ruhig. "Wie bist du überhaupt hier hergekommen?", fragte das Wesen nun. "Die Menschen haben damals, vor 1000 Jahren, eine Mauer gezogen, damit niemand von unserer Existenz erfährt. Mit Waffengewalt haben sie uns aus Elidion vertrieben, dabei haben wir den Menschen gar nichts getan! Ja, wir sind anders als ihr, aber das gibt euch nicht das Recht, uns zu verbannen!" "Ich habe dafür gesorgt, dass die Mauer fällt", antwortete Jonah. Ungläubig riss das Männchen seine Augen auf. "Sprichst du wahr, oder ist das nur ein mieser Trick von euch Menschen, um uns erneut zu vertreiben?" Jonah hörte das Misstrauen in der Stimme, was ihm einen Stich versetzte. "Ich schwöre euch, dass dies kein Trick ist", antwortete er, und der kleine Mann steckte sein Kurzschwert weg. "Mein Name ist Kator, und wir sind Halblinge. Halblinge sind etwas kleiner als Zwerge und haben noch dazu Haare auf den Füßen. Außerdem essen wir sehr gerne." Er grinste. "Komm mit mir, ich bringe dich zu unseren Kameraden. Die müssen mit eigenen Ohren hören, was du erzählt hast! Pass nur auf, wir haben unsere Höhlen nicht für Menschenfeind ... ähm, für Menschen eingerichtet." Jonah bückte sich und folgte dem Halbling in ein großes Höhlensystem hinein. Nach einigen Biegungen wusste er nicht mehr, ob er wieder alleine herausfinden würde, doch das war ihm in diesem Augenblick einerlei. Bald schon befanden sie sich in einer riesigen Höhle, wo sogar Jonah aufrecht stehen konnte. Viele Halblinge versammelten sich um einen Tisch, während zwei von ihnen damit beschäftigt waren, ein Feuerchen im Ofen zu entfachen. Wieder Andere hatten gerade ein totes Wildschwein ausgeweidet und warteten nur noch darauf, das Fleisch ins Feuer zu werfen und zu braten. Andere Halblinge rauchten Pfeifen und unterhielten sich. Als Kator mit Jonah hineinkam, verstummten alle Halblinge sofort und blickten den Menschen feindselig an. Eine Gruppe wollte bereits Kampfformation einnehmen, doch Kator hob die Hände. "Dies ist kein Feind!", rief er.
Für einen Moment sagte niemand etwas, denn die Halblinge mussten dies erst einmal verarbeiten. Dann wurde Jonah mit Fragen bombardiert. "Woher kommst du? Was machst du hier? Kennst du die Mauer, welche uns davon abhält, Elidion zu betreten?" Jonah begann zu erzählen, angefangen von der Mauer und dem Tag, wo er beschlossen hatte, sie nicht mehr zu reparieren, bis hin zu seinem Wanderausflug. Ein viel zu kleines Stühlchen wurde ihm angeboten, und er setzte sich darauf. Dann begann Kator zu erzählen. "Wir lebten lange vor den Menschen bereits in Elidion. Als die ersten Menschen das Land besiedelten, freuten wir uns auf andere Wesen. Diese Freude war jedoch von kurzer Dauer, denn die Menschen hielten uns für eine Krankheit der Natur. Sie hielten uns für gefährlich, obwohl wir nichts Anderes taten, als Waldtiere zu jagen, um unsere Familien versorgen zu können. Meist waren dies sogar Waldtiere wie Wildschweine, welche zu einer Plage werden konnten, wenn man nichts dagegen tat. Dennoch war dies den Menschen nicht Recht. Wahrscheinlich dachten sie, wir nehmen ihnen Jagdbeute weg, dabei war doch genug für uns alle da! Eines Tages schlossen sich die Menschen zu einem Heer zusammen, gegen dieses wir kräftemäßig unterlegen waren. Auch wenn wir ganz passable Jäger sind, sind wir keine besonders starken Krieger, erst Recht nicht gegen so eine geballte Macht. Sie trieben uns mit Pfeil, Bogen und Speer aus Elidion und zogen eine Mauer, mit dem Ziel, dass wir verschwanden. Wir fanden den Bergpfad und errichteten hier oben unsere Höhlen, in denen wir leben. Zum Glück gibt es hier oben genug Wälder, um alles Nötige für das Überleben zu sammeln."
Jonah sagte zuerst kein Wort, denn er musste diese Nachricht auf sich wirken lassen. Dann flammte Wut in ihm auf. Seine Vorfahren hatten die Mauer nur gebaut, um andersartige Wesen von sich fern zu halten. Nachdem er mit den Halblingen gegessen hatte, fasste er einen Entschluss. "Ich nehme euch gerne wieder in Elidion auf, wenn ihr es wünscht", sagte er. Die Halblinge blickten ihn entgeistert an. "Kannst du das denn alleine entscheiden?", fragte Kator. Jonah schüttelte den Kopf. "Das nicht, aber ich bin mir sicher, dass die Menschen euch nach dieser Vorgeschichte nicht mehr mit Vorurteilen begegnen werden." Bald ließen sich alle Halblinge überzeugen und fassten einen Plan. Bereits am nächsten Morgen sollte der Abstieg beginnen.
Jonah hatte in einem viel zu kleinen Bett schlafen müssen, dementsprechend müde war er dann auch. Dennoch blieb er bei dem Plan. Nachdem die Halblinge all ihr Hab und Gut zusammengepackt und die Schwerter so verstaut hatten, dass die Menschen sie nicht als Gefahr sehen würden, machte sich die Gruppe an den Abstieg. Die Halblinge erwiesen sich als äußerst nützlich, denn sie kannten eine Abkürzung. Einer nach dem Anderen seilte sich in eine Felsspalte ab. Dort war ebenfalls ein kleines Höhlensystem, und auch wenn Jonah hier auf allen Vieren kriechen musste, war es deutlich angenehmer als die Felswände. Plötzlich erschien eine Röhre, welche steil nach unten führte. Die Halblinge rutschten ohne zu zögern herunter, doch Jonah hatte zuerst ein wenig Angst. Kator winkte ihm ermunternd zu, und so folgte er ihnen. Nach der Rutsche landeten sie nebeneinander auf einem Felsplateau. Mit flinken Fingern befestigte Kator ein Seil an einem Vorsprung und kletterte als Erster nach unten. Als Jonah sich sicher war, dass das Seil hielt, folgte er dem Anführer. Unten angekommen standen sie zwischen den Birken, und Jonah wunderte sich, dass er dieses Plateau nie zuvor gesehen hatte. Wahrscheinlich war es zu hoch oben und außerdem zu versteckt.
Schnell näherte sich die Gruppe den Mauerresten. Einige Halblinge hielten kurz inne und betrachteten diese, weil sie es noch immer nicht ganz glauben konnten. Viele Kinder spielten auf der Wiese, und einige Erwachsene hielten ein Picknick. Alle rissen ihre Augen weit auf, als Jonah mit der seltsamen Truppe ankam. Die Kinder hörten auf zu spielen und setzten sich ins Gras, während der alte Wanderer sprach. Die Menschen waren entsetzt von der Vorgehensweise der Vorfahren und trommelten alle Anderen zusammen. Die Halblinge wurden in die Menschengemeinschaft integriert, und niemand hegte Groll gegen sie. Ein großes Fest wurde gefeiert, welches mehrere Tage dauerte.
Jonah saß inzwischen ganz zufrieden vor seinem Haus und beobachtete das Treiben. Er freute sich sehr darüber, dass die Halblinge akzeptiert wurden. Außerdem war nun auch seine Neugier gestillt. Endlich wusste er den Grund, weshalb diese Mauer damals errichtet worden war, und nicht nur das. Er hatte einem anderen Volk dazu verholfen, seine Heimat wieder zu entdecken. Endlich machte sich in ihm eine Ruhe breit, und er schloss lächelnd die Augen. "Jetzt habe ich wahren Frieden gefunden", dachte er, und mit diesem Gedanken schlief er ein, für alle Zeiten.





