Veröffentlicht: 03.09.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Die Froschkönigin, erster Teil
Ich weiß, das Drama hat fünf Akte,
dieses hat vier, Ausnahmen
bestätigen die Regel.
Es war einmal ein König, nennen wir ihn Heinrich. Er hatte, wie so oft im Märchen, drei Söhne. Die beiden älteren waren hübsche Jungen. Groß, blond und wild. Als sie erwachsen geworden waren, umsegelte der eine die Welt und der andere kletterte die Berge im Himalaja hinauf. Der alte König war stolz auf seine Söhne. Nur der jüngste machte ihm Sorgen. Im Gegensatz zu seinen Brüdern war er nicht in die Welt hinausgezogen, seine Kräfte zu erproben. Nein, er hockte immer noch an der Uni und studierte ‚wer weiß was‘. Er erwarb einen Doktortitel und eine Professur.
„Was soll nur aus dem Jungen werden?“
Fragte sich der alte König oft. Und eine leise Stimme in seinem Inneren antwortete:
„Ein König“.
König Heinrich schüttelte den Kopf.
Nein, nein, nein. Nicht auszudenken, wenn er nach Hause käme. Wenn er die leere Staatkasse sähe, die Anträge der Bürger, die er alle abgelehnt hatte. Und die Ausgaben der Königin für ihre Garderobe und die Kosmetikerin.
Doch mit den Jahren wurde der König alt und müde. In seinem kleinen Reich ging es drunter und drüber, und er sah sich nicht mehr in der Lage, den Unmut seiner Bürger zu besänftigen. Er sehnte sich danach, die Last der Regierung an einen seiner Söhne abzugeben. Also griff er zu seinem Smartphone und rief seinen Ältesten an. Doch der lachte nur, er würde morgen aufbrechen, die Welt zu umsegeln. Er hätte keine Zeit.
Der zweite Sohn kletterte gerade auf den Mont Everest hinauf. Nein, er hatte auch keine Zeit.
Widerwillig dachte der König daran, seinen Jüngsten anzurufen. Er traute ihm zwar nicht zu, das Land zu regieren, aber es konnte ja nicht schaden, ihn in die Regierungsgeschäfte einzuweihen. Er hatte noch nicht einmal seine Handynummer. Mühsam entsann er sich der Universität, an die er ihn einst geschickt hatte. Im Internet fand er die Telefonnummer und ließ sich verbinden. Sein Sohn war sofort am Telefon.
„Vater… natürlich helfe ich dir. Ich schreibe zwar gerade wieder an einer Doktorarbeit, aber das kann ich auch zu Hause tun. Morgen Mittag bin ich da…“
Und tatsächlich, am nächsten Tag um die Mittagsstunde, als es im ganzen Schlossgarten nach Hirschbraten und Rotkohl duftete, fuhr ein kleiner grüner Wagen die Auffahrt hinauf. Der alte König stand in der Eingangstür und schüttelte den Kopf. Hätte der Junge sich nicht ein standesgemäßes Auto zulegen können? Einen Sportwagen vielleicht oder einen SUV? Sein Sohn war noch nicht ausgestiegen, und schon begann der alte König wieder, sich seiner zu schämen. Doch dann schloss er ihn in die Arme und murmelte:
„Lukas, schön, dass du da bist…“
Prinz Lukas war ein sensibler junger Mann und er spürte sofort, dass sein Vater log. Doch umarmte er ihn ebenfalls.
„Ja, Vater, ich freue mich auch, wieder zu Hause zu sein.“
Auch das war gelogen.
Nach dem Hirschbraten setzten sich Vater und Sohn zusammen und besprachen die Amtsübernahme. Dabei wollten sie langsam vorgehen, denn Prinz Lukas sollte sich erst einmal gründlich in die Staatsangelegenheiten einarbeiten. Für König Heinrich war von Vornherein klar, dass sein Jüngster sein Königreich nicht erben würde. Er hielt ihn gar nicht für fähig, die Bürger seines Landes in Schach zu halten und dabei den Glanz des Königshauses zu repräsentieren. Außerdem… was sollten die Leute denken, wenn ihr zukünftiger König in einem froschgrünen Kleinwagen umherfuhr? Und was sollte er von einem Sohn erwarten, der schon seit seiner Kindheit Gedichte las, der weder die Welt umsegelte noch den Himalaja hinaufkletterte, sondern Doktorarbeiten über Politik und moderne Landwirtschaft schrieb.
Und Prinz Lukas? Der merkte sofort, dass sein Vater ihm zu Narren hielt. Er wusste, dass er die Reserve der Reserve war. Aber er ließ sich nichts anmerken und sog alles auf, was sein Vater ihm erklärte. Er vertiefte sich in die Pläne seines Vaters, der das Schloss ausbauen und den Park erweitern wollte. Er vertiefte sich auch in die abgelehnten Anträge der Bürger. Und er schämte sich für seinen Vater. Für ein dringend benötigtes Kinderkrankenhaus war kein Geld da, bei Regen lief das Wasser in die Häuser, weil die Kanalisation überlastet war, und die Müllabfuhr kam viel zu selten. Er wusste, dass der ganze Staatshaushalt neu strukturiert werden musste, aber im Moment waren ihm noch die Hände gebunden. Und als er sich die jährlichen Bilanzen des Königshauses ansah, stellt er fest, dass unter jedem Konto anstatt eines ‚Soll‘ ein ,Haben‘ stand.
„Die Not ist größer, als ich dachte“ seufzte Prinz Lukas.
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