Veröffentlicht: 22.09.2026. Rubrik: Unsortiert
Hertha und der Rüppelmann
Hertha Mayer, 71 Jahre alt, Verkäuferin Zeit ihres Lebens, 5x mit dem Orden Verkäuferin des Jahres, schloss die Ladenzeile ab, als sie mit einem Rüppel zusammenstieß. Es passierte nichts, das hieß das, was man als üblich bezeichnen konnte bei solchen Zwischenfällen. Hertha flog die Umhängetasche von der Schulter, und sie musste sich bücken, was ihre künstlichen Hüften mit einem wehen Ächzen und am nächsten Tag mit Streik quittierten. Der Rüppel war indessen weitergezogen, desinteressiert an ihr, der Alten. Man wusste in allen Herrenkreisen, dass das Geld des Ladens "Jaolas Einkaufswelten" grundsätzlich von einer Bank & Savefirma abgeholt wurde und nicht mit ihr ging.
Und dennoch, etwas an der Art, wie der junge Mann um die 30 Jahre,sie angerempelt hatte, kam ihr Absichtlich vor. Hertha war heute in einer angenehmen Lebenssituation. Sie arbeitete mehr aus Routine, Gewohnheit eben, als dass sie musste. Ihre Söhne, waren beide groß und halbwegs gut geraten. Sie konnte sich also um sich und ihr bescheidenes Leben kümmern. Steffen, der jüngere Sohn von beiden, hatte einmal ein Suchtproblem gehabt, was heute als gut überwunden galt, doch es blieb ihr ein Anliegen, hin und wieder nach dem Rechten im Suchtzentrum zu sehen, das Steffen einst eine gute Stütze gewesen war.
Auf den folgende Tag ihrer Gedanken, war sie humpelnd, ihrer beiden Hüften wegen, zur Arbeit gegangen und hatte sich hinter der kleinen Arbeitsfläche der Kasse einen kleinen Stuhl herangezogen, auf dem sie sitzen konnte, als sie von der unteren Etage den Leuten zublickte, welche mit Hilfe der Rolltreppe langsam zu ihr nach Oben geförert wurden in die Schlafmode, Handtücher, Koch- und Geschirrsets und Handywelt, als auch plötzlich die Gestalt jenes jungen Mannes zu Tage kam, welcher sie am Vortag angerempelt hatte. Er kam mit unsicheren Schritten, die Kapuze tief in die Stirn gezogen und mit einem Blümchen in der Hand, das dringend nach Wasser verlangte, auf sie zu, und Hertha, 71 Jahre Lebenserfahrung alt, hätte ihn gerne über den Arm gestriffen und gesagt, dass alles schon werden wird. Der junge Mann, heute keine Dampflok, sondern eher ein zartes Schaukelschiff, unsicher, ob es bleiben darf und dann doch wieder ankommend, kaum hat es kurz Abstand genommen, berichtete, dass er sie am Vortag hatte ansprechen wollen. Adrenalin und Suchttremor hatten seinen Körper jedoch nicht zu ihr hin, sondern auf sie hinauf gesteuert, was ihm unendlich leid tat.
Er berichtete, im Suchtzentrum von Hertha erfahren zu haben und von ihrem Bemühen, stets zu helfen, wo es ginge.
"Ja", sagte Hertha, "wo es ginge."
Da packte Thorsten aus. An der Kasse war es gerade ruhig, so dass sie Zeit hatten für die Worte, die auf Thorstens Seele brannten.
Nach einigen Minuten Gespräch zwischen Kleiderbügeln und Einwickelpapier, denn sie hatte Thorsten, der Ruhe halber, etwas abseits in den Arbeitsbereich gebeten, wurde klar, er würde Hilfe brauchen. Professionelle, welche sie wahrscheinlich recht gut vermitteln konnte, sie hatte noch die eine oder andere Nummer von damals und gute Kontakte, vor allem aber brauchte Thorsten einen Freund. Und allen Anschein nach hatte Thorsten genau Hertha dafür ausgesucht.
Hertha hatte gerne junge Menschen um sich gehabt, so war es schon ihr Leben lang gegangen. Die Zeit des Heranreifens ihrer Kinder und dann auch später, als sie schon erwachsen wurden, war daher immer ein großer Segen für sie gewesen. Leider wohnten sie nun weit weg, hatten wenig Zeit. Hertha dachte an ihre Studienzeit, wie gerne sie mit Studierenden aus aller Herkunftsorte und Studiengänge zusammen war, wie sie immer wieder gerne neue Menschen in ihrem Kreise aufgenommen hatte. Hungrig nach Menschen, hungrig nach deren Geschichten, hungrig nach dem Entdecken der Gemeinsamkeiten und hungrig nach dem Aufbau echter Verbindung und einem Halt ineinander, miteinander, einem Wurzeln über Grenzen hinaus.
Thorsten hatte seine Themen, das war ihr bewusst. Es konnte Hochs und Tiefs geben. Aber hatte er es nicht verdient, dass man ihm die Hand reichte und ihm eine Freundschaft bot?
Sie mochte ihn schließlich jetzt schon, außerdem schien er ihr sehr aufrichtig.
Ein Schmerzstich durchzog ihre Gedanken, und Hertha fasste sich an ihre Hüften. Da strich Thorsten ihr mit Fürsorge in der Miene über den Arm.
Hertha überkam ein warmer Schauer von innerem Wohlgefühl. Sie steckte das halb verdurstete Blümchen in einen leeren Pappbecher und kippte etwas von dem Wasser, das zum Nachfüllen der Kaffeemaschine gedacht war, darüber.
Fertig, es würde noch ein Weilchen überleben.
Thorsten und sie wurden schon bald dicke Freunde, wobei sich sehr bald nicht mehr sagen ließ, wer wen mehr brauchte. Sie hatten aneinander gut, und sollte es so auch nicht sein? In Freundschaft?
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Autorin: von Gott inspriert von mir Siela/Herbstsonne niedergeschrieben.
Meine Rechtschreibung und Grammatik lasse ich mittels Copilot oder Chatqbt korrigieren.
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