Veröffentlicht: 20.09.2026. Rubrik: Unsortiert
Tante Pütties Saat geht auf
Tante Püttie hatte Geldsorgen. Mit der Fingerkuppe ihres rechten Zeigefingers bewegte sie nunmehr seit Stunden ihre paar wenigen Kupfermünzen hin und her und verrechnete sie in Bedarfen.
Das Haar stand ihr wirr zu Berge, und ihr Morgenrock zeigte eine Spur von vergangenem Ei, das es in Ferne einmal gegeben haben musste.
Sie schielte auf das Kalenderblatt, jedoch unfähig zu erkennen, dass es das Vorjahr anzeigte, im tiefsten Winter.
Da Tante Püttie Hunger hatte und das Kalenderblatt strengen Winter zeigte, strich sie ihr wenig Kupfergeld vom Tisch, zog sich ihre Moon Boots an, hängte sich den Schal mit Fransen um und stapfte nach draußen in die strahlende Sonne des Mai 1971. Sie freute sich über den milden Winter, war jedoch auch etwas irritiert darüber, als ein junges Paar um die 20 Jahre auf ihre Stiefel zeigte und „ja geil!“ rief. Da Tante Püttie das Wasser bereits im Futter stand, verkaufte sie diese dem Paar zum Schleuderpreis. Diese, glücklich, für die kommende Wintersaison schon mal etwas ausgestattet zu sein, zogen von dannen. Püttie blieb auf Strümpfen zurück, was nicht weiter schlimm war, denn ihr Weg ließ sich ohnehin nicht fortsetzen, denn es saß eine dicke Krähe auf dem Straßenpflaster direkt vor ihr.
7 Tage Unglück, wenn sie ihr in die Augen blickte, ein halbes Jahr eher kommt der Tod, wenn sie sie anflöge, so ging es in Tante Pütties Kopf wie Pingpongbälle umher, steif vor Angst.
Um den Vogel gnädig zu stimmen, warf sie ihm ihr eben erworbenes Geld hin. Die Münze klonkte schwer auf dem Asphalt, erschlug den Vogel beinahe und rollte dann vom Rinnstein hinab in den Gulli hinein. Verzweifelt, voller Angst nun den Blick der Krähe vollends auf sich zu ziehen, griff sie in ihre Bademanteltasche und lies ihr gesamtes Kupfergeld nun wie einen Regen über die Krähe strömen, welche sich sofort daran tat, sich an den Münzen gütlich zu machen.
Ein Stein flog gegen die verschlossenen Fensterläden. Erschrocken riss es sie im Bett hoch. Noch bevor sie sich die Geschehnisse erklären konnte, prallte das nächste Steinchen gegen die Fensterläden. Rasch glitt sie in ihren frischen Bademantel und öffnete die Läden und das Fenster. Auf der Straße stand ein Roller. Auf ihm saß ein Mann mit Rauschebart und langem Haar, auf dem ein kleiner Helm mit einer Taube als Motiv oben auf thronte. Den Mann umgab ein samtenes, eigenartig beruhigendes Licht. Bea sah ihn gespannt an.
Und er sah sie einfach nur in großer Liebe einen langen, lichtummantelten Moment an, dann nickte er, tippte sich auf die Taube und startete den Motor. Ihr war, als ob das Taubenmotiv eine Kraft in ihr Zimmer geleuchtet hätte oder gar die kleine Taube selbst. Der Roller fuhr, und sie sah ihm noch lange nach. Dann setzte sie sich ins Bett und beobachtete das kleine Leuchten in ihrem Zimmer, das ihr immer näher zu kommen schien, und mit einem Mal leuchtete es in ihrem Inneren.
Sie musste plötzlich an ihren Traum denken, an Tante Pütti, die, als Bea ein Kind gewesen war, oft für sie da war und mit der nun der Kontakt fast völlig brachlag. Sie wusste wohl, dass Tante Pütti immer verwirrter wurde. Letztes Jahr suchte man deshalb schon nach Angehörigen, die sie unterstützen könnten.
Warum hatte sie sich nicht gemeldet? Sie fand sich damals zu beschäftigt und wollte sich irgendwie keine Last ans Bein binden.
Aber hatte Tante Püttie damals auch über sie so gedacht, als sie ein Kind war? Als Tante Püttie arbeitete, ein krankes Haustier versorgte und für eine Nachbarin regelmäßig Besorgungen machte, während sie sie oft betreute? Und was war mit Jesus? Hatte er nicht oft für unser Versagen Verständnis, aber rief er uns nicht auch dazu auf, ihm immer ähnlicher zu werden? Hatte er denn je gesagt: „Entschuldige mal, aber dich will ich mir nicht ans Bein binden?“ Sollte sie es nicht mit Tante Püttie probieren? Sich überhaupt erst mal erkundigen, welche Unterstützung alles benötigt wurde?
Erschöpft, aber auch erleichtert über den Entschluss, helfen zu wollen, lehnte sie sich im Bett zurück und musste in die Ruhe hinein rülpsen. Erschrocken fuhr ihre Hand zum Mund. Huch, dachte sie, hoffentlich war das mal nur der Käsekuchen von heute Nachmittag und nicht das Fortfliegen der leuchtenden Taube, die ich gerade liebgewonnen habe.
Autorin:Von Gott inspiriert, von mir Siela/ Herbstsonne aufgeschrieben.
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