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geschrieben von Jessika Uecker.
Veröffentlicht: 01.10.2026. Rubrik: Unsortiert


Zwischen Mitternacht und Morgen

Niemand durfte wissen, dass sie sich liebten.

Nicht seine Familie. Nicht ihre Freunde. Nicht die Menschen, die jeden ihrer Schritte beobachteten und längst entschieden hatten, wen sie lieben durften und wen nicht.

Sie waren beide erwachsen, beide alt genug, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Und trotzdem fühlte sich jede Begegnung an wie ein kleines Verbrechen.

Immer kurz vor Mitternacht verließ sie das Haus.

Eine dunkle Jacke über den Schultern, die Haare hastig zusammengebunden, das Handy lautlos in der Tasche. Sie kannte den Weg inzwischen auswendig. Durch den kleinen Park, vorbei an der alten Kirche und schließlich zu dem verlassenen Pavillon am Rand des Sees.

Dort wartete er.

Als sie ihn an diesem Abend zwischen den Schatten der Bäume stehen sah, blieb sie für einen Moment stehen.

„Du bist spät.“

Sie lächelte. „Du hast gewartet.“

„Natürlich.“

Er trat näher.

Für einen Augenblick sagte keiner etwas. Sie mussten nicht. Seine Hand fand ihre, und allein diese Berührung ließ die ganze Anspannung des Tages von ihr abfallen.

„Wenn uns jemand sieht …“

„Dann haben wir ein Problem.“

Sie sah ihn an.

„Wir haben immer ein Problem.“

Er musste lachen, aber sein Blick blieb ernst.

Dann zog er sie vorsichtig an sich.

Sie legte den Kopf an seine Brust und hörte seinen Herzschlag. Schnell. Unruhig. Genau wie ihrer.

„Ich hasse es, dass wir uns verstecken müssen“, flüsterte sie.

„Ich auch.“

Seine Finger strichen sanft über ihre Wange.

Sie hob den Blick.

Der Kuss kam langsam, beinahe vorsichtig. Als müssten sie beide erst überprüfen, ob dieser eine Moment wirklich ihnen gehörte.

Dann wurde daraus mehr.

Nicht hastig. Nicht laut. Nur voller all der Gefühle, die sie tagsüber unterdrücken mussten.

Als sie sich schließlich voneinander lösten, blieben ihre Stirnen aneinander.

„Morgen wieder?“, fragte sie.

Er lächelte.

„Morgen wieder.“

Sie wusste, dass es gefährlich war.

Sie wusste, dass irgendwann jemand Verdacht schöpfen würde.

Aber in diesen wenigen Stunden zwischen Mitternacht und Morgen gehörte die Welt ihnen.

Und solange niemand davon erfuhr, würden sie sich weiterhin treffen.

Immer wieder.

Heimlich.

Denn manchmal war eine verbotene Liebe nicht weniger echt.

Sie war nur gezwungen, leiser zu sein.

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