Veröffentlicht: 02.10.2026. Rubrik: Satirisches
Sirenensummen
04.06.2021
Die Fenster sind gekippt. Ich wohne im Erdgeschoss eines Eckhauses, zentral gelegen und nur 100 Meter vom Uni-Hauptgebäude entfernt. Die Straße vor meinem Zimmer ist recht stark befahren. Schon ab 04:00 Uhr kündigt sich der beginnende Arbeitstag durch langsam anschwellenden Verkehr an. Viele Ge-hirne sind offenbar in der Lage, diese lauten Störgeräusche so weit herauszufiltern, dass einem geruh-samen Schlaf nichts entgegensteht. Meines könnte darin besser sein.
Wie paradiesisch muss es zumindest der Geräuschkulisse nach gewesen sein, als hier nur Fuhrwerke entlangklapperten. Meine Theorie, warum wir den heutigen Verkehrslärm trotzdem ertragen, ist die Froschkoch-Hypothese: Würde sich das Verkehrsaufkommen von 1900 auf 2021 innerhalb eines einzi-gen Tages verändern, würden wahrscheinlich alle wahnsinnig. In manchen Gegenden würde dafür ver-mutlich schon ein Sprung von 1965 ins Heute genügen. Das allmähliche Aufheizen des Wassers dagegen fällt dem Frosch nicht auf. Er bleibt, bis er gart und verstirbt.
Es ist aber noch schlimmer: Leider ist die erwähnte Straße für den Notfallambulanz-Verkehr aus mehre-ren Himmelsrichtungen die Zufahrt der Wahl in ein nahegelegenes Krankenhaus. Eine bis spät abends eingeschaltete Ampelanlage direkt an unserer Ecke macht es notwendig, dass die FahrerInnen zumin-dest das Teilstück mindestens 100 Meter vor der Kreuzung, meist aber die komplette Straße entlang, ohrenbetäubende, von den Häuserwänden hin- und hergeworfene Sirenentöne einschalten.
Das kann kein Mensch herausfiltern und das ist ja auch das Grundkonzept der Sirene. Ich schätze, dass hier täglich etwa 20 Notfälle zu Tageszeiten durch die Straße gebracht werden, an welchen der Einsatz der Sirene dem Ambulanzteam angebracht erscheint oder ihm dieser vorgeschrieben ist.
Natürlich ist das für diejenigen mit Herzinfarkt, Hirnschlag oder abgerissenen Gliedmaßen eine feine Sache, nicht mit einer Kutsche gebracht zu werden. Oft werden es aber sicherlich weniger dramatische Erkrankungen/Verletzungen sein. Ich will ja nicht, dass die Leute leiden. Können wir den Verletzten und weniger schwer Kranken nicht ein bisschen mehr Morphium reinballern und die Ambulanzen fließen ohne Geheul hochviskos im Stau mit? Auch hier kann ich mit einer Auffassung, einer Annahme dienen: Sagen wir, nur 10 % der Notfälle sind wirklich lebensbedrohlich und für die anderen 90 % würde es kei-nen Unterschied in der Lebenserwartung ausmachen, wann genau sie im Krankenhaus eintreffen. Sa-gen wir weiter, dass das Leben von diesen 10 % durch das etwas schnellere Ankommen im Krankenhaus um durchschnittlich 1 ganzes Jahr (!) verlängert werden kann, dann sind das pro Tag (bei durchschnitt-lich 20 Fahrten – 10 % davon = 2 Fahrten) 2 × 1 Jahr, also 2 Jahre geschenktes Leben dank Sirene.
Auf der anderen Seite allerdings verkürzt der Lärmstress das Leben der nichttauben AnwohnerInnen um durchschnittlich – sagen wir – 30 Minuten pro Ereignis. Mein Blutdruck steigt enorm, ich reagiere mit Stress und das ist ja auch – wie gesagt – genau das Wirkkonzept von Sirenen. Ich verliere also jeden Tag 600 Minuten = 10 Stunden Lebenszeit. Die durchschnittliche Fahrtenlänge einer Ambulanz ist laut Arbeiter-Samariter-Bund 5,464 km, laut Johannitern 5,418 km innerhalb unserer Stadt. Das hiesige Bauamt bemühte auf meine Anfrage hin Statistiken und Unterlagen und sagt, durchschnittlich leben pro km innerstädtischer Straße etwa 722 Menschen innerhalb der Stadtgrenze. Vom Bürgerbüro kommt noch die Info, dass die Wohnungsbelegung während der Sirenenzeiten im Durchschnitt nur mit 44,6 % zu rechnen ist, da gerade auch zu diesen Zeiten viele StadtbewohnerInnen bei der Arbeit oder anderen Tätigkeiten – jedenfalls nicht zu Hause – sind. Folgende Rechnung muss also aufgemacht wer-den:
A: Johanniter, durchschnittliche Strecke innerstädtischer Sirenenfahrten in km: 5,418
B: Arbeiter-Samariter-Bund, durchschnittliche Strecke innerstädtischer Sirenenfahrten in km: 5,464
C: Einwohner pro km: 722
D: Wohnungsbelegungskoeffizient während Sirenenzeiten: 0,446
E: Sirenenfahrten pro Tag: 20
F: Lebenszeitverkürzung pro betroffener Person und Sirenenfahrt in Stunden: 0,5
Formel: (A + B) / 2 × C × D × E × F = 17.520,67 Stunden
Das steht also folgendem Nutzen entgegen:
G: Sirenenfahrten pro Tag mit Lebenszeitverlängerungseffekt: 2
H: Tage im Jahr: 365
I: Stunden pro Tag: 24
Formel:
G × H × I = 17.520 Stunden
Hm, ich hätte ja gedacht, dass der Unterschied deutlicher zugunsten einer laxeren Morphiumvergabe ausfallen würde. … Das Ergebnis ist ja fast identisch.
Ich persönlich wäre trotzdem für eine Abschaltung der Sirenen, hatte aber auf ein eindeutigeres Ergeb-nis gehofft. Vielleicht sind die Zahlen ja nicht ganz akkurat. Ich werde mich wohl oder übel nochmals tiefer in die Materie einarbeiten. Jedoch, was jetzt schon auffällt:
Im Schaltjahr (H = 366) steigt der Lebenszeitverlängerungseffekt auf 17.568 Stunden, das heißt doch nichts anderes, als dass es vernünftig wäre, alle 4 Jahre mit Sirenen zu fahren und die anderen 3 Jahre ohne. Auf der anderen Seite hätten wir ja dann zumindest am Anfang der Sirenenjahre mit einem stär-keren Stress zu tun, da ja der Gewöhnungseffekt wahrscheinlich bis ca. Mitte Februar nicht gegeben ist. Solange brauche ich auch immer etwa, bis ich mich nicht mehr bei der Jahreszahl verschreibe, also weil es manchmal bis zu 6 Wochen dauert, bis auch in der letzten fürs Schreiben verantwortlichen Hirnzelle angekommen ist, dass ein Jahreswechsel stattgefunden hat. Bei mir ist es übrigens so, dass ich direkt nach Silvester, weil der Wechsel dann noch so präsent ist, kaum einen Fehler mache, das Error-Maximum dann so um den 13. Januar liegt und die Kurve dann stetig abfällt, bis Anfang Februar nur noch selten ein Ausrutscher passiert und es kurz darauf kein Vertun mehr gibt.
Es hängt natürlich auch alles von der Konzentration ab. Wenn keine kreischenden Sirenen vorbeiheu-len, mache ich natürlich auch weniger Fehler.
Da kommt gerade eine und ich muss für heute aufhören, da ich g era de ni cht verst ehe, wel che Ausw irk ungen das auf die Formel haben sollte.
Gerade habe ich gedacht, dass da ja was nicht stimmen kann: Ich schrieb, ich verlöre 10 Stunden pro Tag, das ist ja fast die Hälfte! Und doch ist es so, bei näherer Betrachtung: Hier im Universitätsviertel wohnen fast nur junge Leute. Da fällt es nicht so auf, die Fluktuation ist groß und die Verkürzung wird anderswo ausgelebt bzw. ausgestorben. Nein, so kann ich das auch nicht sagen … die Verkürzung schlägt anderswo zu Buche.





