Veröffentlicht: 12.10.2026. Rubrik: Unsortiert
Popey am Markusplatz
Popey am Markusplatz
Das Gurren der Tauben auf dem Markusplatz ging fast unter im hitzigen Wortgefecht, das sich mitten vor der prachtvollen Kulisse des Doms abspielte. Ein ziemlich ungewöhnliches Trio – genauer gesagt ein Quartett, wenn man den kleinen weißen Hund mitrechnete – hatte die Aufmerksamkeit der venezianischen Passanten auf sich gezogen.
Popeye, der sich heute in der Gestalt eines stolzen, flauschigen Birmakaters in einer maßgeschneiderten, tiefblauen Kapitänsuniform präsentierte, hielt mit einer Pfote triumphierend eine offene Dose hoch. Ein deutlicher Geruch von gedünstetem Grünzeug lag in der Luft.
„Ich sag’s euch, beim Klabautermann!“, maunzte der Kater mit seiner typisch rauen, kratzigen Stimme und stupste mit der Nase gegen das Blech. „Vergesst eure Suppen und Zaubertränke! Eine Dose von diesem Spinat, und meine Muskeln sprießen wie die Segel im Sturm. Da wächst kein Gras mehr drüber, Kumpels!“
Asterix hatte sich leicht nach vorne gebeugt und strich sich amüsiert über den gelben Schnurrbart. „Beim Teutates, Herr Kapitän, Ihr unterschätzt die Kunst unseres Druiden Miraculix! Ein einziger Schluck aus meiner Feldflasche verleiht übermenschliche Kräfte. Damit werfen wir ganze Legionen von Römern wie reife Äpfel durch die Luft. Und, bei aller Höflichkeit: Unser Trank schmeckt deutlich besser als dieser grüne Brei.“
Obelix stand wie gewohnt mit verschränkten Armen und einem riesigen Hinkelstein auf dem Rücken daneben. Sein Blick wanderte abwechselnd von der Spinatdose zu den Tauben auf dem Pflaster. Er seufzte tief. „Ich verstehe überhaupt nicht, warum ihr euch so ereifert. Kraft kommt von einer ordentlichen Mahlzeit. Ein Wildschwein, knusprig über dem offenen Feuer gedreht, das ist das einzig Wahre!“ Er blickte kurz nach unten zu Idefix, der aufmerksam zwischen den dreien saß und den Kater im Matrosen-Look neugierig beschnupperte. „Nicht wahr, Idefix? Aber auf mich hört ja keiner. Und Zaubertrank darf ich sowieso nicht…“
„Ja, Obelix, wir wissen es, du bist als Kind hineingefallen“, warf Asterix schmunzelnd ein.
Popeye ließ sich nicht beirren. Mit einem geschickten Pfotenhieb drückte er die Dose zusammen, sodass der Spinat im hohen Bogen in sein Maul flog. Im selben Moment spannten sich die Muskeln unter seinen goldverzierten Ärmeln an, sein Kater-Schwanz stellte sich kerzengerade auf wie ein Schiffsmast, und seine Augen blitzten unter der Kapitänsmütze auf. „Seht ihr das? Reine Power! Wer braucht schon einen großen Kessel, wenn man die Stärke direkt aus der Tasche ziehen kann?“
Asterix lachte auf und klopfte an den Griff seines Kurzschwerts. „Beeindruckend für einen Kater, das muss ich zugeben! Aber wie wäre es mit einer kleinen Wette? Drüben am Canal Grande liegt eine schwere römische Galeere. Wer sie schneller mit bloßen Händen – oder Pfoten – aus dem Wasser hebt, hat recht!“
Popeye bleckte die Zähne zu einem breiten Grinsen und rückte seine Mütze zurecht. „Die Wette gilt, mein gallischer Freund! Macht euch auf was gefasst!“
„Galeeren? Kann man die auch essen?“, brummte Obelix hoffnungsvoll und trottete den beiden hinterher, während Idefix fröhlich kläffend voranlief. Die Markusplatz-Tauben atmeten erleichtert auf, als sich die hitzige Diskussion langsam in Richtung Uferpromenade verlagerte.
Der kleine Trupp marschierte im Stechschritt in Richtung Uferpromenade, dicht gefolgt von einer Traube neugieriger Venezianer, die sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen wollten. Am Kai des Canal Grande lag tatsächlich eine massive, dreireihige römische Galeere vor Anker. Die Besatzung der Legionäre lag faul in der Sonne – ahnungslos, welches Schicksal ihr Schiff gleich ereilen sollte.
„Also gut, Herr Kapitän“, sagte Asterix mit einem herausfordernden Lächeln und lockerte seine Feldflasche. „Wer zuerst das Heck der Galeere komplett aus dem Wasser hebt, gewinnt.“
Popeye, dessen Birma-Katzenfell vor purer Spinat-Energie noch immer leicht knisterte, rückte seine Kapitänsmütze zurecht. „Frauen und Katzen zuerst, Kumpel! Macht Platz für echte Seemanns-Power!“
Mit einem gewaltigen Satz sprang der Kater auf den Steg. Seine Pfoten schlossen sich um das dicke Ankertau. Mit einem lauten Tatzen-Ächzen zog er an. Unter dem eleganten blauen Stoff seiner Uniform traten Muskelberge hervor, die man einer Katze niemals zugetraut hätte. Mit einem gewaltigen Ruck riss Popeye das tonnenschwere Holzschiff ein gutes Stück nach oben. Das Heck schoss aus dem Wasser, die römischen Legionäre purzelten wie Kegel über das Deck und schrien Zeter und Mordio. Nach drei Sekunden ließ Popeye das Schiff wieder ins Wasser klatschen, landete geschmeidig auf allen vieren und grinste breit. „Na? Was sagst du jetzt, mein gallischer Freund?“
Asterix nickte anerkennend. „Nicht übel für ein Haustier.“ Er nahm einen kleinen Schluck aus seiner Feldflasche. Sofort durchfuhr ihn der Zaubertrank. Asterix trat an die Kaimauer, griff mit nur zwei Fingern nach dem massiven Rumpf der Galeere und hob das gesamte Schiff – samt der kreischenden Römer – mühelos über seinen Kopf, als wäre es ein leichtes Holzspielzeug. Er balancierte es kurz auf dem Zeigefinger, bevor er es sanft wieder im Kanal absetzte. Die Zuschauer auf der Promenade brachen in tosenden Applaus aus.
Popeyes Katzenaugen wurden groß wie Untertassen. „Beim Klabautermann… das ist… das ist unmöglich!“
„Das ist gallische Qualitätsarbeit“, erwiderte Asterix stolz.
Während die beiden sich tief beeindruckt gegenseitig auf die Schultern klopften, trat plötzlich Obelix vor. Er hatte die ganze Zeit über hungrig auf das Schiff gestarrt. „Hinterherlaufen macht hungrig“, brummte er. „Und wenn wir die Galeere schon nicht essen können, dann benutze ich sie eben dafür.“
Ohne Vorwarnung und ohne auch nur einen Tropfen Zaubertrank getrunken zu haben, griff Obelix mit beiden Händen unter das Schiff. Mit einem kräftigen Ruck hob er die gesamte Galeere aus dem Wasser, drehte sie in der Luft um und fing sie auf seinem Hinkelstein auf. Er marschierte geradewegs auf den Markusplatz zurück, wo er das Schiff kurzerhand über einer riesigen, offenen Garküche als improvisierten Riesengrill platzierte. Die Römer flüchteten in alle Himmelsrichtungen.
Asterix und Popeye sahen sich an und mussten gleichzeitig lachen.
„Ich schätze“, miaute Popeye, während er sich zufrieden die Pfote leckte, „gegen die Kraft eines echten Wildschwein-Liebhabers kommen weder mein Spinat noch dein Zaubertrank an.“
„Da hast du wohl recht, Kapitän“, schmunzelte Asterix.
Gemeinsam mit Idefix, der fröhlich bellend hinterherlief, machten sich die beiden auf den Weg zurück zum Markusplatz, um sich von einem sichtlich zufriedenen Obelix zu einem großen Festmahl einladen zu lassen – ganz ohne Gemüse, dafür aber mit einer neugewonnenen, intergalaktischen Freundschaft.





