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2xhab ich gern gelesen
geschrieben von Butterblume.
Veröffentlicht: 12.10.2026. Rubrik: Unsortiert


Mein Luftballon

Mein Luftballon

Bollerschüsse sind zu hören. Heute ist der Nationalfeiertag der Schweiz.
Einheimische, Fremde und Urlauber freuen sich auf ein friedliches Fest.

Sie nimmt mich an die Hand und sagt:

Habe ich dir schon mal erzählt, dass ich als Teenager so gern den Rummel in meiner Heimatstadt besucht habe? Vorzugsweise im Spätsommer, so wie heute.
Gefühlt war damals die ganze Stadt auf den Beinen.

Der Duft von Bratwurst und gebrannten Mandeln, das lebendige Treiben, die vielen Fahrgeschäfte machten jeden Gast auf seine Art und Weise zufrieden/glücklich.

Zu dieser Zeit hörte ich zum ersten Mal vom Münchner Oktoberfest, dem wohl größten Volksfest der Welt.

Dies hatte ich in einer Bravo gelesen, einer für uns verbotenen Teenagerzeitung. Nein, ich weiß es nicht mehr, woher ich diese Zeitung hatte.
So manchen Erwachsenen fragte ich damals:
„Wieso ist in München die ganze Welt zu Gast, ohne uns?“

Natürlich bekam ich keine zufriedenstellende Auskunft. Nur den Hinweis:

Die Zeitschrift „Das neue Leben“ sollte ich lesen. Diese Zeitung ist für die Jugend in diesem Land aktuell.

Ich hinterfragte es nicht weiter.

Von meinem selbsterwirtschafteten Geld, das ich beim Altstoffsammeln oder der Nachbarschaftshilfe bekam, gönnte ich mir diese magische
Walzerfahrt.

Ein Gefühl von Abheben und Frei sein stellte sich ein. Meine Haare wehten im Wind, ich genoss außerdem die mir noch fremde Musik.

Es waren Hits/Schlager der Neuen Deutschen Welle aus den 1980er Jahren.

Beeindruckend fand ich auch den Song von Barbara Streisand:
„Women in Love“.

Den Schlager von Roland Kaiser, „Santa Maria“, sangen die Menschen in der Walzerfahrt mit.

Irgendwie gab es so ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Und dennoch: Jeder hatte seine eigenen Träume.

Zum Glück konnte keiner in das Gehirn des Anderen schauen.

Ich träumte davon, die Welt zu umreisen. So wie es Jules Verne in seinem Buch „In 80 Tagen um die Welt“ beschrieb.

Im Bücherregal meiner Eltern stand dieses Exemplar ganz oben.

Wie sollte das gehen? Die Mauer war undurchlässig, unbezwingbar.

Mit dem Finger auf der Landkarte hatte ich meine Lieblingsorte bereits markiert. Die Schweizer Alpen, den Gardasee in Italien und München.

Einmal nur beim Oktoberfest dabei sein.

Es gab keinen Menschen, mit dem ich über diesen Traum hätte reden können.

Auf dem Rummel gab es diese mystische ältere Dame mit langen grauen wehenden Haaren, die oft belächelt wurde. Sie stand an einem kleinen Verkaufsstand. Riesige Luftballons an langen Fäden hält sie in ihrer linken Hand.

Als sie mich damals bemerkte, kam sie direkt auf mich zu und schenkte mir einen. An die Farbe des Ballons kann ich mich nicht mehr erinnern. Dafür mehr an ihrem magischen Satz.

Wie Balsam in den Ohren klangen ihre Worte. „Mädchen, schreib ihn auf deinen Wunsch.“

Dabei zwinkerte sie mir mit ihren grünen Augen zu.

Was wollte sie mir damit sagen? Konnte sie etwa meine Gedanken lesen?

In mir machte sich ein warmes Gefühl breit, eine Idee wuchs in Sekundenschnelle.

So ein Ballon kann über Grenzen fliegen, wie eine Friedenstaube.

Diese Tauben waren doch erlaubt.

Noch immer hielt ich den kleinen winzigen Bleistift, welcher in einer Serviette eingewickelt war, in meiner rechten Hand. Diesen hatte mir die ältere Dame mit grauem Engelshaar beim Überreichen des Luftballons in die Hand gedrückt.

Blitzschnell, ohne mich umzusehen, schrieb ich alle meine Träume auf diese rosafarbene Serviette.

Hoffentlich hatte mich niemand beobachtet. Mir war flau im Bauch. Hatte ich etwa etwas Verbotenes getan?

Unsicher war ich, deshalb vergaß ich, meinen Namen auf das Papier zu schreiben.

Die Angst lähmte mich, dennoch ließ ich bewußt los. Der Ballon flog hoch, immer höher, mit meinen Wünschen an der Schnur.

Wie gebannt schaute ich in den Himmel. Bald war er nicht mehr zu sehen, einfach verschwunden.

Viele Jahre lag ich nachts oft lange wach im Bett. Ich malte mir aus, wie es ist, im Gardasee zu schwimmen oder das Matterhorn in Natur zu sehen, das Münchner Oktoberfest zu besuchen.

Glaubte ich wirklich, die alte Dame von damals war ein Engel, eine Botschafterin.

Niemandem habe ich all die Jahre von meinem Ballon erzählt.


Nach einer Pause kratzt sie sich an ihrer Stirn und spricht langsam weiter.

Wie die Geschichte endete, weißt du ja.

Na klar weiß ich noch ganz genau, welcher Satz in die Geschichte eingegangen ist, die alles veränderte.

Ich kann mich daran erinnern, dass „während der Live-Pressekonferenz vom Politbüro der DDR vom 9. November 1989 dieser für uns alle befreiende Satz ausgesprochen wurde“.

„Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich …

Die Grenzen sind geöffnet.

Uns beiden laufen nach so vielen Jahren erneut die Tränen über unsere Wangen.


Schau, die vielen farbigen Luftballons am Himmel.
Sie fliegen in alle Richtungen.

Unser Luftballon ist auch dabei, mit Friedenswünschen an der Schnur.


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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Herbstsonne am 12.10.2026:

Liebe Butterblume, dein Text hat mich ganz gefangen genommen und zum Ende hin standen mir Tränen in den Augen. Ich selbst musste es nicht miterleben, bin im Westen aufgewachsen und war ein Kind als die Mauer noch stand. Und doch hat man ja Empathie und kann sich anhand solcher Texte wie der deinige zb ein Stück einfühlen in diese ganz spezielle Zeit. Danke dafür, herzliche Grüße, Herbstsonne.

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