Veröffentlicht: 18.10.2026. Rubrik: Unsortiert
Die laute Stille der Einsamkeit
Seit einigen Jahren lebe ich allein. Das klingt nicht besonders interessant. Ist es auch nicht. Millionen Menschen leben allein. Manche freiwillig, manche unfreiwillig, manche behaupten sogar, sie würden es genießen. Ich gehöre zur letzten Gruppe und genieße mein Alleinsein. Meistens.
Seitdem ich allein lebe, habe ich gelernt, mit mir auszukommen.
Meine Einsamkeit und ich sind schließlich schon eine Weile zusammen.
Sonntags gehen wir uns allerdings auf die Nerven.
Sonntage sind für Menschen da, die jemanden fragen können: „Was machen wir heute?“
Ich frage mich selbst: „Was machen wir heute?“
„Nichts.“
„Gut.“
Damit wäre alles geklärt.
Freie Sonntage sind für mich oft ein Betriebsausflug in die Einsamkeit.
Ich stehe auf und koche Kaffee. Dann schaue ich aus dem Fenster und sehe Menschen. Ich sehe Familien, die ruhig mit ihren Kindern spazieren. Liebespaare, die eng umschlungen den Bürgersteig entlangschlendern. Menschen, die in ihren Lastenrädern Kinder transportieren und zum Picknick fahren, oder auch Hunde, die ihre Herrchen von einem interessanten Baum zum nächsten führen. Die ganze Welt scheint sonntags unterwegs zu sein. Nur ich nicht. Ich bin zu Hause und führe wichtige Gespräche mit meinem Kühlschrank.
„Na, was haben wir denn noch?“, frage ich.
Keine Antwort. Ein schlechter Gesprächspartner, aber zuverlässig in seinem Brummen. Zuverlässig wie meine Standuhr, die mir zu jeder vollen Stunde zustimmt.
Einsamkeit ist heute keine persönliche Angelegenheit mehr, sondern ein gesellschaftliches Konzept. Früher war ein Mensch allein und musste sich selbst darum kümmern, zurechtzukommen.
Heute gibt es Organisationen, die dieses Alleinsein beenden möchten, und sie bieten Hilfe an.
Kürzlich lag ein Flyer in meinem Briefkasten. „Gemeinsam statt einsam!“
Darunter eine Telefonnummer. Ich rief an.
Eine jugendliche Frauenstimme fragte:
„Was können wir für sie tun?“
„Ich bin einsam.“
Nach einer kurzen Pause antwortete sie:
„Dann sind sie bei uns richtig.“
Die jugendliche Frauenstimme bot mir einen Gesprächskreis an.
Der nächste würde in drei Wochen in einem Ort stattfinden, der 14 Kilometer entfernt ist.
„Ich habe kein Auto“, entgegnete ich, „und die Busverbindung ist miserabel.“
„Das ist natürlich schade“, entgegnete sie. „Ich werde sie auf die Warteliste setzen. Sobald wir einen neuen Gesprächskreis gegründet haben, informiere ich sie.“
Für jedes Problem gibt es Angebote. Es wird erfasst, weitergeleitet und mit einer Vorgangsnummer versehen. Nur das Problem bleibt meistens bestehen.
Es gibt Begegnungscafés, Nachbarschaftstreffs, Seniorenfrühstücke und Gesprächsrunden.
Man trifft sich, um darüber zu reden, dass man sich viel zu selten trifft.
Neulich war ich bei einem Seniorentreff. Auf dem Tisch standen Kaffee, Kuchen und Namensschilder.
„Schreiben Sie bitte Ihren Vornamen auf dieses Schild“, sagte die Leiterin.
„Und vielleicht auch etwas Persönliches.“
Ich schrieb: „Ich fühle mich einsam.“
Erschrocken sah mich die Leiterin an und meinte: „Das ist aber sehr ehrlich.“
Wir waren alle einsam. Organisatorisch also ein Erfolg. Nur redeten wir kaum miteinander.
Der Mann neben mir starrte auf sein Handy.
„Warten Sie auf jemanden?“, fragte ich.
„Nein.“
„Warum schauen Sie dann ständig auf Ihr Handy?“.
„Damit es nicht so aussieht, als würde ich auf jemanden warten.“
Ich mochte ihn sofort.
Früher erkannte man Einsamkeit daran, dass niemand zu Hause war. Heute daran, dass alle beschäftigt wirken.
Ich kenne das selbst. Wenn ich allein sitze, egal wo, nehme ich mein Handy heraus, obwohl ich nicht nachsehen möchte. Man muss schließlich beschäftigt wirken.
Also scrolle ich mich durch die Informationswelt und sammle unwichtige Nachrichten. Man kann nie wissen, wofür sie einmal gut sein könnten.
Abends, wenn ich in meiner Wohnung sitze, höre ich in der Wohnung über mir gelegentlich Schritte, das Rücken eines Stuhles, ein herzliches Lachen, das Rülpsen der Klospülung.
Echtes Leben findet statt. Nur eine Etage höher.
Ich könnte klingeln, möchte aber nicht aufdringlich sein.
Ich wünschte mir, dass jemand kommt. Und gleichzeitig habe ich Angst, jemanden zu stören.
Am nächsten Morgen bekomme ich auf mein Handy eine Nachricht: „Sie waren gestern länger allein. Möchten Sie passende soziale Kontakte entdecken?“
Ich antworte: „Nein, danke.“
Wenig später: „Schade. Wir haben Ihnen bereits drei passende soziale Kontakte vorgeschlagen.“
„Nummer eins wohnt 40 Kilometer entfernt und sucht jemanden zum Halma spielen. Nummer zwei sucht einen Partner für Nordic Walking. Und Nummer drei ist ein Chatbot.“
Ich entscheide mich für den Chatbot.
Er antwortet nicht und fragt nicht, warum ich so lange nicht zurückgeschrieben habe.
Vielleicht ist das die Zukunft der Einsamkeit: Jeder hat jemanden zum Reden, nur weiß keiner, ob an der anderen Seite noch ein Mensch sitzt. Hauptsache, die Internetverbindung ist stabil und die Datenschutzbestimmungen wurden akzeptiert.
Dabei ist meine Wohnung gar nicht still.
Die Heizung rauscht, der Kühlschrank brummt, die Standuhr meldet sich zuverlässig zur vollen Stunde, der Fernseher läuft.
Es ist nicht die Abwesenheit von Geräuschen, die einsam macht.
Es ist die Abwesenheit eines Menschen, dem man sagen kann: „Hast du das gerade gehört?“
Manchmal benötigt man kein großes Gespräch und keine perfekte Freundschaft.
Nur jemanden, der ebenfalls im selben Raum sitzt und ebenfalls nichts sagt.
Jemanden, mit dem Schweigen nicht peinlich wird. Das ist die laute Stille der Einsamkeit.
Man hat viel zu sagen, aber niemand fragt.
Einsamkeit muss man nicht mit großen Programmen bekämpfen.
Manchmal reichen ein Klingeln, eine Tasse Kaffee oder auch ein Satz wie: „Ich wollte nur einmal sehen, wie es dir geht.“
Dafür benötigt man keine App und kein Passwort.
Nur jemanden, der kommt.
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