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geschrieben 2026 von Stevie Tagwerker (Stevie Tagwerker).
Veröffentlicht: 18.10.2026. Rubrik: Lustiges


Public Viewing in Hanoi

Public Viewing in Hanoi

SatirepatzerSatirepatzerHanoi hat im Vergleich zu Ho Chi Minh City nur anscheinend keine solch große Auswahl an Ärzten und medizinischer Infrastruktur. Die Dichte an Ärzten ist in Hanoi lediglich geringfügig dünner als in der ehemaligen Hauptstadt, doch wirken die Kliniken, Krankenhäuser und Arztpraxen im Süden mehr wie riesige Hotels und Kosmetikstudios, die dienstleistungsorientierter auftreten. Unbestritten verrichten dort wie hier gut ausgebildete Mediziner und Pflegepersonal tagtäglich ihren Dienst.

Hatte ich in Ho Chi Minh City aber die Qual der Wahl beim Selektieren, ist die Auswahl an HNO-Spezialisten in Hanoi eher spärlich. Ich kontaktiere eine Arztpraxis via E-Mail und vereinbare einen Termin. Tags darauf organisiere ich mir ein Grab-Bike und lasse mich durch den Verkehrswahnsinn, wieder mal Stoßgebete an den Himmel schickend, in eine kleine Gasse bringen.

Ich starre auf ein Schild vor mir, auf dem ein anatomisch sehr fragwürdiges Ohr abgebildet ist und frage mich, ob es wohl eine gute Idee sei, da jetzt reinzugehen. Ach, wird schon passen, denke ich mir und trete ein.
Und ich stelle wieder mal fest: Datenschutz und ärztliche Schweigepflicht sind rein westliche Luxuskonzepte. Die Praxis besteht aus einem einzigen, etwa 30 Quadratmeter großen Raum. Wartezimmer und Behandlungszimmer sind hier eine harmonische, unzertrennliche Einheit, ein gelebter südostasiatischer Pragmatismus.

Ich nehme auf einem der blauen Plastikklappstühle Platz, die man sonst nur von thailändischen Straßenküchen kennt, und werde augenblicklich Teil der intimen Krankengeschichte eines mir völlig fremden Einheimischen. An jeder Wand hängt ein riesiger LED-Monitor. Der Arzt, der hochkonzentriert und lautstark auf Vietnamesisch doziert, führt gerade eine Sonde in den Mund des Mannes vor mir ein. Dank einer integrierten Kamera wird das pulsierende, hochauflösende Innenleben seines Rachens im Breitbildformat und in HD an die Bildschirme übertragen. Es ist wie Public Viewing bei der Fußball-WM, nur mit Mandeln und Speichelfluss. Ich starre gebannt auf die Monitore und versuche krampfhaft, nicht darüber nachzudenken, dass ich in wenigen Minuten die Hauptrolle in diesem Live-Stream übernehmen soll. Das gelingt mir erstaunlich gut, fasziniert beobachte ich, wie ein winziges, metallisches Werkzeug auf dem Bildschirm auftaucht und mit chirurgischer Präzision im Rachen des Mannes herumstochert. Das Ganze hat die Ästhetik einer Tiefseedokumentation, nur ohne Fische. Keiner der anderen Wartenden würdigt die Bildschirme auch nur eines Blickes. Für sie ist das hier der ganz normale Mittwochvormittag. Sie starren stattdessen ungerührt auf ihre Smartphones.

Nach ein paar Minuten verlässt der Herr vor mir den Stuhl, murmelt ein kurzes „Cam-On“ mit einer leichten Verbeugung und verschwindet raus in die Gasse.
„Mister Dong-We-Ke?“, richtet der Arzt seine Stimme an mich und deutet mir, auf dem Stuhl Platz zu nehmen. „Ha ce a help you?“, fragt er, während er die Sonde reinigt. Ich verlasse mich jetzt einfach mal darauf, dass er es mit Desinfektionsmittel tut und nicht mit Leitungswasser. Der Geruch verrät mir, dass es zumindest kein Wasser ist.
„Can you please check my left ear?“, frage ich und deute auf mein linkes Ohr. „I had an inflammation a few weeks ago and just want to check if everything is alright now.“
Der Arzt führt die Sonde tief in mein Ohr, gepaart mit einem anderen Werkzeug, das ich nicht zu definieren vermag. Gebannt blicke ich auf den Monitor an der Wand vor mir. So sieht mein Ohr also von innen aus, denke ich mir.

Nach einigen Momenten entfernt der Arzt die Utensilien aus meinem Ohr und meint: „Oooohhh, looks gooood, my friend, everything oright!“
„Oooohhh, very good, thank you, Doc“, freue ich mich.
„Anting erse?“, fragt er.
„Well, yes, Sir. Could you please check my palate? In the back right? I noticed a minimal swelling there a few weeks ago. I just want to make sure it’s nothing serious.“
„Ah, no problem. Where you come from, Sir?“, fragt er, während er die Sonde ein weiteres Mal desinfiziert.
„Austria“, antworte ich, wohlwissend, was als Nächstes kommt.
„Ah, Australia“, meint der Mittfünfziger.
„Oh, no no, not Australia. Austria.“
„Ah, Austria, very buttifuul there. Cou there, ya?“
„Yes, Sir, it can be cold in Winter there.“
„Open mouth, my friend!“
Ich öffne den Mund, er fährt mit der Kamerasonde hinein und diese überträgt sogleich das Bild in HD. Er wirft abwechselnd einen Blick auf einen der Bildschirme, dann wieder in meinen Mund.
„Hmmm“, „Mhm“, „Okay“ und die Kombination des Ganzen, „Hmmm, mhm, okay“ murmelt er in sich hinein.
„So, do you know what it is, Doc?“, frage ich.
„Ah, is okee, is okee, don’t worry“, meint er beruhigend.
„And what is it?“, hake ich nach.
„Oooh, it’s nathiiing, it’s nathiiing, ma Australian friend. No need to worry, it’s okee!“
Ich weiß gerade nicht, ob mich das beruhigen soll oder nicht. „But what is it? Can you tell?“, lasse ich nicht locker.
„Ah, it’s a tee, ma friend. Just a tee.“
„Pardon?“, gebe ich ihm zu verstehen, dass ich nicht verstanden habe.
„A tee“, wiederholt er und zeigt mit seinem Finger auf einen seiner Zähne.
„Oh, a teeth?“, glaube ich ihn jetzt verstanden zu haben.
„Yes, a tee“, nickt er. „Everything oright.“
„Aha“, nicke ich. Ich wusste bis zu diesem Tag nicht, dass das möglich ist. Andererseits fällt mir die Sila ein, eine Schülerin aus der Mittelschule in Innsbruck, in der ich drei Jahre lang unterrichtet hatte. Die hatte mir mal erklärt, dass sie vor einer OP stünde, weil man ihr sechs Zähne rausschneiden müsste. Das hatte ich nicht so recht glauben wollen, woraufhin sie mir unaufgefordert ihren Gaumen zeigte. Dort waren rechts wie links jeweils drei Zähne aus ihrem Gaumen gewachsen. Dinge gibt’s nämlich, die gibt’s gar nicht.

Ich bezahle siebzig US-Dollar für die Konsultation. Stattliche Summe, wenn ich bedenke, dass in der südlichen Großstadt nur dreißig fällig waren – inklusive Medikamenten.

Draußen in der Gasse bestelle ich mir wieder ein Grab-Bike und lasse mich von einem Typen, der aussieht, als wäre er dreizehn Jahre alt, durch den Wahnsinn manövrieren.

(von Stevie Tagwerker)

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