Veröffentlicht: 25.10.2026. Rubrik: Satirisches
Die Verpackung stimmt- der Inhalt fehlt
Eine Satire über den schönen Schein

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Verpackung wichtiger ist als der Inhalt. Und
dann wundern wir uns über den vielen Müll.
Schon bei der Geburt wird der Grundstein für ein erfolgreiches Leben gelegt. Das Baby
wird gemessen, gewogen und fachgerecht verpackt. Eine niedliche Mütze auf dem
Kopf, ein bunter Body am Leib, dazu Bilder mit lustigen Tieren, Comicfiguren und
Spiderman. Der kleine Erdenbürger kann noch nicht einmal den eigenen Kopf halten,
aber modisch ist er bereits auf der Höhe der Zeit.
Schließlich soll er nicht gleich am ersten Lebenstag den Eindruck erwecken, aus einer
sozial schwachen Verpackungsabteilung zu stammen.
In der Schule wird das Konzept konsequent fortgesetzt. Der Schulranzen muss eine
bekannte Marke tragen, die Schuhe müssen von Adidas oder Nike sein, und die
Kleidung sollte möglichst teuer aussehen. Was im Kopf steckt, ist zunächst
zweitrangig. Hauptsache, die äußere Ausstattung stimmt.
Dazu kommen PlayStation, Handy und Laptop. Denn wie soll ein Kind vernünftig
aufwachsen, wenn es nicht schon früh lernt, dass man Langeweile nicht aushalten
muss, sondern einfach ein neues Gerät kaufen kann?
Mit 18 Jahren folgt die nächste Ausbaustufe. Führerschein und Auto müssen her. Im
Idealfall ein Porsche. Schließlich soll der wertvolle Inhalt auf dem Weg zur Universität
oder zur Arbeit keinen unnötigen Erschütterungen ausgesetzt werden. Das erklären
jedenfalls die Eltern oder Großeltern, die ihrem Nachwuchs jede Schwierigkeit aus dem
Weg räumen möchten.
Manche Kinder bekommen so viel Unterstützung, dass sie später tatsächlich alles
haben – außer einer Vorstellung davon, wie man etwas selbst erreicht.
Aber auch das lässt sich gut verpacken. Mit Geld.
Dann kommt das Erwachsenenleben. Und mit ihm die Hochzeit.
Jetzt wird es richtig teuer. Die Location muss traumhaft sein, das Kleid märchenhaft,
der Anzug elegant, das Essen exquisit und die Dekoration perfekt. Ein Fotograf hält
jeden Augenblick fest. Schließlich muss die Nachwelt erfahren, wie glücklich das Paar
an diesem Tag war.
Ob es auch am nächsten Morgen noch glücklich ist, steht nicht im Hochzeitsprogramm.
Die Liebe ist natürlich wichtig. Aber sie sollte den finanziellen Rahmen nicht sprengen
und möglichst gut zu den Tischkarten passen.
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Und sollte die Ehe irgendwann scheitern, ist das zwar bedauerlich, aber kein Grund zur
Verzweiflung. Die Liebe ist weg, der Partner vielleicht auch – doch die Hochzeitsfotos
sind noch da. In einem schönen Album, mit goldener Schrift und einem Lächeln, das
damals offenbar noch nicht wusste, was auf es zukommen würde.
Wenigstens die Erinnerungen sind hochwertig verarbeitet.
Und dann kommt irgendwann der letzte große Auftritt: die Beerdigung.
Auch hier darf die Verpackung nicht enttäuschen. Der Sarg muss würdevoll sein, die
Blumen müssen stimmen, die Trauerrede soll zu Herzen gehen und die Musik muss die
richtige Atmosphäre erzeugen. Alles soll zeigen, wie sehr man den Verstorbenen
geschätzt hat.
Zu Lebzeiten hatte man leider oft keine Zeit für ihn. Da waren die Arbeit, die Termine,
der Urlaub, die neuen Anschaffungen und die vielen anderen wichtigen Dinge des
Lebens.
Aber jetzt nimmt man sich Zeit. Schließlich kommt man nicht jeden Tag auf eine
Beerdigung.
Man bestellt Blumen, organisiert Kränze und lässt sich vom Bestatter beraten. Der
Tote selbst kann sich zwar nicht beschweren, aber immerhin bekommt er eine würdige
Verpackung.
Und so schließt sich der Kreis: Das Baby wird hübsch eingekleidet, das Kind mit
Markenartikeln ausgestattet, der Erwachsene mit Statussymbolen aufgewertet, die
Hochzeit auf Hochglanz gebracht und der Tote in einen teuren Sarg gelegt.
Ein ganzes Leben im Dienste des schönen Scheins.
Wir polieren die Oberfläche, bis sie glänzt, und übersehen dabei, dass darunter
manchmal erschreckend wenig zu finden ist. Wir verwechseln Besitz mit
Persönlichkeit, Preis mit Wert und öffentliche Anerkennung mit persönlichem Glück.
Vielleicht sollten wir uns deshalb gelegentlich fragen, ob wir eigentlich noch leben –
oder nur noch daran arbeiten, auf andere möglichst erfolgreich zu wirken.
Denn am Ende kann man sich vieles leisten: ein teures Auto, eine luxuriöse Hochzeit,
eine prachtvolle Beerdigung.
Nur einen guten Charakter kann man nicht beim Händler bestellen. Liebe lässt sich
nicht mit einer Kreditkarte bezahlen, und Menschlichkeit gibt es nicht als
Sonderausstattung.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Verpackung wichtiger ist als
der Inhalt. Und manchmal scheint sogar die Beerdigung wichtiger zu sein
als der Tote.
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Geschichte Nummer 11171


