Veröffentlicht: 26.10.2026. Rubrik: Satirisches
Willensstark aus Faulheit
Große Entscheidungen zu treffen, habe ich bisher tunlichst unterlassen. Das macht Arbeit. Schließlich muss man nachdenken, abwägen und am Ende noch Verantwortung übernehmen. Das war nie meine bevorzugte Disziplin.
Bis auf jenen denkwürdigen Spätnachmittag am Samstag.
Ich legte die Zeitung beiseite, griff in die Hosentasche und stellte fest: Mein Feuerzeug war verschwunden. Ich klopfte meine Hosenbeine ab, durchsuchte die Jackentaschen, alle Schubladen und auch den Küchenschrank, in dem ich sonst nur den Korkenzieher suchte.
Nichts.
Nun hätte ich ein neues Feuerzeug kaufen können. Der Kiosk war schließlich nicht am Ende der Welt. Doch allein der Gedanke, mich anzuziehen, die Schuhe zu suchen und das Haus zu verlassen, erschien mir unverhältnismäßig anstrengend. Der Kiosk hätte auch geschlossen sein können.
Also sagte ich mir: „Dann eben nicht!“
Zunächst war das eine rein vorübergehende Entscheidung. Ich würde morgen ein Feuerzeug kaufen. Oder übermorgen. Schließlich hatte ich schon schwierigere Probleme gelöst, als ein Feuerzeug zu beschaffen.
Am nächsten Tag fehlte mir nicht nur das Feuerzeug, sondern auch die Lust, Zigaretten zu kaufen. Der Weg zum Kiosk war mir plötzlich zu weit, obwohl ich früher für eine Schachtel Zigaretten bei Wind und Wetter das Haus verlassen hatte. Selbst bei Regen hatte ich mich tapfer durch die Natur gekämpft, um meine Sucht zu versorgen.
In den folgenden Tagen stellte ich erstaunliche Veränderungen fest.
Ich hustete weniger, meine Kleidung roch nicht mehr wie ein Aschenbecher, und meine Geldbörse fühlte sich allmählich wieder ernst genommen.
Meine Frau beobachtete mich misstrauisch.
„Du rauchst gar nicht mehr!“
„Stimmt“, antwortete ich stolz.
„Hast du endlich eingesehen, wie ungesund das ist?“
Ich überlegte kurz.
„Einmal muss man vernünftig werden“, antwortete ich.
Von da an galt ich in der Familie als willensstarker Mensch. Mein Schwager fragte neugierig, wie ich die ersten Tage ohne Zigaretten überstanden hätte. Ich erklärte ihm, dass man vor allem einen festen Entschluss benötigt. Man muss sich selbst überwinden, alte Gewohnheiten ablegen und konsequent bleiben.
Das klang überzeugend. Ich glaubte mir beinahe selbst.
Einige Wochen später fand ich beim Aufräumen mein altes Feuerzeug wieder. Es lag in der Sesselritze meines Fernsehsessels. Daneben drei Bonbons und ein Kugelschreiber.
Ich nahm das Feuerzeug in die Hand und betrachtete es nachdenklich. Es funktionierte sogar noch.
Meine Frau sah mich an. „Na, was machst du jetzt?"
Ich legte das Feuerzeug zurück in die Schublade.
„Nichts“, sagte ich. „Ich habe mich schließlich entschieden.“
Und damit war die Sache erledigt.
Seit jenem Tag weiß ich, dass es für große Veränderungen nicht immer einen starken Willen benötigt. Manchmal reicht ein kleines bisschen Faulheit.
Fragt mich heute jemand, wie ich es geschafft habe, mit dem Rauchen aufzuhören, antworte ich gelassen mit der Überlegenheit eines erfahrenen Lebensphilosophen: „Das ist ganz einfach. Man muss nur zu faul sein, sich eine Zigarette anzuzünden.“
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Geschichte Nummer 11174



