geschrieben 2026 von Noah (G'schichtler).
Veröffentlicht: 26.10.2026. Rubrik: Menschliches
Brach um die Kornblume
Es ist 2011, irgendwo in Deutschland.
Durch die Stadt, da laufe ich – mit einem Soziologiestudenten an meiner Seite. „Menschen verdrängen einfach zu viel; würden sie mehr bewusst wahrnehmen, das täte ihnen gut. Nur so kann man innere Konflikte auflösen.“ sagte er zu mir. Ich bin unerfahren und weniger gebildet als er, daher nicke ich das ab. Es ist leicht windig, herbstlich. Ich blicke nach unten auf den Boden und sehe, wie die Blätter über den Boden rutschen und sich drehen. Zum Glück bemerke ich die rote Ampel noch rechtzeitig.
„Es ist wichtig, Dinge zu hinterfragen und über das Selbstverständliche in unserer Gesellschaft nachzudenken, bevor man es tut. Einfach mal zu fragen: Bin ich damit überhaupt einverstanden?“ erzählt er weiter.
Ich dachte in dem Moment darüber nach, was ich bisher alles stillschweigend akzeptiert habe ohne einen bewussten Gedanken daran zu verschwenden. Was gibt es da. Wir vergraben Menschen im Boden, nachdem die gestorben sind, statt sie als Dünger oder Nahrung zu verwenden. Warum tun wir das nicht? Weil wir moralische Wesen sind; aber woher kommt unser Effizienzstreben? Wir sind ja schon so wohlhabend. Man kann die eigene Energie auch in andere Dinge stecken als Ökonomie, wie Kunst zum Beispiel.
Ja, okay… Es gibt noch viel banalere Sachen, die wir nicht wahrnehmen, wenn wir durch die Welt wandeln. Wenn ich viele Menschen oder eine große Menschengruppe an mir vorbeigehen sehe, dann sehe ich Menschen, aber nicht den Menschen. Sehe ich innerhalb einer Menschengruppe eine hübsche Frau, so kann sie meine Aufmerksamkeit für einen Moment verschlingen; das meiste Andere blendet sich kurz aus.
„Die Sklaverei hat erst geendet, als sich die Menschen dessen bewusst worden, was sie da tun.“ sprach er weiter. „Ist das so?“ frage ich. „Ähm, klar, bestimmt.“ „Jeffrey Dahmer wusste ziemlich genau, was er da tut.“ sagte ich. „Ja, das stimmt, sagte er.“ Wir gingen einige Meter weiter in einen kleinen Stadtpark hinein. „Das meinte Adorno ja mit der instrumentellen Vernunft – also Vernunft ohne Selbstreflexion.“ „Tut Vernunft sich selbst reflektieren, oder tun… naja… wir das?“ frage ich. „Ich weiß nicht, wir sind ja vernunftwesen. Mit der Welt interagieren wir, indem wir bewusst darüber nachdenken.“ Mir fällt dazu keine Antwort ein. Ich gehe weiter. Wir interagieren also mit der Welt, indem wir bewusst über sie nachdenken. Ich fühle mich plötzlich in meinen Körper hinein; meine Beine fühlen sich komisch an. Mein Soziologiekollege sagte zu mir: „Also, ich…“ aber da stolperte ich über die nächste Bordsteinkante. „Alles gut!“ sage ich.
Es geht weiter. Vielleicht hatte er recht, mit dem, was er sagte. Hätte ich besser aufgepasst – bewusst – dann wäre das nicht passiert. Ich gehe weiter und plötzlich fühlt sich mein Körper noch komischer an. Ich spüre deutlicher, wie sich mir beim Laufen der Boden in die Füße drückt.
Wir laufen an einer Brachfläche vorbei, der Boden ist leicht steinig, um die Brachfläche herum stehen etwas verfallene, alte Häuser. Aber auf der kleinen Wiese auf der Brachfläche, da wächst eine schöne, große Blume in marineblau, die ich soeben nebenbei pflücke. Dunkelblau ist die Lieblingsfarbe von Lina, einer Kommilitonin von mir. Ich studiere mit ihr zusammen Kognitionswissenschaften; ich kenne sie nicht gut, würde sie aber gerne kennen lernen. Wir laufen um eine Kurve, die Häuser werden wieder ordentlicher. Die Uni ist um die Ecke. „Ach ja, wir hatten ja die Frauenbewegungen. Das war echte Selbstreflexion im kulturellen Sinne, keine instrumentelle Vernunft. Und die Selbstreflexion hört eben nie auf. Wir sind freie Menschen und keine Rollen oder Funktionen, wie uns Geschlechterrollen das einreden wollen.“
Mein Herz beginnt, sich komisch anzufühlen. Oder ist das mein Hirn?
„Ja, das stimmt schon…“ sage ich nebenbei. Mein Satz ist paraverbal formuliert, als hätte er eine Pointe, aber es kommt keine Pointe.
Aus einer Seitenstraße sehe ich plötzlich ein bekanntes Gesicht. Es ist Lina, die ich sehe und direkt danach mir mich sehend zuwinkt. Mein linkes Auge zuckt. „Hi!“ sage ich mit fröhlicher, leicht beklemmter Stimme. „Na, wie geht’s euch?“ fragt sie. „Gut…“ sage ich; „Gut.“ sagt er. Sie blickt auf meinen rechten Arm und darin in die rechte Hand und sieht die Blume und sieht, dass diese, dass der Arm nach unten hängt. „Oh, das ist doch eine Kornblume, und was für eine!“ sagt sie erfreut. „Ja“ sage ich: „Die habe ich eben an so einer Brachfläche gefunden.“ Ich will ihr die Blume geben, aber irgendwas ist komisch. Wir laufen weiter und sie guckt mich ambivalent bis leicht verdutzt an, denn ich wirke irgendwie verspannt. *Zack* „Oh, hoppla!“ sage ich. Ich war erneut über eine, ähm… wie nennt man das nochmal… Bordsteinkante gestolpert. Die Blume ließ ich fallen. Ich überlegte beim weitergehen sie aufzuheben, aber irgendetwas hinterte mich. Wabernd wandelte ich weiter mit den beiden. Alles drehte sich ein bisschen, also psychologisch. Lina bemerkte nach ein paar Sekunden, dass ich die Blume fallengelassen hatte und drehte sich um. Sie ging zurück und hob sie Blume auf. Die Blüte war teilweise leicht verknittert. Wir blieben wie angewurzelt stehen. Sie lief zurück zu uns. Sie deutete an, mir die Blume zurückgeben zu wollen, obwohl ich nicht meinen Arm ausstreckte. Ich sagte „Nein, nein; du kannst sie behalten“. Meine Stimme eierte ein bisschen, beinahe verschämt oder peinlich beführt klingend. Sie wusste nicht, ob sie lächeln oder komisch gucken sollte. Ihr letztlicher Gesichtsausdruck war eine unangenehme Mischung aus beidem.
Schweigend wandelten wir fort, meine Beine waren schwer.
_Jetzt nach dem Schreiben des letzten Satzes, da fällt mir versehentlich der… Kug… Kuli aus der Hand. Meine Hand zuckt ein wenig._


Geschichte Nummer 11176



