Veröffentlicht: 27.10.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Menschlichkeit in der Zeit der Unmenschlichkeit
Eine Satire aus dem Jahr 2050
Im Jahr 2050 wurde die Menschlichkeit endgültig modernisiert.
Niemand musste mehr selbst mitfühlen. Dafür gab es Apps.
Die beliebteste Anwendung hieß FeelMe™. Sobald jemand litt, erschien auf dem
Bildschirm die Meldung:
„Möchten Sie betroffen wirken?“
Ein Klick genügte. Für Premium-Nutzer wurde sogar automatisch eine Träne in
das Profilbild eingefügt.
Die Menschen liebten diese Funktion. Sie war deutlich günstiger als echtes
Mitgefühl.
Auf den Straßen der Städte standen immer weniger Menschen und immer mehr
Kameras. Das machte aber keinen Unterschied mehr. Kameras besaßen
inzwischen mehr Aufmerksamkeit als ihre Besitzer.
Brach jemand zusammen, rückten sofort Drohnen an. Sie filmten aus allen
Perspektiven. Der Rettungsdienst erschien später. Schließlich mussten Prioritäten
gesetzt werden.
Die Politik zeigte sich besorgt. Deshalb verabschiedete sie den
Menschlichkeitspakt 2050. Darin wurde festgelegt, dass jeder Bürger mindestens
einmal pro Monat eine digitale Anteilnahme versenden musste.
Wer dies versäumte, verlor Sozialpunkte. Wer dagegen einen Trauerfall
kommentierte, ohne den Text gelesen zu haben, erhielt einen Bonus.
Die Wirtschaft reagierte begeistert. Große Konzerne vermarkteten „authentische
Menschlichkeit“ als Luxusprodukt. Für 299 Euro monatlich konnte man mit echten
Menschen sprechen. Das Angebot blieb exklusiv. Die meisten Bürger konnten sich
menschlichen Kontakt nicht mehr leisten.
Alte Menschen starben nicht mehr allein. Das Problem hatte man statistisch gelöst.
Neben jedem Sterbebett saß ein Hologramm, das alle drei Minuten sagte: „Ihre
Existenz wird wertgeschätzt.“
Die Kinder erhielten die Benachrichtigung in Echtzeit und konnten ein Herzsymbol
senden. Damit galt der Familienkontakt als erfüllt.
Die Gesellschaft funktionierte hervorragend. Selbstmorde wurden von Algorithmen
erkannt. Einsamkeit wurde vermessen. Depressionen wurden ausgewertet. Nur
beseitigt wurden sie nicht. Das war wirtschaftlich nicht vorgesehen.
Dann geschah etwas Unfassbares. Ein Systemfehler.
Auf einer Parkbank fiel das Mobilnetz für sieben Minuten aus. Zwei Menschen
konnten weder streamen noch posten noch bewerten. Aus Langeweile begannen
sie zu reden.
Zeugen berichteten später von erschütternden Szenen. Die beiden hätten sich
gegenseitig angesehen. Sie hätten zugehört. Einer soll sogar Verständnis gezeigt
haben. Ohne Gegenleistung. Ohne Datenerfassung. Ohne Vertrag.
Die Nachricht verbreitete sich panikartig. Der Aktienkurs mehrerer
Empathie-Plattformen brach ein. Regierungen warnten vor illegalen
Menschlichkeitszirkeln. In den Medien sprach man von einer Gefahr für die
öffentliche Ordnung.
Denn plötzlich halfen Menschen einander wieder. Ohne Zertifikat. Ohne
Punktesystem. Ohne Publikum.
Im Abschlussbericht der Krisenkommission stand:
„Die Bürger entwickeln erneut unmittelbare zwischenmenschliche Beziehungen.
Der weitere Verlauf ist derzeit nicht kontrollierbar.“
Es war die schwerste Krise des Jahrhunderts. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten
behandelten Menschen einander nicht mehr als Kunden, Datensätze oder
Zielgruppen. Sondern als Menschen.
Und genau daran erkannte man im Jahr 2050, wie unmenschlich die Zeit davor
gewesen war
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Geschichte Nummer 11193



