Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Sun-Go (Sun-Go).
Veröffentlicht: 28.10.2026. Rubrik: Persönliches


Ich musste es nur noch einmal sehen

Weißt du, ich glaube, das Seltsame an der Liebe ist nicht, dass sie irgendwann endet. Sondern dass sie das manchmal überhaupt nicht tut.
Menschen verschwinden aus deinem Leben. Sie werden älter, verändern sich, verlieben sich neu, machen Fehler und lernen vielleicht sogar etwas daraus. Und du machst dasselbe. Du lebst weiter, wirst hoffentlich ein bisschen klüger und irgendwann merkst du, dass du einen Menschen seit sieben Jahren nicht mehr gesehen hast, aber trotzdem noch einen Platz für ihn in deinem Leben freihältst.

Nicht, weil du glaubst, dass alles wieder so werden könnte wie früher. Ich meine, sieben Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Ich bin nicht mehr derselbe Mensch, und sie ist es vermutlich auch nicht. Und das ist gut so.
Ich wollte nie die Zeit zurückdrehen. Ich wollte eine neue anfangen. Mit ihr. Auf dem Fundament von etwas, das einmal wunderschön gewesen war.
Und dieser Gedanke hat mich lange begleitet. Manchmal war er schmerzhaft, manchmal tröstlich und manchmal sogar ein Antrieb, ein besserer Mensch zu werden. Was natürlich ziemlich bescheuert ist, wenn man darüber nachdenkt. Sich sieben Jahre lang zu verbessern, nur damit irgendwann jemand sagen kann: „Wow, du bist ja tatsächlich kein kompletter Idiot mehr.“

Und dann habe ich sie wiedergesehen.
In einem Traum, natürlich. Mein Gehirn hatte offenbar beschlossen, eine alte Akte auszugraben, die ich längst für archiviert hielt.
Da stand sie. Vertraut und fremd zugleich. Erwachsener. Anders. Und plötzlich war diese Hoffnung wieder da.

Jemand erzählte uns Geschichten über die Liebe. Über Entfernungen, die man überwinden kann, über zweite Chancen und darüber, dass es sich manchmal lohnt, für einen Menschen zu kämpfen.
Und ich hörte zu. Sah sie an. Stellte mir vor, wie es wäre, wieder gemeinsam durchs Leben zu gehen. Nicht die großen romantischen Gesten. Sondern morgens nebeneinander aufzuwachen, zusammen einzukaufen, über belanglosen Mist zu streiten und am Ende gemeinsam darüber zu lachen.
Gott, es war schön.
Dann wollte sie gehen.
Und man fragte mich, ob ich nicht noch etwas sagen wolle.
Sieben Jahre hatte ich Zeit gehabt, mir die richtigen Worte zurechtzulegen. Sieben Jahre voller Entschuldigungen, Erklärungen und unausgesprochener Hoffnungen.
Und plötzlich wollte ich keines davon mehr sagen.
Nicht, weil sie mir nichts mehr bedeutete. Sondern weil ich begriff, dass ich nichts mehr beweisen musste. Nicht ihr. Nicht mir.
Ich lächelte und schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich glaube, es wurde schon alles so oft gesagt. Ich musste es nur auch mal sehen.“
Dann umarmte ich sie und ließ sie gehen.
Als ich aufwachte, war ich zufrieden. Ein bisschen traurig vielleicht. Aber auf eine schöne Art.
Denn ich hatte nicht sie verloren. Das war schon vor sieben Jahren passiert.
Ich hatte die Hoffnung verloren, die mich seitdem begleitet hatte. Und irgendwie ist es merkwürdig, etwas zu vermissen, von dem man sich so lange gewünscht hat, endlich unabhängig zu sein.
Vielleicht ist das Erwachsenwerden. Nicht die Steuererklärung, die Rückenschmerzen oder die erschreckende Freude über einen neuen Staubsauger.
Sondern zu verstehen, dass nicht jede schöne Geschichte eine Fortsetzung braucht.
Dass Liebe nicht verschwinden muss, nur weil die Sehnsucht aufhört.
Und dass man jemanden für immer lieben kann, ohne für immer auf ihn warten zu müssen.
Vielleicht werde ich sie eines Tages tatsächlich wiedersehen. Vielleicht wird es wehtun. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß, dass ich früher alles dafür gegeben hätte, damit sie bleibt.
Diesmal war ich einfach glücklich, sie gesehen zu haben.
Und als sie ging, war ich immer noch glücklich.
Ich glaube, das reicht mir.
Zum ersten Mal reicht mir das wirklich.

counter2xhab ich gern gelesen
Geschichte Nummer 11196

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Mehr von Sun-Go (Sun-Go):

Ein zweiter Abschied
Ein dumpfer Laut (TRIGGERWARNUNG SUIZID)
"Mir geht's prima." - Monolog
Die Welt die still steht. Part II
Die Welt die still steht. Part I