Veröffentlicht: 28.10.2026. Rubrik: Menschliches
Elisabeth
Elisabeth wuchs frei auf. In ihrer Kindheit hatte sie, bis auf die Schulpflicht, keinerlei Verpflichtungen. Weder im Haushalt, noch musste sie an außerschulischen ( freiwilligen ) Unterrichten teilnehmen, war in keinem Sportverein ( es sei denn, sie meldete sich freiwillig dort an ). Auch wurde nicht kontrolliert, ob sie für Schularbeiten lernte oder ob und wann sie ihre Hausaufgaben machte. Es gab keine nennenswerten Konflikte und wenn, wurden diese nonverbal/gewaltfrei gelöst.
Elisabeth wurde nie mit dem Auto zur Schule gebracht oder irgendwo abgeholt, sie ging generell zu Fuß oder nahm den Bus.
Sie konnte sich ihre Freunde selbst aussuchen und war meist den Tag über draußen im Freien unterwegs.
Es war nicht so, dass zuhause niemand da gewesen wäre und Zeit für sie gehabt hätte. Nein, es war immer jemand für sie da, wenn sie etwas auf dem Herzen hatte. Nach der Schule um 13.00 Uhr gab es zuhause pünktlich Mittagessen und danach konnte Elisabeth ihre Zeit selbst frei planen.
Es lief einfach alles, wie es laufen sollte. Elisabeth machte von sich aus die Hausaufgaben und lernte auch viel aus eigenem Antrieb, denn sie wollte schließlich gut in der Schule sein. Sie wollte nicht die Beste sein, gut zu sein reichte ihr völlig aus.
Auch später, als ihre wilde Zeit losging und sie mit fünfzehn Jahren schon auch einmal mit Freunden durch die Clubs zog, hatte sie keinerlei Zwang, zu einer bestimmten Uhrzeit wieder zuhause zu sein. Elisabeth hatte generell ihre eigene innere Uhr dabei und wenn es Zeit war zu gehen, ging sie einfach. Wenn sie das Gefühl hatte, dass es reicht, reichte es, egal was die Freunde davon hielten. Sie machte einfach ihr eigenes Ding.
Es waren freie, schöne, glückliche Jahre, sie lebte, wie sie leben wollte, denn es war ihr erlaubt so zu leben, wie sie selbst leben wollte.
Elisabeth spürte das Leben, die Leichtigkeit, die Freiheit, sie tanzte im Regen und lag in der Sonne, purzelte durch den Schnee und im Herbst ließ sie sich in die Berge voll Laub fallen...
Mit vierzehn Jahren traf sie ihren Traumboy, blaue Augen und blonde Locken, das Haar von ihm war etwas länger und er zog sie magisch an. Er war etwa zwei Jahre älter und sie verstanden sich super, hatten eine Wellenlänge. Waren anfangs nur Freunde, mehr wollte er nicht. Er sah aus, wie ihr Schwarm aus dem Film: Die blaue Lagune!
Elisabeth schwärmte und träumte weiter von einer Beziehung zu ihm ( er hieß Micha ) und als sie sechzehn war, kamen die zwei nun doch zusammen. Sie und ihr Filmstar, ihr erster fester Freund!
Diese Verbindung sollte etwa fünf Jahre halten, mit Höhen und Tiefen, hin und her. Mit 18 Jahren zog Elisabeth mit ihm zusammen und sie bauten sich ihr Nest.
Aber es schlich sich mit der Zeit die Normalität ein. Das Prickeln des Anfangs verflog und was ist eigentlich Liebe? Hatte sich Elisabeth diese Frage je gestellt?
Micha begann Elisabeth zu kontrollieren, er versuchte es jedenfalls, aber musste dann selbst irgendwann erkennen, dass dies nicht möglich war.
Die Unbeschwertheit ihrer Jugend verflog schon mit Anfang zwanzig. Nicht nur durch den Einfluss anderer, sei es auf der Arbeitsstelle, der Familie des Freundes oder im gemeinsamen Freundeskreis welche versuchten, Elisabeth in eine bestimmte Konformität zu drängen: „Wann heiratet ihr?“
Für Elisabeth stand fest: „Ich heirate nie! Ich will frei sein!“ Sie hatte sich noch nie zu etwas zwingen lassen und bei Druck von außen machte sie dicht und schloss die Schotten!
Irgendwann fragte Elisabeth sich: „War das schon alles?“
Sie sehnte sich nach Abwechslung, Abenteuer, Losgelöstheit, Leichtigkeit, Freiheit, dem Prickeln vom Anfang der Beziehung.
Der Sommerurlaub stand an. Elisabeth und ihr Freund Micha fuhren mit ein paar Freunden in den Süden ans Meer. Es war eine herrliche Zeit, unbeschwert und voller Leichtigkeit. Alle verstanden sich prima und am vorletzten Abend, bevor die Rückfahrt nach Hause anstand, hatten Elisabeth und ihre Freundin Tanja einen Mädelsabend zu zweit.
Dieser Abend und auch der folgende Abend sollten die unvergesslichsten Abende in Elisabeths jungen Leben werden.
In einer Bar wurden Elisabeth und ihre Freundin Tanja von zwei Typen etwa gleichen Alters angesprochen. Nach einem lustigen Smalltalk und einem Gefühl seltsamer Vertrautheit zu dem einen der beiden jungen Männer ( Toni ) zogen Elisabeth , Tanja, Toni und Ralf los und hatten einen super Abend. Die vier verabredeten sich auch für den kommenden Abend und Elisabeth ließ sich auch durch eine Szene, die ihr Micha im Hotel machte, nicht davon abbringen. Ihre Freundin Tanja sagte ab, denn Tanjas Freund verbot ihr, nochmals mit Elisabeth alleine etwas zu unternehmen.
Elisabeth ging, trotz aller Ermahnungen Micha`s, allein zum verabredeten Treffpunkt. In Elisabeth hatte sich ein innerer Schalter umgelegt, sie ließ sich durch nichts davon abhalten, zu diesem zweiten Treffen zu gehen...
Toni erwartete Elisabeth bereits, er war alleine, Ralf war nicht dabei.
Zuvor machte sich Elisabeth bereits Gedanken über diese Vertrautheit zu Toni, denn so etwas hatte sie noch nie erlebt. Es war wie Magie, Toni zog sie magisch an, so sehr, dass es ihr gleich war, was die anderen dachten und es ihr egal war, was Micha sagte und dachte! Toni war wie ein mächtiger Magnet...
Noch etwas fiel ihr auf: Toni ähnelte dem jungen Filmstar Christian Slater!
Es war der letzte Abend vor der Abreise nach Hause und nach diesem wundervollen Abend mit Toni, kam es, wie es kommen musste. Elisabeth ging, ohne zu überlegen, mit Toni in dessen Hotelzimmer, ihre Körper verlangten einfach danach, in einander zu verschmelzen, ohne zu überlegen und ohne die Gedanken an ein danach zu verschwenden, Raum und Zeit verschwanden...
Dann kam der Abschied, Elisabeth und Toni tauschten ihre Telefonnummern aus und trennten sich mit dem Versprechen sich wiederzusehen.
Auf dem Rückweg zum ihrem Hotel war Elisabeth völlig durch den Wind und kam mit ihren zerzausten langen Haaren im Hotelzimmer an, wo sie bereits von Micha erwartet wurde.
Für Elisabeth war sofort klar, dass dies das Ende ihrer langjährigen Beziehung zu Micha war und zog nach einer heftigen Diskussion den Schlussstrich.
Wieder zuhause in Erfurt zog Elisabeth sofort aus der gemeinsamen Wohnung mit Micha aus in eine WG.
Außer ein paar Kleinigkeiten und ihren Klamotten ließ Elisabeth fast alles zurück.
Toni wohnte im weit entfernten Salzburg in Österreich.
Eine Adresse hatte Elisabeth nicht , nur eine Festnetznummer.
Sie konnte Toni über diese Telefonnummer nicht erreichen, Elisabeth wünschte es sich so sehr, ihren Toni wiederzusehen. Sie glaubte fest daran, schon beim Abschied im Urlaub wusste sie mit Gewissheit: Wir sehen uns wieder!
Irgendwann meldete sich Toni bei ihr. So begann ihre Wochenendbeziehung, die sich über drei schöne, wunderbare, traumhafte Jahre reinster Harmonie hinzog. Sie besuchten sich abwechselnd gegenseitig in Salzburg und in Erfurt. Durch die lange Anreise, Elisabeth nahm immer den Freitag Nacht-Zug von Erfurt nach Salzburg und kam Samstag Morgen in Salzburg an, dann hatten die zwei einen Tag und eine Nacht bevor es wieder zurück ging, war es immer eine sehr kurze aber sehr intensive Zeit zu zweit.
Elisabeth genoss ihre neu gewonnene Freiheit und die Beziehung zu Toni. Es kam ihr überhaupt nicht in den Sinn an dieser Situation etwas zu ändern. Soviel Freiraum für sich selbst zu haben und sich einfach treiben zu lassen, das war neu für sie und sie genoss es in vollen Zügen! Elisabeth war generell in dieser Beziehung ehrlich, ein Verhältnis mit jemanden anderen zwischenzeitlich kam für sie nicht in Frage, sie war einfach nur überglücklich mit Toni! Das reichte ihr.
Wären da nicht die Erwartungen gewesen, die sich langsam mit der Zeit einschlichen. Toni drängelte Elisabeth um eine gemeinsame Wohnung, entweder in Erfurt oder in Salzburg. Elisabeth ließ sich nicht gerne drängeln und mit der Zeit kamen ihr erste Zweifel. Als sie eines Tages krank im Bett lag und Toni ihr zu diesem gemeinsamen Wochenende absagte und erwähnte, da sie krank sei und im Bett läge, würde er mit einem Freund das Wochenende in Hamburg verbringen und einen drauf machen. Das hatte sich Elisabeth anders vorgestellt. Es missfiel Elisabeth und sie haderte mit sich selbst. Nicht zum ersten mal stellte sie sich die Frage: "Was macht Toni eigentlich unter der Woche? Ist er ehrlich zu mir? Ist er treu?"
Das nächste Telefonat mit Toni blockte sie ab. Toni versuchte sie mehrmals zu erreichen, als er Elisabeth schließlich am Telefon hatte, versuchte er ihr unter Druck zu vermitteln, dass er bereits in Salzburg eine Wohnung für die zwei angemietet hätte, und machte ihr unterschwellig Vorwürfe, dass er jetzt die Miete bereits dafür zahle.
Da beendete Elisabeth die Beziehung. Es fiel eine schwere Türe bei ihr zu. Sie machte dicht, denn Druck von außen ließ sie sich nicht gefallen. Auch war es ihr irgendwie gar nicht möglich, hier eine Umkehr einzuleiten, es war, als hätte es diese Beziehung nie gegeben, sämtliche schöne Erinnerungen, Gefühle, all das wunderbare, waren plötzlich nicht mehr greifbar, es war wie verhext, alles aus ihrer Erinnerung war getilgt.
Einige Zeit später versuchte ein Freund Toni`s nochmals Elisabeth zum Einlenken zu bringen, er erwähnte, dass Toni jetzt bald heiraten würde. Elisabeth war fassungslos, er hatte sich ja dann doch sehr schnell wieder gefangen, alles überwunden und sich getröstet...
Sie frage sich, wie man so schnell nach dem Ende einer Beziehung eine andere heiraten konnte, dies erleichterte sie aber auch und sie ließ Toni ausrichten: "Ich wünsche ihm alles Gute!"
-Ende-
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Geschichte Nummer 11200




