Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2017 von Karolina Ka.
Veröffentlicht: 28.10.2026. Rubrik: Total Verrücktes


Alles klar, Frau Ka?

Es ist Halloween und das Weihnachtsgeschäft hat bereits begonnen. In der Fußgängerzone wird gedrängelt und geschoben. Ich habe den Eindruck, die ganze Stadt versammelt sich hier, auf diesen hundert Metern. Und dann diese Lautstärke… „Stille Nacht, Heilige Nacht“, zehn Meter weiter hält Eros Ramazotti mit L’Aurora dagegen. Das halte ich nicht aus. Eine Panikattacke baut sich auf und ich suche verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit.

SatirepatzerSatirepatzerOh, wie ich das hasse. Ich schwitze, ringe nach Luft. Doch bevor sie mich endgültig überrollt, sehe ich das Schild ‚Café Engel‘. Eine Glastür und zwei hohe Fenster. Aufatmend stolpere ich durch die Tür, verwusele mich in dem grünen Vorhang und renne die Kellnerin, die mir entgegenkommt, fast über den Haufen. Zum Glück kennen sie mich hier schon.
„Hallo Frau Ka, nicht so stürmisch…“
Sie geleitet mich an einem Tisch am Fenster und zieht den Stuhl für mich zurück.
„Ein Stück Erdbeerkuchen, wie immer?“
„Ja, danke, und einen Schümlikaffee.“
„Schümli haben wir diese Woche nicht, dafür aber Grünen Tee. Schattentee, etwas ganz Besonderes.“
Sie erzählt mir eine abenteuerliche Geschichte von dem „Edlen Tautropfen“ aus Indien. Von Bambusmatten, die über die Felder gespannt werden, um die Sonneneinstrahlung zu verringern. So bilde sich der feine Geschmack heraus, der Koffeingehalt wäre besonders hoch und die gesundheitsfördernden Stoffe…
Ich bin völlig überfordert. Erschöpft schließe ich die Augen und sehe endlos weite Teeplantagen. Bambusmatten, die den Himmel verdunkeln, Arbeiterinnen mit Körben voll Erdbeeren, die sie auf riesigen Tortenböden verteilen.
Geschirr klappert und ein blumig-erdiger Hauch streift mein Gesicht. Leuchtend grüner Tee lächelt mir aus einer breiten Tasse entgegen. Dieser Duft - einfach himmlisch.
„Die erste Tasse geht aufs Haus,“
die Kellnerin strahlt mich an. Dann stellt sie einen Teller mit Erdbeerkuchen vor mir auf den Tisch.
An dieser Stelle möchte ich einflechten, dass der Erdbeerkuchen im Café Engel etwas ganz Besonderes ist. Ein leichter Mürbeteigboden, darauf kommt eine Schicht Vanillecreme, dann folgt eine Schicht Sahne mit Schokosplittern und dort hinein, zwischen diese Zartbitterschokoladensplitter werden die köstlichsten aller Erdbeeren gebettet.

Doch zurück zu meinem Tee. Schon nach dem ersten Schluck fühle ich mich leicht und glücklich. Der Tee dampft und ein feiner Nebel erfüllt den Raum. Ich atme tief ein.
„Alles in Ordnung, Frau Ka?“
Die Kellnerin lächelt. Der grüne Lippenstift steht ihr wirklich gut, besser als das dunkle Rot, das sie vorher trug. Auch das Spitzenhäubchen in dem hellen Grün sieht sehr apart aus.
„Vergessen Sie Ihren Kuchen nicht.“
Das grüne Lächeln entschwebt. Ich nehme noch einem Schluck von dem Tee, dann greife ich zur Kuchengabel. Die Erdbeeren leuchten in einem satten Grün, die Sahne glitzert in allen Farben. Fruchtige Süße prickelt auf meiner Zunge und vermischt sich mit dem leicht bitteren Nachgeschmack des Tees. Ich gebe mich ganz dem Genuss hin.
Zwischen Kuchen und Tee lasse ich meine Blicke durch das Café schweifen. Auch die anderen Gäste scheinen von ihrem gewohnten Schümlikaffee auf Grünen Tee umgestiegen zu sein. Das Pärchen am Nebentisch trinkt ihn kalt, aus hohen Gläsern und durch grün-weiß geringelte Strohhalme. Der junge Mann, grünpomadig gescheitelt, hält die Hand seiner Partnerin und zählt die grüngolden gepunkteten Fingernägel. Er haucht auf jeden einem Kuss, was der jungen Dame ein glucksendes Lachen entlockt. Sie wirft ihren Kopf zurück und schüttelt eine blaugrüne Lockenpracht.
Die Kellnerin mit dem grünen Lächeln kommt wieder und stellt eine neue Schale Tee neben meinem Kuchenteller.
„Die zweite Tasse geht aufs Haus.“
Da sitze ich nun. Gebadet in den Duft dieses eigenartigen Getränks. Hinten links am Stammtisch wippen drei Karnevalshütchen auf blonden Locken. Hellgrüner Filz zu einem Spitzhut gerollt, zusammengebunden mit einem goldenen Satinband. Ein Sonnenhut aus Gras, geschmückt mit Gänseblümchen und Margeriten, und ein dunkelgrünes Käppchen mit einer Pfauenfeder. Drei Dekolletés tanzen beim Lachen, Glitzerpuder hüllt sie ein und eine giftig-grüne Flüssigkeit perlt in den Champagnergläsern.

Das Licht wird gedämpft. Bambusmatten rollen, wie von Zauberhand gezogen, vor den hohen Fenstern herunter. Die Getränke in den Gläsern und Schalen beginnen zu leuchten und verbreiten ein magisches Licht im Raum. Sphärenklänge aus unsichtbaren Lautsprechern. Die Gespräche verstummen.
Die drei jungen Männer, die sonst hinter dem Kuchenbüffet stehen, schieben einen runden Tisch in die Mitte des Cafés. Sehr hübsch sehen sie aus, grünseidene Puffärmel bis zum Handgelenk, die Hemden offen bis zur Taille. Die Kellnerin in dem schwarzen Kleid und mit dem hellgrünen Spitzenhäubchen lässt sich auf einen Stuhl helfen und steigt von dort aus graziös auf den Tisch. Sie wiegt sich im Takt der Musik, dann gleitet ihr Kleid an ihrem Körper hinab als wäre es ein lebendiges Wesen. Die Träger des grünseidenen Unterrocks rutschen wie von selbst von ihren Schultern.
Atemlose Stille im Raum. Lautlos taucht einer der jungen Männer neben mir auf und stellt ein Glas auf den Tisch, in dem ein grünperlendes, blumig duftendes Getränk schwappt. Das Gleiche, das die Damen mit den tanzenden Dekolletés in ihren Gläsern haben.
„Champagner, gekeltert aus grünem Tee, geht aufs Haus.“
Er flüstert in mein Ohr und berührt mein Ohrläppchen mit seinen Lippen. Vor Schreck stürze ich meinen Champagner auf einmal hinunter. Der Raum dreht sich, die strippende Kellnerin auch, aber in eine andere Richtung. Panik überfällt mich wieder. Schweißgebadet grabe ich meine Nägel in die Tischplatte. Ich kann gerade noch genug Konzentration aufbringen, um mein Smartphone aus der Handtasche zu fischen. Blind finde ich die Kurzwahl meines vertrauten Taxifahrers. Schon nach wenigen Minuten kämpft er sich durch den Vorhang, als hätte er in der Nähe gewartet. Er hilft mir in den Mantel und greift nach meinen Einkaufstüten. Ich lege noch einen Zwanziger auf den Tisch und dann… bloß weg.

Das Taxi steht direkt vor dem Café. Aufatmend lasse ich mich in den Beifahrersitz sinken. Während der Fahrer uns vorsichtig durch die Menschenmenge manövriert, sagt er:
„Im Grunde ist das Zeug völlig ungefährlich, Frau Ka, aber sie müssen bei einer Tasse bleiben. Und langsam trinken. Nicht wie Champagner herunterschütten. Und wenn man schon so angeschlagen ist, wie Sie…“
Irritiert sehe ich ihn an… kennt er mich so gut?
Seine Haut färbt sich langsam grün und das Gesicht verändert seine Form. Er wird zu dem Frosch, der auf meinem Schreibtisch sitzt.
Letzterer ist allerdings aus Porzellan.


--------------------------
Anmerkung der Autorin:
Geschrieben 2017 in einem Volkshochschulkurs. Kam nicht gut an. Zu lang, zu verrückt. Unverständlich, nicht glaubhaft.
Diese Geschichte ist ein Gleichnis. Ein inneres Bild, das ich an ein reales Ereignis geknüpft habe. Ein Weg, mit mir selbst umzugehen.

counter1xhab ich gern gelesen
Geschichte Nummer 11202

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Mehr von Karolina Ka:

Die Gedanken sind frei
Innenstadtstraßendrabble, 123 Worte
Ein Moment
Kraniche
Übermorgen