Veröffentlicht: 08.11.2026. Rubrik: Unsortiert
Popey und Nessies Verwandschaft
Popey und Nessies Verwandschaft
Der salzige Nordseewind pfiff durch die Takelage der MS Makrele, einer schneeweißen Dreimastbark, die majestätisch durch die tiefblauen Wellen schnitt. Am Steuerrad stand Popey, ein stolzer Birmakater mit samtigen Pfoten, tiefblauen Augen und einer schneeweißen Brust. Er trug seinen feinsten blauen Kapitänsanzug mit goldenen Knöpfen. Im linken Mundwinkel hing lässig seine alte, geschnitzte Holzpfeife, aus der kleine, duftende Wölkchen nach Katzenminze und Seeluft in den Himmel stiegen.
Plötzlich kräuselte sich das Wasser direkt vor dem Bug der MS Makrele. Die Wellen teilten sich mit einem tiefen Grollen, und eine gewaltige Gestalt tauchte aus der Tiefe auf. Es war ein schuppiges, langhalsiges Seeungeheuer mit smaragdgrünen Augen und schimmernden Flossen. Auf seinem breiten Rücken saß Varuna, der Meeresgott, in fließenden Gewändern, seinen goldenen Dreizack fest in der Hand.
Popey nahm behutsam die Pfeife aus dem Mundwinkel, klopfte sie an der Reling aus und zog seine Kapitänsmütze zum Gruß. „Ahoi, Varuna! Ein prächtiges Tier hast du da unter dem Sattel. Was treibt euch beide in diese Gewässer?“
Varuna lächelte, während das Seeungeheuer ein tiefes, freundliches Brummen von sich gab, das den Rumpf der MS Makrele leicht vibrieren ließ. „Sei gegrüßt, Kapitän Popey. Deine schneeweiße Bark sieht heute besonders glänzend aus. Wir sind auf der Durchreise – wir kommen gerade aus dem Norden, von einem Familientreffen.“
Popey hob neugierig eine weiße Schnurrhaar-Braue und steckte sich die Pfeife wieder in den Mundwinkel. „Familientreffen? Etwa in den schottischen Highlands?“
„Ganz genau“, antwortete Varuna und tätschelte den schuppigen Hals seines Reittiers. „Wir haben seine Cousine in einem tiefen, nebligen See namens Loch Ness besucht. Sie lässt herzlich grüßen!“
„Ah, die berühmte Nessie!“, schnurrte Popey vergnügt, während ein frisches Rauchwölkchen aus seiner Pfeife kräuselte. „Man hört an jedem Hafen von ihr. Wie geht es der alten Dame? Lässt sie sich immer noch so ungern von den Landratten fotografieren?“
Das Seeungeheuer schnaubte amüsiert und spritzte eine kleine Fontäne Meerwasser in die Luft, was Popey dazu brachte, sein dichtes Fell kurz zu schütteln.
„Sie ist bei bester Gesundheit“, lachte Varuna. „Und sie hat einen herrlichen Humor. Sie meinte, es sei ihr größter Spaß, ab und zu nur einen kleinen Buckel aus dem dunklen Wasser zu strecken und den Touristen an Land Rätsel aufzugeben. Danach taucht sie wieder ab und lacht sich ins Fäustchen.“
„Ein wahres Seemannsherz!“, rief Popey begeistert aus. „Genau mein Stil. Nicht zu viel verraten, immer ein Geheimnis bewahren.“
Die beiden plauderten noch eine ganze Weile auf offener See, während die MS Makrele sanft auf den Wogen schaukelte. Schließlich hob Varuna seinen Dreizack zum Abschied. „Die Strömung ruft uns weiter nach Süden, Kapitän. Gute Fahrt und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!“
„Euch ebenso, ihr beiden! Und richtet der Verwandtschaft in Loch Ness bei Gelegenheit einen Gruß vom alten Popey aus!“, rief der Birmakater zurück. Er paffte noch einmal kräftig an seiner Pfeife, drehte das Steuerrad der schneeweißen Dreimastbark herum und segelte dem Horizont entgegen.
Pierre Leschek 8.11.2026


Geschichte Nummer 11330



