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6xhab ich gern gelesen
geschrieben 2019 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 14.11.2019. Rubrik: Märchenhaftes


Der Spatzenheld

Es war einmal eine Spatzenkolonie im Dörfchen Wiesental, die lebte glücklich und zufrieden. Eines Tages jedoch wurde sie in größte Aufregung versetzt: Ein Sperberpaar baute ganz in der Nähe sein Nest!

Alle Spatzen versammelten sich und berieten die Lage. „Sperber gehören zu unseren größten Fressfeinden“, erläuterte ein alter Koloniebewohner. „Vertreiben oder töten können wir sie nicht. Wir haben nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir müssen ständig auf der Hut sein – und auch dann werden Verluste sich nicht ganz vermeiden lassen –, oder wir müssen wegziehen.“

Eine Wahl zwischen Pest und Cholera! Die Spatzen waren verzweifelt.

Da meldete sich Leo zu Wort, ein junger Spatzenmann, der gerade erwachsen geworden war, aber noch keine Familie gegründet hatte. „Ich wäre bereit, ein Risiko einzugehen, damit wir ungestört hierbleiben können. Ich würde mich auf dem großen Misthaufen mit Mist einreiben, zum Sperbernest fliegen und mich von einem der Sperber fangen lassen. Höchstwahrscheinlich würde er mich schon wegen des Geruchs sofort wieder loslassen, und dann würde ich sagen: ‚Ja, wir Wiesentaler Spatzen sind giftig!‘“

Kiki, eine junge Spätzin, die in Leo verliebt war, schrie entsetzt: „Und wenn er dich trotzdem frisst? Oder wenn du zwar entkommst, aber schwer verletzt bist?“

„Ja, ich sagte ja schon, das Risiko muss ich eben eingehen. Wenn wir gar nichts tun, könnte ich ebenfalls von den Sperbern gefressen werden. Und wer kann uns garantieren, dass wir, wenn wir wegzögen, tatsächlich in ein sicheres Gebiet kämen?“

Hin- und hergerissen zwischen Angst um Leo und Dankbarkeit für seine Opferbereitschaft ließ die Gruppe ihn schließlich ziehen. „Habt keine Sorge“, lachte er, „bevor ich wieder zu euch komme, werde ich mir den Mist natürlich im Bach abwaschen.“

Atemlos beobachteten die Spatzen, wie ihr Held zuerst zum Misthaufen flog und dann zum Sperbernest. Es lag so nah, dass sie alles sowohl sehen als auch hören konnten. Als der männliche Sperber Leo packte, fiel Kiki fast in Ohnmacht. Aber nur eine Sekunde später ließ der Greifvogel ihn wieder los: „Bäh, du stinkst ja ekelhaft!“

„Ja, wir Wiesentaler Spatzen sind alle hochgiftig!“, rief Leo ihm beim Wegfliegen zu und hörte noch, wie der Sperber zu seiner Gattin sagte: „Wir dürfen hier in Wiesental keine Spatzen fressen! Das wäre tödlich!“

Die Spatzenkolonie war Leo so dankbar, dass sie ihn zu ihrem König machte. Er nahm Kiki zur Frau, ernannte sie zur Königin und bekam mit ihr viele kleine Prinzen und Prinzessinnen. Auch das Sperberpaar bekam Junge und schärfte ihnen von Anfang an ein, dass sie die Spatzen nicht fressen durften, da sie hochgiftig seien.

Dank Leos Heldentat wohnten somit die Spatzen und die Sperber im Dörfchen Wiesental fortan friedlich nebeneinander, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

6xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 14.11.2019:

Einfach süß :-)




geschrieben von Christine Todsen am 15.11.2019:

Danke! Beim Wort Mist musste ich übrigens daran denken, dass in meiner Jugend – als erst wenige Deutsche Englisch konnten – Sprays etc., deren Name die Bezeichnung „mist“ enthielt, hierzulande kaum verkäuflich waren ;-)




geschrieben von Lena am 23.12.2019:

Nette Geschichte. Die habe ich gerne gelesen.




geschrieben von Christine Todsen am 23.12.2019:

Danke auch Dir!




geschrieben von Susi56 am 15.01.2021:

Sehr hübsch! Da können wir Menschen davon lernen...

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