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geschrieben 2019 von supermarimbario.
Veröffentlicht: 22.11.2019. Rubrik: Nachdenkliches


Er läuft.

Er läuft. Er läuft immer in dieselbe Richtung. Er läuft und läuft und läuft und es nimmt kein Ende. Seine Beine fliegen unter ihm hinweg, sind nur Schatten ihrer selbst, verschwommene Schemen, die im dunkeln hin und her huschen. Und er fängt an zu rennen. Langsam wird er immer schneller. Er läuft.
Und dann sind plötzlich die Schienen unter ihm. Sie glänzen metallisch im Mondschein, werfen das kalte weiße Licht zurück auf sein bleiches Gesicht. Immer und immer wieder erleuchtet seine Haut im Glanz des mächtigen Himmelskörpers. So schnell, dass fast kein Unterschied zwischen Licht und Dunkelheit mehr erkennbar ist. Helligkeit wird zu tiefem Schwarz und andersherum. Die Schienen scheinen nicht aufzuhören. So weit er auch nach vorne schaut, mit hechelndem Atem, im auf und ab seiner weiten Schritte. Immer mehr Schienen legen sich wie von Zauberhand vor ihn. Kein Zug weit und breit. Nur Stille.
Und er läuft. Er kann nicht anders. Er läuft immer in dieselbe Richtung. Er läuft und läuft und läuft und es nimmt kein Ende. Seine Beine, kraftvoll und elegant, tragen ihn immer weiter fort auf seiner einsamen Reise.
Er springt über Eisen, Holz und Stein. Immer wieder dasselbe Muster. Erst die Schiene, dann der Zwischenraum, gefüllt mit Holz und Stein, dann die zweite Schiene. Dann ist die nächste Schiene dort, ohne direkt an die eben vollendete anzugrenzen, und doch so weit weg und so nah dran gleichzeitig. Sie führen nach rechts und links, ohne Ausnahme. In beide Richtungen Unendlichkeit.

Und dann ist er da. Der Zug kommt von rechts, ohne Vorwarnung. Die gleißenden Scheinwerfer beleuchten nur Sekundenbruchteile den dünnen Körper, bevor der Aufprall kommt. Er schließt die Augen.
Als er sie wieder öffnet, fliegen die Schienen unter ihm hinweg. Viel schneller, als er sich es je hätte erträumen können. Er kann keinen Unterschied mehr zwischen Boden und Schwellenholz erkennen. Sie verschwimmen zu einer grauen Masse. Als er bemerkt, dass die Schienen anders sind, geht im ein Licht auf. Ihm wird klar, dass er an der Spitze des Zuges auf dem Dach an der Kante sitzt. Er kann sich nicht umdrehen und ins Führerhäuschen spähen. Nur nach vorne schauen, wo die Scheinwerfer plötzlich die wenigen Meter vor ihm erhellen. Die Schienen scheinen nun richtig zu verlaufen. Nicht mehr quer, sondern geradeaus. Ihm wird klar, dass ihm vor dem Zug nie bewusst war, wie Schienen auszusehen haben. Seine gesamte Reise über hatte er nicht darüber nachgedacht, in welche Richtung er lief. Er lief einfach. Ohne auf links und rechts zu achten, die Augen immer am Horizont. Der Zug trägt ihn nun hinfort, in eine andere Welt, ein anderes Sein. Die kräftigen Scheinwerfer zeigen, in welche Richtung es geht. Die Schienen rechts und links davon lassen sich nur erahnen, liegen im Dunkeln. Wenn er sich zu sehr zur Seite lehnt, droht er vom Zug zu fallen. Als er ein wenig hin und her ruckelt fällt ihm auf, wie instabil der Zug auf den Gleisen zu fahren scheint. Noch bevor er sich darüber im Klaren werden kann, fällt er. Er schließt die Augen.
Als er die Augen öffnet, liegt er auf metallenem Boden. Die Schiene schneidet ihm ins Schulterblatt. Er steht auf und fängt an zu laufen. Überall fahren plötzlich Züge.

Er dreht sich nicht um.

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