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geschrieben von DER WORTKOTZER.
Veröffentlicht: 17.01.2020. Rubrik: Fantastisches


DAS PONY IM KÜHLSCHRANK

Wie an jedem Heiligabend saß ich voller Ungeduld am Fenster, sah hinaus, und wartete auf den alles erlösenden Ruf meiner Mutter. Dicke Schneeflocken fielen aus dem finster dreinblickenden Abendhimmel auf die Erde herab. Es waren die gefrorenen Tränen der Winterfeen, die wie immer an Weihnachten um all die Kinder weinten, deren Wünsche auch dieses Jahr wieder nicht in Erfüllung gehen würden.

„Lea, kommst du? Bescherung!“

Endlich! Die weißen Bommeln meines roten Kleidchens hüpften aufgeregt auf und ab als ich freudestrahlend die Treppe zum Wohnzimmer hinunterlief. Wie von Geisterhand öffnete sich die Tür und mir schlug der Geruch von frisch gebackenen Plätzchen und qualmenden Räuchermännchen entgegen. Und während mir meine Eltern noch „Frohe Weihnachten“ zuriefen, schaute ich bereits auf all die hübsch eingepackten Geschenke die unter dem mit flackernden Kerzen, goldenen Kugeln und buntem Lametta geschmückten Weihnachtsbaum auf mich warteten.

Erste Tränen kullerten über meine Wangen. Es war wieder nicht dabei.

„So weine doch nicht Lea. Du weißt doch, dass wir uns kein Pony in der Stadt halten können.“

Voller Liebe nahmen mich meine Eltern tröstend in ihre Arme.

„Ich weiß“, antwortete ich tapfer und packte all meine schönen Geschenke aus. Eine hübsch anzusehende Puppe mit beweglichen Augen, ein rosafarbenes Sommerkleid, einen dicken Malblock mit bunten Stiften und vieles mehr. Anschließend sangen wir noch ein paar Weihnachts-lieder, stopften uns den Bauch so richtig mit Kochwurst und Kartoffelsalat voll und gingen todmüde zu Bett.
Mitten in der Nacht wurde ich durch ein sonderbares Geräusch geweckt.
Schlaftrunken öffnete ich meine Augen und konnte es nicht glauben.

Mitten im Zimmer stand ein Pony. Mein Pony!

Irgendwie erinnerte es mich an Stracciatellaeis, meine Lieblingssorte. Sein pechschwarzer Schweif glänzte erhaben im Licht des vorbeiziehenden Mondes. Nachdem wir uns leise aus dem Haus geschlichen hatten, führte ich „Schwesterchen“, ich hatte mir schon immer eines gewünscht, voller Stolz durch die dunklen Straßen der Stadt. Kurz darauf sah ich mich von dutzenden wütender kleiner Mädchen umringt, die mit gierigen Augen auf mein Pony sahen.

In Panik schwang ich mich auf seinen Rücken und rief:
„Lauf Schwesterchen! Lauf!“

Aber wohin wir auch liefen, wir wurden die von hasserfüllten Neider einfach nicht los. Schließlich erreichten wir unser Haus. Schwesterchen und ich stürmten hinein, die aufgebrachte Horde hinterher.

„Versteck dich“, rief ich meinem Pony zu.

Und während Schwesterchen vergeblich versuchte im Kühlschrank Unterschlupf zu finden, rannte ich schweißgebadet die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Mit den ersten Sonnenstrahlen ging ich in die Küche hinunter, Schwesterchen zu suchen. Der Mob war verschwunden, mein Pony leider auch. Instinktiv öffnete ich die Kühlschranktür. Und da war es. Säuberlich zerlegt sah es mich mit seinen großen, traurigen Augen an. Ein ausgestopfter Kopf, ein Schal aus pechschwarz glänzendem Schweif, Türstopper aus geschliffenen Hufen, Koteletts und Innereien aus dunkelrotem Muskelfleisch, und ein kleines warmes Mäntelchen aus Schwarz gepunktetem Fell.
Zurück auf meinem Zimmer, sah ich traurig aus dem Fenster.

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„Lea, kommst du? Bescherung!“

Sofort bin ich hellwach. Hoffentlich würde es kein Pony sein!


ENDE

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