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geschrieben 2018 von Dirk Hoffmann.
Veröffentlicht: 23.03.2020. Rubrik: Kinder und Jugend


Der qualmende Karl

Jonas konnte nicht einschlafen. In seinem eigenen Zimmer schlief er meistens schnell ein, aber hier klappte das noch nicht so gut. Das hier war jetzt zwar auch sein Zimmer, aber es war ihm trotzdem noch fremd. Hier schlief er nur jedes zweite Wochenende, seit sein Papa zuhause ausgezogen war. Jonas sah sich in dem dunklen Raum um. Papa hatte noch nicht alle Möbel kaufen können, aber ein Bett und ein Regal für die Spielsachen waren schon da.
Heute hatten sie im Kino einen spannenden Geisterfilm gesehen. Anschließend waren sie noch im Einkaufszentrum gewesen und Jonas hatte eine tolle neue Drachenfigur bekommen. Wenn Mama auch dabei gewesen wäre, hätte Jonas es noch schöner gefunden, aber zusammen unternahmen sie nur noch selten etwas.

Er seufzte und machte die Augen zu, doch dann schnüffelte er und machte die Augen wieder auf. Was war das denn? Es roch plötzlich so komisch in dem Zimmer. In der letzten Woche hatte Mama die Fischstäbchen anbrennen lassen und da hatte es so ähnlich gerochen. Bewegte sich da nicht etwas am Regal?
Eine durchsichtige Gestalt schwebte mitten in der Luft und wandte ihm den Rücken zu. Sie trug eine richtige Ritterrüstung, aus der kleine Rauchfähnchen aufstiegen. In der einen Hand hielt sie die neue Drachenfigur, mit der anderen schnippte der unheimliche Ritter eine Goldmünze in die Luft und fing sie geschickt wieder auf. Er betrachtete den Drachen fachmännisch von allen Seiten und murmelte dabei leise vor sich hin.
„Stattliches Exemplar, stattlich, stattlich.“ Die Stimme des Ritters klang heiser und rau.
Jonas knipste aufgeregt das Licht an. Augenblicklich erstarrte der Geist und die Münze klimperte auf den Boden.
„Wer bist du denn?“, fragte Jonas ängstlich.
„Oje, das ist nicht gut...“, seufzte die Gestalt leise zu sich selbst. Langsam drehte der Ritter sich um.
Jonas starrte die Gestalt an. Ihr Gesicht war mit Ruß verschmiert und der Bart des Ritters war angesengt und qualmte ein wenig.
„Du... du kannst mich sehen?“, fragte die unheimliche Gestalt unsicher.
„Ja... denke schon“, sagte Jonas und rieb sich die Augen.
„Das ist überhaupt nicht gut“, bekräftigte die Gestalt seufzend und ließ den Kopf hängen.
„Bist du ein richtiger Geist?“
„Ja, man nennt mich den qualmenden Karl und wer bist du?“
„Ich bin Jonas.“
„Es freut mich dich kennenzulernen, Jonas, aber es ist trotzdem nicht gut, dass du mich sehen kannst.“
„Warum ist das denn nicht gut?“
„Weil mich nur die traurigen Kinder sehen können.“ Der Ritter blickte ihn forschend an und Jonas senkte bedrückt den Blick.
„Nur die traurigen Kinder? Das verstehe ich nicht. Warum ist das denn so?“, fragte er leise.
„Ich weiß es auch nicht so genau. Wenn du ein Gespenst wirst erklärt dir ja keiner etwas. Vielleicht ist es so, weil die Kinder damals auch so traurig waren, als der Drache das Königreich verwüstete.“
„Ein richtiger Drache?“ Jonas hob den Kopf wieder und sah den qualmenden Karl mit großen Augen an.
„Ja, aber das ist schon lange her. Es war wirklich schrecklich, weißt du? Der Drache war riesig und hat im ganzen Land gewütet. Die Menschen hatten schreckliche Angst und viele mussten hungern, weil der Drache die Felder verbrannte und die Viehherden auffraß. Es gab im ganzen Königreich keine fröhlichen Kinder mehr. Das war eine sehr traurige Zeit, kann ich dir sagen.“
„Hast du etwa gegen den Drachen gekämpft?“
„Ja, das habe ich. Ich wollte die vielen Kinder nicht mehr so traurig sehen. Also sattelte ich mein Pferd und ritt zu seiner Höhle.“
„Hattest du denn gar keine Angst?“
„Oh doch, natürlich hatte ich Angst.Ganz schreckliche Angst sogar. Ich weiß noch, wie ich gezittert habe, als der Drache seine riesigen Schwingen ausbreitete und sich in die Lüfte schwang.“
„Au,weia, was ist denn dann passiert?“
„Er kreiste eine Weile wild brüllend über mir...“ Der Geist hob bedrohlich den Arm.
„Und dann...?“ Jonas hörte gespannt zu.
„... stieß er wie ein Blitz vom Himmel auf mich herab!“, klatschte der Ritter auf sein Bein.
„Was hast du gemacht?“
„Ich riss meinen Schild nach oben und stach mit der Lanze zu.“ Der qualmende Karl stieß seine Hand wild in die Luft.
„Hast du ihn erwischt?“
„Na und ob. Mitten ins Herz habe ich ihm meine Lanze gestoßen... leider wusste ich nichts vom Drachenfeuer.“ Karl zuckte die Schultern.
„Drachenfeuer?“
„Ja klar, Drachen sind nicht wie wir Menschen,weißt du? In jedem Drachenherz lodert eine furchtbar heiße Flamme. Als ich es durchbohrte schoss mir das schrecklich heiße Drachenfeuer entgegen...“
„Aber du konntest der Flamme doch bestimmt noch ausweichen, oder?“, fragte Jonas gespannt.
„Na,ja... du siehst ja...“ Der Ritter sah an sich herunter und deutete lächelnd auf die kleinen Rauchschwaden, die von seiner Rüstung aufstiegen.
„Oh, Verzeihung, bitte“ , flüsterte Jonas beschämt.
„Schon gut, das kleine Missgeschick habe ich inzwischen verkraftet. Ich wollte einfach, dass die Kinder wieder lachen können. Tja, jetzt gibt es zwar keine Drachen mehr, gegen die ich kämpfen könnte, aber immer noch traurige Kinder.“ Er blickte Jonas fragend an.
„Du könntest ja mal gegen meine Mathelehrerin kämpfen, die ist so etwas ähnliches, wie ein Drache“, grinste Jonas.
„Mal sehen“, grinste der Ritter zurück.
„Ich bin wohl auch ein trauriges Kind. Meine Mama und mein Papa haben sich nicht mehr lieb, weißt du? Mein Papa ist vor ein paar Wochen hierher gezogen und ich besuche ihn am Wochenende“, seufzte Jonas jetzt und senkte verzagt den Blick.
„Das ist wirklich sehr traurig, da hast du recht“, nickte der qualmende Karl mitfühlend.
„Papa und Mama lachen auch nicht mehr. Es ist als wäre dieser Drache jetzt bei uns und würde überall sein Feuer speien.“
„Eine schlimme Sache“, pflichtete der Ritter ihm bei.
„Kann ich denn gar nichts tun, damit es wieder so wird wie früher?“
„Manche Drachen kann man nicht erschlagen, Jonas.“ tröstend klopfte der Ritter Jonas auf die Schulter.
„Ich will aber nicht für immer traurig sein.“
„Weißt du, man bleibt nicht ewig traurig. Ich zog damals durch das Land und viele Kinder konnten mich noch lange sehen, aber es wurden mit der Zeit immer weniger. Es dauerte eine ganze Weile, aber langsam wuchs wieder Getreide auf den verbrannten Feldern und auch das Lachen kehrte wieder zurück. Manchmal passieren schreckliche Dinge, die traurig sind und einem Angst machen. Diese Dinge gehören leider zum Leben, auch wenn sie zum verzweifeln sind.“
„Aber du warst bestimmt noch nie verzweifelt, oder?“ Jonas musterte den Geist.
„Natürlich war ich das, sehr oft sogar. Ich weiß zum Beispiel noch ganz genau wie verzweifelt ich war, als uns damals die Armee der Kobolde angriff.“
„Echte Kobolde? Erzähl mal!“ Platzte es aus Jonas heraus.
„Es ist schon spät, du solltest wirklich so langsam mal schlafen, Jonas“, antwortete Karl mit gespielter Strenge.
„Och, schade“, seufzte Jonas enttäuscht.
“Ich erzähle dir beim nächsten mal von dem Kampf gegen die Kobolde, in Ordnung?“ Der qualmende Karl zwinkerte ihm aufmunternd zu.
„Kommst du mich denn mal wieder besuchen?“, fragte Jonas hoffnungsvoll.
„Versprochen. In zwei Wochen, wenn du wieder bei deinem Papa bist?“
„Au ja!“
„Dann wünsche ich dir eine gute Nacht, Jonas.“ Der qualmende Karl verbeugte sich zum Abschied, drehte sich in der Luft um und schwebte einfach durch die Wand davon. Nur einen leichten Geruch nach Rauch ließ er noch zurück.

Als Jonas am nächsten Morgen aufwachte, konnte er kaum noch glauben, dass ihn ein echter Geist besucht hatte. Es war ganz sicher nur ein Traum gewesen. Er setzte sich gerade traurig im Bett auf, als er auf dem Boden vor dem Regal plötzlich etwas aufblitzen sah. Er kletterte aus dem Bett und bückte sich danach. Lächelnd hob Jonas die Goldmünze vom Boden auf.

Der qualmende Karl kam Jonas noch oft besuchen und erzählte ihm von seinen vielen Abenteuern, oder hörte ihm einfach nur zu, wenn er traurig war. Jonas konnte den qualmenden Karl zwar noch lange Zeit sehen, aber bei jedem Besuch wurde die Gestalt des Ritters ein kleines bisschen durchsichtiger.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von DER WORTKOTZER am 24.03.2020:
Jedermann kann sich glücklich schätzen, dem solch ein qualmender Karl beschieden ist. PS: danke für den 'killer' kommentar. viele meiner kurzgeschichten könnten sicherlich besser sein, wenn sie länger als eine din-a4 seite sein dürften. ;> von ausnahmen wie RPK1/9 einmal abgesehen.




geschrieben von Metti am 26.03.2020:
Wieso nur eine Din-A4 Seite?

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