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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2017 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 30.09.2017. Rubrik: Lustiges


Der Lachs des Heiligen

„Ich freue mich, dass die Waliser uns heute mal wieder besuchen“, sagte Bernd.

„Ja“, stimmte seine Frau Sonja ihm zu, „die beiden sind wirklich ein nettes Paar.“

Bernd und Sonja nannten ihre Freunde Mark und Catrin stets „die Waliser“, obwohl Mark ein alter Schulfreund von Bernd war und noch immer den deutschen Pass besaß. Aber er hatte lange in Wales gelebt und dort seine Frau Catrin kennengelernt. Inzwischen pendelten die beiden zwischen Wales und Deutschland. Catrin hatte Deutsch gelernt und Mark Walisisch. Sein Interesse galt allem Keltischen und besonders der keltischen Mythologie.

Wie verabredet trafen die Gäste um drei Uhr nachmittags bei Bernd und Sonja ein. Bald saßen alle vier bei Kaffee und Kuchen im Garten. Catrin zeigte Fotos der beiden Enkelkinder. „Hier, das war am Sankt-Davids-Tag, dem 1. März. Da tragen die Schulkinder die walisische Tracht. Der heilige David, auf Walisisch ‚Dewi Sant‘, ist der Schutzpatron von Wales.“

Bei der Erwähnung des Heiligen fiel Bernd etwas ein. „Sagt mal, was hat es eigentlich mit diesem Lachs von Dewi Sant auf sich?“

Mark und Catrin schauten ihn überrascht an. „Ein Lachs von Dewi Sant? Davon habe ich noch nie etwas gehört“, sagte Catrin. „Du, Mark?“

Ihr Mann schüttelte den Kopf. „Ich auch nicht. Der Lachs ist zwar ein bedeutendes Tier in der Mythologie der Kelten. Zum Beispiel zählt der Lachs von Llyn Llyw zu den ältesten Lebewesen, wie die walisische Sage ‚Culhwch ac Olwen’ berichtet. Und bei den Metamorphosen, die die am längsten lebenden Menschen der irischen Mythologie durchmachen, ist stets eine Lachs-Phase zu finden. Aber im Zusammenhang mit Sankt David ist mir nichts von einem Lachs bekannt.“

„Dewi Sant war ja auch Christ und hatte gar nichts mehr mit der heidnischen Mythologie zu tun“, warf Catrin ein.

„Damit wohl nicht mehr, aber wundersam anmutende Legenden über Fische gibt es auch im Christentum“, erwiderte Mark. „So sollen der irische Abt Brendan und seine Mönche auf dem größten Fisch der Welt, Jasconius, umherspaziert sein. Möglich wäre es also schon, dass Sankt David etwas mit einem Lachs zu tun hatte. Wie bist du denn darauf gekommen, Bernd?“

„Es gibt da irgend so ein Lied darüber. ‚Lachs von Dewi Sant‘ oder so ähnlich.“

„Was?“ Die Gäste konnten es nicht glauben.

„Ja. Sonja, haben wir noch die Zeitung von gestern? Da stand was von einem Kirchenkonzert, und in diesem Artikel wurde das Lied erwähnt.“

Tatsächlich war die Lokalzeitung noch da. „Hier!“, rief Bernd nach kurzem Suchen. „‘Salm o Dewi Sant‘ von Karl Jenkins.“

Zu Bernds Verwirrung brachen Mark und Catrin in ein unbändiges Gelächter aus. Dann fiel ihnen offenbar ein, dass man seinen Gastgeber nicht auslachen sollte, und sie bemühten sich, wieder sachlich zu werden. Erfolg hatten sie dabei nicht.

„Was ist denn los?“, fragte Bernd beleidigt. Seine Frau sprang ihm zur Seite: „Salm ist doch dasselbe wie Lachs.“

„Ja, aber nur auf Deutsch!“, klärte Mark die beiden auf. „Das walisische Wort ‚salm‘ bedeutet Psalm!“

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Metti am 07.10.2017:

Ich musste jetzt an die berühmte Agathe Bauer denken. ;-)

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