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geschrieben 2018 von Stefan Kemper-Kohlhase (Altmarkwolf).
Veröffentlicht: 17.04.2020. Rubrik: Nachdenkliches


Grünkäppchen und das Loblied der Barmherzigkeit - Eine österliche Erzählung aus der Altmark

„Oma Trudchen“, die Lebkuchenoma aus der Altmark, die in dem kleinen Häuschen am Rande des Waldes im Dorf Dobberkau wohnte, lag im Sterben. Sie, die die Kinder aus der Umgegend zeit ihres Lebens mit Lebkuchenherzen, die nach Heimat dufteten, beschenkt hatte, war auf dem letzten Weg. Der Tod war nahe und sie war reiseklar. Keine Angst, kein Zaudern. Da sie nie verheiratet gewesen war und auch keine Kinder oder Familie in Deutschland hatte, hatte sie sich dazu entschieden „Grünkäppchen“, den Jungen aus Grünenwulsch, um einen letzten Gefallen zu bitten. Er sollte für die Beerdigung sorgen. Der 16-jährige hatte natürlich auch einen richtigen Namen, aber alle nannten ihn nur Grünkäppchen wegen seiner gehäkelten, waldmeistergrünen Mütze. Oma Trudchen hatte alle Details in einem Brief aufgeschrieben. Der musste nur noch an Grünkäppchen übergeben werden. Grünkäppchen war zwar nicht ihr Sohn, dennoch hatte sie ihn ins Herz geschlossen, wie kein anderes Kind. Er war anders. Sie hatte für ihn gesorgt, wenn seine Eltern nicht konnten. Und sie hatte gemerkt, dass Grünkäppchen und sie auf eine gewisse Art und Weise seelenverwandt waren. Oma Trudchen und Grünkäppchen vertrauten sich bedingungslos. Sie hatten dieselben Vorlieben und kannten die Gedanken des Anderen. Und so hatten sie zusammen aus Oma Trudchens Liederbuch gesungen, Kaffee getrunken, Lebkuchenherzen gebacken und über Gott und die Welt geredet. Oma Trudchen hatte häufig aus ihrem Leben erzählt. Sie hatte auch die unschönen Dinge aus der DDR-Zeit und davor erzählt, die sonst niemand hören sollte. Und Grünkäppchen hatte aufmerksam zugehört. Er konnte schweigen. Oma Trudchens Geheimnisse waren bei ihm gut aufgehoben. Sie waren ein Erinnerungsschatz, den er sein Leben lang in seinem Herzen aufbewahren würde. Im Gegenzug hatte Grünkäppchen ihr allein sein größtes Geheimnis anvertraut. Er hatte ihr von dem Wolf mit der weißen Schnauze erzählt, den er „Warg“ genannt hatte. Grünkäppchen hatte Warg schon einige Male im Wald zwischen Grassau und Schorstedt gesehen. Meister Isegrim, der Einzelgänger, Jäger und Meister der Tarnung. Davon durfte aber niemand erfahren. Wenn er nicht so gutprotestantisch von seinen Eltern erzogen worden wäre, wäre Warg wahrscheinlich sein Totemtier geworden.
Grünkäppchen hatte Oma Trudchen auch am Palmsonntag besucht. Er hatte Oma Trudchens Lieblingsgericht, nämlich altmärkische Hochzeitssuppe, mitgebracht. Und wie üblich, vom Bismarker Sportverein, der Schule in Stendal, dem VfL Wolfsburg, dessen größter Fan er war, der Jugendfeuerwehr, dem Generationenorchester, wo er Flöte spielte, und den Tieren erzählt, die er auf dem Weg nach Dobberkau gesehen hatte. Sorge bereiteten ihm die viele Waschbären und Wildschweine, die sich wie die Karnickel vermehrten und großen Schaden anrichteten. Aber davon wollten die Verantwortlich ja nichts hören.
All das interessierte Oma Trudchen nicht mehr allzu sehr. Oma Trudchen war an diesem Tag besser zufrieden. Sie war so glasklar im Kopf, wie es nur Sterbende sein können. Hier und jetzt musste der Abschiedsbrief an Grünkäppchen übergeben werden. Dann wäre auch das erledigt und sie könnte aus dem Leben scheiden. So sagte sie nach einiger Zeit in angemessenem Ton: „Grünkäppchen! Meine Zeit ist gekommen. Ich werde bald sterben, und ich möchte, dass Du für meine Beerdigung sorgst. Lass Dir von Deinen Eltern, dem Pfarrer und dem Beerdigungsinstitut helfen. In diesem Brief hier habe ich alles aufgeschrieben. Öffne ihn nach meinem Tod.“ Grünkäppchen nahm den Brief wortlos. Er hatte verstanden. Das war der Abschied. Ein stiller Abschied. Er nahm Oma Trudchen in den Arm und beide vergossen viele Abschiedstränen. „Lebwohl!“ sagte Oma Trudchen, als Grünkäppchen nach Hause gehen wollte. „Auf Wiedersehen! - Wir werden uns im Himmel wiedersehen!“ entgegnete Grünkäppchen, bevor er die Eingangstür leise hinter sich schloss.
Oma Trudchen war 4 Tage später, am Gründonnerstag, während Grünkäppchen in der Schule war, zu Hause in Dobberkau sanft eingeschlafen. Der Pflegedienst und eine Nachbarin hatten sie gefunden. Friedlich lag sie in ihrem Bett, mit einem Lächeln auf den Lippen. Der Tod war, wie ein guter Freund, gekommen. In der großen Pause war Grünkäppchen von seinem Vater abgeholt worden und gemeinsam fuhren sie zu Oma Trudchens Haus. Dort warteten schon der Pfarrer und jemand vom Beerdigungsinstitut. Gemeinsam öffneten sie Oma Trudchens Abschiedsbrief.
„Mein lieber Grünkäppchen, sehr geehrter Herr Pfarrer, liebe Freunde,
ich danke Euch allen für die Zeit, die ich mit Euch verbringen durfte. Ihr seid meine Familie gewesen. Ihr habt Freud und Leid mit mir geteilt, und deshalb bitte ich Euch, und ganz besonders Dich, lieber Grünkäppchen, für die Beerdigung zu sorgen. Ich habe sonst niemanden.
Für die Trauerfeier wünsche ich mir einen weißlackierten Sarg, so wie es in der norwegischen Heimat meiner Mutter Sitte und Brauch ist. Und bitte keine Blumen. Man soll lieber für die Flüchtlingshilfe im Landkreis Stendal spenden. Ich bin auch ein Flüchtlingskind gewesen. Nach der Trauerfeier soll der Sarg mit meinen sterblichen Überresten eingeäschert werden. Die Urne soll auf der ‚Grünen Wiese‘ für anonyme Beerdigungen vergraben werden. Ich habe doch niemanden, der für ein Grab sorgen könnte. In meinen Garten soll eine Birke gepflanzt werden zur Erinnerung an mich. Blumenschmuck möchte ich nicht. Vor die Birke soll eine Holzscheibe mit meinem Namen gelegt werden. Das reicht mir. Mein Garten war meine Heimat.
Ich überlasse Dir, lieber Grünkäppchen, die Auswahl der Lieder für die Trauerfeier in der Kirche. Vielleich trägst Du ja eins von Deinen Liedern vor. Ich wünsche mir noch ein schwedisches Beerdigungslied von Lina Sandell, das auch in Norwegen häufig bei Beerdigungen gesungen wird. Es heißt: Bred dina vida vingar. Ein strenggläubiger Prediger aus Skibotn hat es mir beigebracht. Einen Zettel mit dem schwedischen Text und der deutschen Übersetzung habe ich in mein Gesangbuch gelegt. Lieber Grünkäppchen, nimm ihn bitte heraus und dann leg mein Gesangbuch und meine Bibel mit zu mir in den Sarg. Du, lieber Grünkäppchen, sollst mir auch die Hände falten. Jesus Christus ist meine einzige Hoffnung im Leben und im Sterben. So habe ich es aus dem Heidelberger Katechismus gelernt. In diesem Glauben habe ich versucht zu leben, in diesem Glauben möchte ich auch vor meinen Herrn treten.
Sie, sehr geehrter Herr Pfarrer, möchte ich um einen sehr, sehr großen Gefallen bitten. Könnten Sie die Trauerfeier in der Kirche bereits am Dienstag nach Ostern um 9 Uhr machen, im ´Morgenglanz der Ewigkeit`? Ich möchte, dass mein Trauergottesdienst ein Ostergottesdienst wird, der von Auferstehung und ewigem Leben handelt.
Zum Abschied bleibt mir nichts anderes mehr übrig als `Danke für alles´ zu sagen.
Eure
Edeltraud Omma Eliassen / Oma Trudchen
Dobberkau in der Altmark, den 24. Dezember 2017
P.S.: Ich habe diesem Brief noch einen Lebenslauf beigefügt, der auf meiner Beerdigung verlesen werden soll.“

Der Pfarrer sah den Mann des Beerdigungsinstituts an. Beide nickten. Damit war der Dienstag als Beerdigungstag gesichert. Für die Orgelmusik würden sie sorgen. Aber Grünkäppchen protestierte heftig: „Das kommt gar nicht in Frage, Oma Trudchen! Ich will ein Grab auf dem Friedhof haben, zu dem ich gehen und an Dich denken kann. Sich einfach so aus dem Leben schleichen und auf der ‚Grünen Wiese‘ verbuddeln lassen, als ob es Dich nie gegeben hätte, nein, da mache ich nicht mit. Eine Birke für dich kann ich auch auf einem Friedhofsgrab pflanzen.“ Eine große Träne kullerte über Grünkäppchens Wange. Seine Eltern waren auch empört und der Pfarrer schüttelte auch mit dem Kopf. Es entstand eine fast peinliche Stille. Dann ergriff der Pfarrer das Wort. „Grünkäppchen“, sagte er, „Ich stimme Dir zu. Wir alle stimmen Dir zu. Wofür gibt es Friedhöfe? Sie sind Orte der Trauer und der Erinnerung. Oma Trudchen ist jetzt tot. Wir sollten zwar ihren letzten Willen respektieren, aber wir dürfen auch an uns denken. Wir sind die Hinterbliebenen und Du bist gewissermaßen ihre Familie. Du musst entscheiden, ob wir Oma Trudchens letzten Willen so akzeptieren sollen. Wenn ich Dir einen Rat geben darf, dann würde ich Dir empfehlen, eine traditionelle Beerdigung von der Kirche zum Friedhof zu machen. Eine ordentliche, christliche Beerdigung, so wie es Oma Trudchen verdient hat. Im Trauergottesdienst kannst Du ja erzählen, warum Du einen Ort für Deine Trauer haben willst. Ich bin fest davon überzeugt, dass Oma Trudchen dafür Verständnis hätte. Ich glaube, sie würde sich sogar über ein Grab freuen, das von Menschen, die ihr nahestanden, gepflegt wird.“ „So machen wir es! Oma Trudchen soll ein ordentliches Grab bekommen, mit einer Birke!“ Grünkäppchen fiel ein Stein vom Herzen. Er fühlte Oma Trudchens Lächeln. „Ich organisiere die Sargträger und die Leute, die das Grab ausheben sollen.“ sagte Grünkäppchen. Alles Weitere würden der Pfarrer und das Beerdigungsinstitut in die Wege leiten.
Am Karfreitag läuteten nicht nur in Dobberkau die Glocken, um Oma Trudchens Tod zu verkündigen. In allen Nachbardörfern gab es Glockengeläut. Überall gab es „Lebkuchenkinder“, die Oma Trudchen durch das Glockenläuten in ihrem Dorf die letzte Ehre erweisen wollten. Viele Tränen wurden vergossen und viele, die von Oma Trudchens Tod gehört hatten, machten sich auf, um an der Beerdigung am Dienstag nach Ostern teilzunehmen.
Am Karsamstag klingelte bei Grünkäppchen zu Hause das Telefon. Es war der Pfarrer, der von einem Schreiner aus der Nachbarschaft erzählte, der ein Kreuz für Oma Trudchens Grab fertigen wollte. Grünkäppchen stimmte zu. Auf Oma Trudchens Grab sollte ein großes, weißes Holzkreuz stehen, so wie es in alten Zeiten auf nordischen Friedhöfen Brauch war. Grünkäppchen besorgte sich dann noch ein Stück dunkles Holz, aus dem er ein Herz schnitzte mit der Aufschrift: Oma Trudchen. Das sollte um das Grabkreuz gehängt werden.
Zur Beerdigung am Dienstag nach Ostern kamen so viele Menschen, dass der Platz in der Dobberkauer Kirche nicht ausreichte. Der Gottesdienst musste mit Lautsprechern nach draußen übertragen werden. Aus allen Himmelsrichtungen war die ehemaligen Lebkuchenkinder gekommen, um Oma Trudchen auf ihrem Weg zum Grab zu begleiten.
Nach dem Eingangslied, dem Psalm, der Textlesung und dem Glaubensbekenntnis trat Grünkäppchen ans Lesepult und wollte Oma Trudchens Lebenslauf verlesen, als ein Mobiltelefon klingelte. Grünkäppchen verkniff eine Freudenträne. Es war die Melodie von „O happy day“. Grünkäppchen lächelte und sagte: „Also, Oma Trudchen hätte jetzt gelacht und sich freudig bedankt! O happy day! When Jesus washed my sins away!“ Einige Tränen kullerten, einige Leute mussten verschmitzt lächeln. Die Stimmung wurde leichter. Dann begann Grünkäppchen Oma Trudchens Lebenslauf, den sie dem Abschiedsbrief beigefügt hatte, vorzulesen.
Liebe Freunde!
Ich danke Euch allen für die Zeit, die ich mit Euch verbringen durfte. Ihr wart meine Familie. Und wenn ich Euch jetzt fragen würde: Wer ist Edeltraud Omma Eliassen? Dann würdet Ihr sicher zurückfragen: „Edeltraud wer?“ Ich bin das! Euer aller Oma Trudchen. Ich wurde am 24. Dezember 1942 in Skibotn, nicht weit vom Länderdreieck zwischen Norwegen, Schweden und Finnland, geboren. Ja! Ich bin nur „Beute-Altmärkerin“. Obwohl ich nicht hier geboren wurde, ist die Altmark doch meine Heimat gewesen. Dank Euch. Meine Mutter hieß Vibeke Omma Eliassen und war Samin, daher der samische Name Omma. Sie wurde von einem norwegischen Kollaborateur, dessen Name es nicht wert ist hier genannt zu werden, vergewaltigt. Er kämpfte dann an der Ostfront für die Deutschen und gilt seit 1944 als vermisst. Seit meiner Geburt war meine Mutter deshalb eine Ausgestoßene. Man gab ihr die Schuld an der Schande der Vergewaltigung. Einige sogenannte Patrioten bezichtigten sie sogar der Kollaboration. Der zuständige Pfarrer aus Lyngseidet weigerte sich deshalb sogar mich zu taufen. Darum ging meine Mutter 1945 mit den abziehenden Besatzungssoldaten nach Deutschland. Eine Norwegerin aus dem Nachbarfjord, die während der Besatzungszeit ihren deutschen Mann geheiratet hatte, nahm meine Mutter und mich mit. Das Paar ging ins Ruhrgebiet. Meine Mutter und ich gelangten auf verschlungenen Pfaden in die Altmark nach Dobberkau. Hier fanden wir ein frommes, kinderloses Ehepaar, das die junge Norwegerin mit ihrem Kind aufnahm. Die Eheleute starben Anfang der 50er Jahre. In ihrem Haus durften meine Mutter und ich wohnen bleiben. 1960 starb meine Mutter und ich blieb allein zurück. Im Herbst 1961 versuchte ich meine Familie in Norwegen zu besuchen. Die Türen wurden mir vor der Nase zugeschlagen. Und auch der neue Pfarrer von Lyngseidet wollte nichts mit mir zu tun haben. Ein strenggläubiger Prediger aus Skibotn nahm mich vorübergehend auf. Er schämte sich abgrundtief für seine Landleute. Er erzählte mir von meinen Großeltern, der Besatzungszeit und dem Schicksal der Kinder der deutschen Soldaten. Bei Nacht und Nebel hat er mich im Beisein seiner Ehefrau im Gebetshaus von Skibotn getauft. Er hat mich gelehrt, was es bedeutet Böses nicht mit Bösem zu vergelten. Da ich nicht in Norwegen bleiben konnten, kehrte ich nach Dobberkau zurück, arbeitete in der LPG während der Mauerjahre und wurde in der Altmark heimisch. Meine Haare waren schon in jungen Jahren grau. Und so wurde aus Edeltraud Omma Eliassen eure Oma Trudchen. Das Lebkuchenrezept habe ich übrigens von meiner Mutter. Und so habe ich versucht den Duft von Heimat an die Kinder der Gegend weiterzugeben. Jedes Kind sollte etwas haben, an dem es sich festhalten kann, und wenn es nur der Duft von Heimat und Erinnerungen sind.
Liebe Freunde!
Ich habe gerne bei Euch gelebt. Das Leben war zwar nicht immer einfach, aber es gab auch die fröhlichen Stunden. Ich erinnere mich noch mit Vergnügen an das perplexe Gesicht des Parteisekretärs, als ich mit der norwegischen Taufurkunde gewedelt habe und mich zum Konfirmandenunterricht angemeldet habe. Mit 23 Jahre. Zur Konfirmation habe ich meine ersten Lebkuchenherzen für die Mitkonfirmanden, den Pfarrer, den Organisten und die Festgemeinde gebacken. So wurde ich zu Oma Trudchen, der Lebkuchenoma. Und ich bin es gerne gewesen, auch wenn IM Stoppelkamp, wie ich aus meinen Stasiakten weiß, mich auf Schritt und Tritt überwacht hat. Alles vergeben und vergessen. Mir hat wahrscheinlich geholfen, dass ich nie meine norwegische Staatsbürgerschaft abgelegt habe. Geholfen haben mir auch der Glaube und der Zusammenhalt in der Kirchengemeinde. Und deshalb möchte ich meine Abschiedsworte mit einem Bibelwort aus dem 1. Johannesbrief beenden.
Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott. (1. Joh 4,7)
Lebt wohl!
Nach seinem persönlichen Abschiedsbrief, in dem er der versammelten Trauergemeinde erklärte, warum er sich gegen Oma Trudchens Willen für ein ordentliches Grab auf dem Friedhof entschieden hatte, verlas Grünkäppchen die Übersetzung des Lina-Sandell-Liedes, das sich Oma Trudchen für ihre Beerdigung gewünscht hatte.
1. Breite deine weiten Schwingen, o Jesus, über mir
Und lass mich in Wohl und Wehe stille verweilen bei dir.
Bleib du mein ein und alles, meine Weisheit und mein Rat
Und lass mich alle Tage leben allein aus Gnad!
2. Vergib mir alle Sünden und wasche mich mit deinem Blut!
Gib mir einen heiligen Verstand, einen Willen neu und gut!
Nimm uns alle in deinen Schoß und deine Obhut, Große und Kleine
Und lass uns auch in Frieden zur Ruhe der Nacht gehen!
Danach holte Grünkäppchen tief Luft und begann das Lied auf Schwedisch zu singen.
1. Bred dina vida vingar, o, Jesus över mig
Och låt mig stilla vila i ve och väl hos dig!
Bliv du mitt allt i alla, min visdom och mitt råd
Och låt mig alla dagar få leva blott av nåd!
2. Forlåt mig alla synder och två mig i ditt blod!
Giv mig ett heligt sinne, en vilja ny och god!
Tag i din vård och hägnad oss alla, stora, små
Och låt i frid oss åter till nattens vila gå!
Dann legte er eine rote Rose und das letzte von Oma Trudchens Lebkuchenherzen auf den Sarg. Der Duft von Heimat verbreitete sich in der Kirche, als Grünkäppchen und seine Freunde den Sarg zum Grab trugen. Beim Abschiednehmen, nahm Grünkäppchen seine Mütze ab und warf sie ins Grab. Grünkäppchen war jetzt erwachsen geworden.
Und die Moral von der Geschicht`?
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Matthäusevangelium, Kapitel 5, Vers 7.
P.S.: Das Grabkreuz mit dem von Grünkäppchen geschnitzten Herz sollte noch viele, viele Jahre auf dem Dobberkauer Friedhof stehen. Daneben wucherte eine kleine Birke. Oma Trudchens Grab war immer gepflegt. Das Nachbardorf hieß zwar Möllenbeck und nicht Ribbeck, aber Grünkäppchen pflanze trotzdem ein paar Jahre später einen Birnbaum neben die Birke.

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