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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2017 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 02.12.2017. Rubrik: Total Verrücktes


Der Dichterverbesserer

Rolf war der Schrecken des Kulturredakteurs seiner Lokalzeitung. Mindestens einmal monatlich schrieb der Rentner einen seiner berüchtigten Briefe. Immer begann er artig mit „Sehr geehrter Herr Redakteur“ und schloss mit „Hochachtungsvoll“. Der Text dazwischen jedoch hatte es stets in sich, wie die folgenden Beispiele zeigen:

„Die Lieder ‚Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün‘ und ‚Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus‘ sollten endlich an den Klimawandel angepasst werden, indem ‚Mai‘ durch ‚März‘ ersetzt wird.“

„Gleich zwei Weihnachtslieder tragen den Titel ‚Ihr Hirten erwacht‘. Das ist Unsinn, denn wenn die Hirten erwachen sollen, heißt das, dass sie schlafen. Laut der Bibel hüten sie jedoch ihre Schafe. Statt ‚erwacht‘ empfehle ich daher ‚gebt Acht‘ oder ‚habt Acht‘.“

Nicht einmal der Dichterfürst war vor Rolf sicher:

„Im ‚Osterspaziergang‘ von Goethes Faust heißt es über den Winter: ‚Von dorther sendet er (…) / Ohnmächtige Schauer körnigen Eises (…) / Aber die Sonne duldet kein Weißes‘.

‚Eises‘ reimt sich nicht auf ‚Weißes‘, und außerdem ist ‚kein‘ falsch (richtig wäre ‚nichts‘). Ich empfehle: ‚Von dorther sendet er (…) / Ohnmächtige Eiskorn-Schauer hinunter (…) / Aber die Sonne wünscht es jetzt bunter‘.“

Hier riss dem Kulturredakteur endgültig der Geduldsfaden. Er rief Rolf an: „Das ist doch nur noch lächerlich! Wenn Sie glauben, es besser zu können als Goethe, dann schreiben Sie gefälligst selber ein Gedicht!“

Im nächsten Augenblick bereute er seinen unüberlegten Vorschlag, denn der Rentner antwortete begeistert: „Gern! Worüber denn?“

„Worüber? Äh…“ Der Blick des ratlosen Redakteurs fiel auf den Katzenkalender an der Wand. „Über ein Tier, meinetwegen.“

Zwei Tage später erschien Rolf strahlend in den Räumen der Lokalzeitung und verlangte, den Kulturredakteur persönlich zu sprechen. Dieser wollte sich zunächst verleugnen lassen, aber seine Sekretärin sagte: „Lassen Sie ihn rein, der gibt sonst keine Ruhe.“

Stolz betrat der Rentner daraufhin das Zimmer des Redakteurs, der ihn so kühl wie nur möglich begrüßte, und legte ihm ein Blatt Papier auf den Schreibtisch. In altmodischer Schönschrift standen darauf drei Strophen. Der Redakteur begann, laut zu lesen: „DER PANTHER. Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe –“ und schrie: „Sind Sie jetzt komplett wahnsinnig geworden? Das ist doch von Rilke!“

„Ja, aber Sie haben doch nur gesagt, ich soll ein Gedicht SCHREIBEN. Nicht, dass ich es VERFASSEN soll. Übrigens habe ich es etwas verbessert. In der letzten Strophe hatte die letzte Zeile zwei Silben weniger als in den beiden anderen Strophen. Bei mir heißt es jetzt nicht mehr: ‚und hört im Herzen auf zu sein‘, sondern ‚und hört im tiefen Herzen auf zu sein‘!“

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von metti am 04.12.2017:
Bei Deinen Geschichten freue ich mich immer schon auf die Pointe. Und da war sie wieder und ich musste schmunzeln. Mehr davon. :-)

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