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geschrieben 2020 von Naomi Christina (naomichristina).
Veröffentlicht: 30.07.2020. Rubrik: Nachdenkliches


Wäschetrockenwetter

Es war das perfekte Wäschetrockenwetter. Warm und sonnig, mit einer lauen Brise die verhinderte, dass der Sommertag unangenehm wurde. Die weiße Bluse flatterte zusammen mit der beigen Hose im Wind. Wie Herbstblätter an einem Baum. Die Kleidungsstücke waren so aufgehängt worden, dass sie später wahrscheinlich kaum gebügelt werden mussten. So saubere Wäsche, dass nicht erkannt werden konnte warum sie überhaupt das Innere einer Waschmaschine gesehen hatte. Der Weichspülerduft wurde durch den Wind hinfortgetragen und erzählte den Nachbarsgärten eine Geschichte der Reinheit, während Katherina nur auf die flatternden Textilien starrte. Die 25-Jährige hatte ihr bisheriges Leben nach dem einfachen Prinzip gelebt: Wer etwas erreichen will, muss es sich verdienen. Wer einen Plan hat, wird erfolgreich sein. Menschen, die es zu nichts bringen, strengen sich nicht gut genug an. Ordnung und Plan. Disziplin und Struktur. Taten und deren Folgen. Schwarz und Weiß. Gut und Böse… Gut und Böse. Gut und Böse. Gut und Böse. Wie eine hängengebliebene Schallplatte wiederholten sich ihre eigenen Gedanken in ihrem Kopf.

Ihr Leben lang hatte sie sich angestrengt dort zu sein wo sie jetzt war. Beruflich lief es nach Plan. War sie glücklich? Sie wusste es nicht. Überrascht war sie auf jeden Fall nicht. Überrascht waren Leute, die ihr Leben dem Zufall überließen. Katherina plante alles. In der Schule schon hatte sie sich genau ausgerechnete wie sie zu dem 1er-Abschluss kommen würde, damit sie ihr Traumstudium beginnen konnte. Sie hatte ihr Studium unter der Regelstudienzeit absolviert und sehr gut abgeschlossen und arbeitete jetzt in einer großen Finanzberatung. Katherina war gut in ihrem Job und mit ihrem Alter standen ihr „alle Türen der Welt offen“ - das zumindest hatte ihre Mentorin gesagt. Die 25-Jährige mochte die Arbeit mit Zahlen. Zahlen waren zuverlässig und berechenbar. Wenn man seine Arbeit gut machte, gab es keine unvorhersehbaren Ereignisse. Die gab es nur, sobald Menschen involviert waren. Auf chaotische und planlose Menschen sah Katherina herab. Auch auf zu emotionale Menschen – die anscheinend ihr inneres Gefühlsleben der ganzen Welt preisgeben mussten.

Blut. Überall Blut. Der metallische Geruch hing ihr immernoch in der Nase. Er ging einfach nicht weg. Trotz der dreifachen Parfümbesprühung. Das Weiß der aufgerissenen Augen ging ihr auch nicht mehr aus dem Kopf. Die zerbrochene Flasche mit den scharfen Kanten. Warum, warum konnte sie dieses… ja, Erlebnis nicht einfach zu den anderen Erinnerungen in ihrem Kopf packen? In eine Schublade stecken, die sie nie wieder aufmachen würde. Katherina wusste genau warum das nicht ging. Das heute, das war nicht geplant gewesen. Das war etwas, woran sie nie gedacht, was sie nie geplant und was sie nie wieder vergessen würde. Die Blonde starrte immernoch auf ihre weiße Bluse. Weiß, als wäre sie nicht vor einer Stunde noch mit roten Spritzern übersäht gewesen. Es war als würde das Oberteil sie auslachen. Auslachen weil sie immernoch vor der Wäsche stand und anscheinend nicht so unberührt aussah wie die Kleidungsstücke auf der Leine. Ihr Leben lang hatte sie geglaubt, dass es Schwarz und Weiß gab. Richtig und Falsch. Gut und Böse. War sie jetzt ein böser Mensch? Noch vor 2 Stunden hätte sie das klar beneint. SIE würde niemandem etwas zuleide tun. Doch jetzt wusste Katharina die Antwort auf diese Frage nicht. Ein guter Mensch? Weil sie sich eigentlich nur gewehrt hatte? Aber änderte das Motiv wirklich etwas an der Tat – an den Folgen für den Menschen den es letztendlich traf? Machte eine gute Absicht wirklich einen Unterschied auf das Ergebnis? Im Krieg hatten die einzelnen Soldaten wahrscheinlich auch oft „gute“ Motive. Sie wollten ihr Land beschützen, zurück zu ihren Familien, nicht als Verräter gelten… Aber das änderte nichts für die Menschen, die erschossen zu Boden sanken.

Katherina sank zu Boden. Alles drehte sich. Es war als würde sie den Boden unter den Füßen verlieren. Die kühle Hauswand hinter ihr presste sich an ihr Rückrat. Das war etwas was sie immer gehabt hatte. Rückrat. Sie stand zu ihren Worten und Taten. Das würde sich wohl ab heute ändern… oder? Was sie getan hatte, durfte nie jemand erfahren. Ins Gefängnis oder vor Gericht konnte sie nicht gehen. Das würde ihren ganzen Lebensplan durcheinander bringen – abgesehen von der Scham die sie alleine bei dem Gedanken empfand. Dass ihr Leben eigentlich jetzt schon durcheinandergeraten und nie mehr das Selbe sein würde, wusste sie. Katherina hatte das erste Mal die Kontrolle verloren und wusste weder was sie tun sollte, noch was als Nächstes kommen würde.

Perfektes Wäschetrockenwetter. Wenigstens die Wäsche war gleich wieder sauber und trocken. Ohne eine Spur der Vergangenheit zu hinterlassen. Als wäre nichts geschehen. Als hätte sich Katherina einfach Kaffee im überfüllten Hauptbahnhof übergeschüttet. Mehr nicht.

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