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4xhab ich gern gelesen
geschrieben von Michael Braun.
Veröffentlicht: 12.08.2020. Rubrik: Nachdenkliches


Letzter Ausblick

Der alte Mann schleppte sich keuchend den Weg zu dem Hügel hinauf. Immer wieder musste er zwischendurch Pausen einlegen. Aber oben angekommen, hatte er einen wunderbaren Ausblick über den gesamten See und die ihn umgebende Landschaft.
An diesem Ort hatte er Hedwig vor knapp sechzig Jahren seinen Heiratsantrag gemacht, aber nun war er alleine hierher zurückgekehrt. Die Urne mit ihrer Asche hatte er in einem Rucksack mitgebracht.
"Du musst immer nach vorne schauen. Nie zurück!", war der Lieblingsspruch seines Vaters gewesen. Aber während man älter wird, verengt sich der Blick nach vorne tunnelartig, und der Rückblick gewinnt immer mehr an Panorama.
Der Alte wartete geduldig bis sich der Wind von den Bergen abdrehte und in Richtung See wehte, dann holte er die Urne heraus, flüsterte ein leises Adieu und ließ die Überreste seiner geliebten Frau ins Tal hinunter tragen. Dann genoss er den letzten Sonnenuntergang seines Lebens.
Ein junges Wanderpaar, dass den Alten an diesem Abend aus der Ferne gesehen hatte, berichtete den ermittelnden Beamten am nächsten Tag, sie könnten schwören, dass er dort oben nicht alleine gewesen war. Sie seien sich sicher, eine ältere Dame neben ihm gesehen zu haben, die ihn liebevoll umarmt hätte.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 13.08.2020:
Interessante Geschichte. Wieso war es der letzte Sonnenuntergang seines Lebens? Wollte er Hedwig folgen oder ist er verunglückt..... Darüber kann man grübeln.




geschrieben von Michael Braun am 14.08.2020:
Das habe ich extra offen gelassen :) Ich würde allerdings die Prognose "gebrochenes Herz" einem Suizid vorziehen.




geschrieben von Christine Todsen am 16.08.2020:
Einen Suizid vermute ich nicht. Aber auch kein „gebrochenes Herz“ in dem Sinn, dass er deswegen nicht hätte weiterleben können. Er GENOSS ja seinen letzten Sonnenuntergang (dass es der letzte war, sagt der Erzähler, nicht er selbst). Dass er der Asche Adieu sagte, weist für mich darauf hin, dass er KEIN schnelles „Wiedersehen“ mit Hedwig anstrebte oder erwartete. Meiner Meinung nach starb er an Altersschwäche und Überanstrengung („schleppte sich keuchend hinauf“), gepaart mit Trauer. Aufgrund des letzten Absatzes hätte die Geschichte übrigens auch in die Rubrik „Grusel und Horror“ gepasst… Gern gelesen.




geschrieben von Michael Braun am 16.08.2020:
Vielen Dank. Stimmt, "gebrochenes Herz" impliziert eher Leid und Schmerz. Vielleicht war der Mann - nachdem er den letzten Wunsch seiner Frau erfüllt hatte - dazu bereit diese Welt zu verlassen ... los zu lassen.

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