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2xhab ich gern gelesen
geschrieben von Weißehex.
Veröffentlicht: 19.08.2020. Rubrik: Grusel und Horror


Almas größter Wunsch

Alma wuchtete sich mit einem gequälten Stöhnen aus ihrem Sessel hoch. Constanze hatte geklingelt, und es gab kein Entkommen. Ihre Schwester würde ihr keine Ruhe lassen, ehe sie nicht mit ihr auf dem Jahrmarkt gewesen war.
„Muss das sein?" hatte Alma am Telefon gejammert. „Du weißt, wie ich aussehe. Ich habe keine Lust, meine 130 Kilo durch die Gegend zu schleppen und mich blöd angaffen zu lassen."
„Du musst dringend raus", lautete Constanzes Erwiderung. „Wenn du weiter nur daheim sitzt, stopfst du immer nur mehr Essen in dich rein. Da nimmst du nie ab. Es tut dir sicher gut, dich mal abzulenken." Nach einigem Hin und Her ließ Alma sich überreden, auch weil sie seit ihrer Kindheit eine Schwäche für den Jahrmarkt hatte. Sie liebte die vielen Schaubuden, die Karussell, die vielen blinkenden Lichter am Abend und vor allem den Duft nach gebrannten Mandeln und Zuckerwatte. Natürlich kam es heute nicht in Frage, sich eine Leckerei zu gönnen. Alma wollte sich nicht dem missbilligenden Blick ihrer Schwester aussetzen. Wie schön wäre es, so schlank wie Constanze zu sein, sich darüber keine Gedanken machen zu müssen und sich attraktiv zu fühlen! Und vielleicht würde Dietmar aus der Beschwerdeabteilung, gegenüber von Almas Büro, auch nicht mehr den Blick abwenden, wenn sie vorbei ging. Bei dem Gedanken bekam Alma glänzende Augen.
„Schau mal! Dort hinten ist eine Wahrsagerin! Weißt du was, da gehen wir hin." Constanze hakte sich bei Alma ein und zog sie in Richtung des Zeltes, auf dem in großen Buchstaben „Madame Rosalie, die große Wahrsagerin" stand. „Lassen Sie sich die Zukunft vorhersagen! Madame Rosalie kennt Ihre Zukunft!"
Und darunter stand, wesentlich kleiner, aber trotzdem noch gut lesbar: „Für Leute, die sich trauen: Eintauchen in geheimnisvolle Welten! Madame Rosalie, Ihr Medium! Erst ab 18 Jahre."
„Das ist doch Mumpitz", wehrte Alma ab.
„Ach komm schon! Ich bezahle auch."
Und ehe Alma sich versah, fand sie sich im Zelt der Wahrsagerin wieder.
Madame Rosalie hatte langes schwarzes Haar und trug riesengroße Ohrringe in Form eines Reifens. Sie war groß und dünn. Ihr langer grüner Rock raschelte beim Gehen. Zur Begrüßung streckte sie ihren Besucherinnen die Hand hin. „Sie wollen Ihre Zukunft wissen?"
„Ich will wissen, ob ich schlank werde", platzte Alma heraus und machte sich darauf gefasst, ein Kichern zu hören. Doch Madame Rosalie lachte nicht. „Sie machen eine Diät? Dann werden Sie bald schlank sein!"
„Das meinte ich nicht. Ich will nicht monatelang hungern. Ich will einfach nur schlank sein. Ich würde auch alles dafür tun...."
„Außer eine Diät machen", kam es von Constanze. „Mach dich doch bitte nicht lächerlich."
„Sie würden alles dafür tun?" Madame Rosalie schaute Alma forschend an.
„Ich würde einen Pakt mit dem Teufel eingehen", bekräftigte Alma und musste grinsen, als Madame Rosalie bei diesen Worten erschauerte. „Die nimmt ihre Rolle aber ernst", dachte sie.
„Ich hoffe, er hat Sie nicht gehört. Ich arbeite normalerweise nicht mit dem Teufel zusammen."
Alma wollte bei diesen Worten eigentlich loskichern, doch als sie Madame Rosalie ins Gesicht schaute, blieb ihr das Lachen in der Kehle stecken. Madame Rosalie war totenblass geworden.
„Das war natürlich Unsinn", sagte Alma. „An einen solchen Quatsch glaube ich nicht wirklich." Sie sah zu Constanze hinüber.
„Ich auch nicht", stimmte sie ihr zu.
In diesem Moment blies ein heftiger Windstoß durch das Zelt, das ohnehin schon schwache Licht flackerte und ging dann ganz aus.
„Er hat Sie gehört", flüsterte Madame Rosalie. „Er hat einen Unterhändler geschickt." Das Licht ging wieder an und mit Madame Rosalie ging eine seltsame Veränderung vor sich. Ihr Blick wurde starr, der Kopf fiel zurück und aus ihrer Kehle ertönte ein schauerliches Lachen, das nichts mit einem menschlichen Lachen gemeinsam hatte und Alma durch Mark und Bein fuhr. Sie hätte gerne in Constanzes Richtung geblickt, um zu sehen, ob es ihrer Schwester genauso ging, doch etwas hielt sie davon ab, woanders als zu Madame Rosalie hin zu schauen.
Ein Krächzen kam aus ihrer Kehle, danach ein Gurgeln und ein Rauschen und schließlich war eine Stimme zu vernehmen: „Die Besucherin will einen Pakt?" Bei dieser Frage zeigte Madame Rosalie - in einem Zustand der Trance - auf Alma. „Antworte!"
„Jjjjaaaa.... ", stotterte Alma, die von dem Schauspiel gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen war.
„Du verkaufst deine Seele an den Teufel, wenn dein großer Wunsch erfüllt wird? Wenn du abnehmen wirst, ohne zu hungern?"
„Ja." Diesmal bemühte Alma sich, ihre Stimme fest klingen zu lassen.
„Noch Fragen?"
„Nein."
„Der Pakt ist geschlossen!" verkündete die Stimme und nach diesen Worten blies wieder ein Windstoß durch das Zelt, das Licht ging aus und wieder an und Madame Rosalie sank auf einen Stuhl. Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Es tut mir leid", flüsterte sie. „Ich konnte es nicht verhindern."

„Das war ja mal ein Auftritt", bemerkte Constanze, als sie wieder draußen waren.
„Du glaubst, das war nur Show?"
„Bestimmt. Aber nicht schlecht gemacht, es sah echt gruselig aus."
„Jetzt holen wir uns erstmal ein Eis", schlug Alma vor. „Und danach Zuckerwatte und kandierte Äpfel."
„Wolltest du eben nicht noch unbedingt abnehmen?"
„Ja, aber dafür brauche ich doch jetzt nicht mehr zu hungern. Das hast du doch gehört." Und flugs eilte Alma zum Eisstand. Das Kopfschütteln ihrer Schwester übersah sie geflissentlich.

Am nächsten Morgen stieg Alma auf die Waage und traute ihren Augen nicht: 128 kg wurden angezeigt.
„Der Pakt scheint zu wirken", sagte sie laut vor sich hin.
Am nächsten Morgen zeigte die Waage 126 kg an, am übernächsten Morgen 123. Alma nahm stetig ab, obwohl sie sich nicht im geringsten Mühe gab, weniger zu essen. Zwei Monate später hatte sie 30 kg abgenommen. Alle Bekannte machten Komplimente und Dietmar aus der Beschwerdeabteilung schaute nicht mehr weg, wenn Alma in sein Blickfeld geriet, sondern sehr genau hin. Aber Alma war die Lust vergangen, etwas mit ihm anzufangen. Sie fühlte sich nicht gut; obwohl sie ganz normal oder sogar eher zuviel aß, hatte sie Kreislaufprobleme, Kopfschmerzen und zu nichts mehr Lust. Am liebsten verkroch sie sich in ihrer Freizeit zu Hause - wie früher auch schon, nur ließ sie sich jetzt von nichts und niemand mehr herauslocken, auch nicht von Constanze, die sie immer wieder mit Ausreden am Telefon abwimmelte.
Vier Monate später wog Alma nur noch 45 kg, und die Waage zeigte immer noch jeden Tag weniger an. Zwei Wochen später waren es nur noch 40 kg. Wenn Alma sich im Spiegel anschaute, sah sie ein eingefallenes Gesicht, strähnige Haare und müde Augen. An ihrem Körper schlotterten die Kleider herunter. Alles war ihr zu groß geworden.
Schließlich wurde Alma zu ihrem Chef bestellt und ihr nahegelegt, einen Arzt aufzusuchen. Man mache sich Sorgen. Alma nickte, versprach es und der Chef schickte sie früher nach Hause. Dort angekommen, stellte sie sich vor den Spiegel.
„Ich habe es jetzt satt!" rief sie laut. „Ich will nicht mehr abnehmen!"
Der Spiegel antwortete nicht.

Fünf Monate später starb Alma. Viele Leute kamen zu ihrem Begräbnis. Unter den Trauergästen war auch eine große dünne Frau mit langem schwarzem Rock und einem schwarzem Kopftuch, unter dem Ohrringe hervorlugten.
Sie hatten die Form eines Reifens.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Christine Todsen am 19.08.2020:

Schön gruselig! Jetzt KÖNNTE man philosophieren (damit würde man vermutlich niemals fertig!): „Das Ganze spielt offenbar nicht zur Coronazeit, denn da gibt’s keinen Jahrmarkt > kann man da sagen, Corona hätte Alma vor diesem Schicksal bewahrt?“




geschrieben von Weißehex am 20.08.2020:

Freut mich, dass es gruselig geworden ist :-) ich hatte tatsächlich daran gedacht, eine Jahreszahl, z. B. 2019, drüber zu schreiben, damit der Leser weiß, dass Corona in der Geschichte nicht vorkommen kann. Ich habe es dann doch nicht gemacht, weil ja irgendwann und hoffentlich bald die Zeiten, wo man unbeschwert auf Jahrmärkte gehen kann, wieder kommt. Aber Alma wäre so oder so etwas Gruseliges passiert :-)

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