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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 21.09.2020. Rubrik: Lustiges


Das fehlende Jawort

Nein, dieser Text handelt nicht von einem/einer Heiratswilligen, dem/der im letzten Moment das Jawort verweigert wurde.

Vielmehr befasst er sich mit einem linguistischen Phänomen. (An alle, denen dies zu langweilig ist: bitte trotzdem weiterlesen – ganz zum Schluss geht’s doch noch ums Heiraten.)

Zu den am schwersten zu lernenden Sprachen gehören zweifellos die keltischen. Von ihnen gibt es heute noch sechs: Irisch, Schottisch-Gälisch, Manx, Walisisch, Kornisch und Bretonisch. Wobei Manx (auf der Insel Man) und Kornisch (in Cornwall) bereits ausgestorben waren, jedoch in letzter Zeit wiederbelebt wurden.

Die Schwierigkeit dieser Sprachen liegt unter anderem an den sogenannten Anlautmutationen. Beispiel Walisisch: Caerdydd ist der Name der Hauptstadt Cardiff, aber ‚nach Cardiff‘ ist i Gaerdydd, ‚in Cardiff‘ yng Nghaerdydd‚ ‚und Cardiff‘ a Chaerdydd!

Mutationen gibt es in allen sechs Sprachen, doch ihre Anzahl ist unterschiedlich. Die meisten, nämlich vier, hat Bretonisch. Dennoch würde ich jedem Deutschsprachigen, der sich an eine keltische Sprache heranwagen möchte, Bretonisch empfehlen. Nicht nur, weil die Bretagne von Mitteleuropa aus am leichtesten zu erreichen ist, sondern auch, weil ihre Sprache gegenüber den anderen einen ganz enormen Vorteil hat: ‚ja‘ heißt ya, was genauso ausgesprochen wird wie das deutsche Wort.

Aber es ist keinesfalls die einfache Aussprache von ya, die das Bretonische als Einsteigersprache qualifiziert. Sondern die Tatsache, dass diese Sprache überhaupt ein Wort für ‚ja‘ hat. Das haben die anderen fünf nämlich nicht.

Oder vielmehr: sie haben eine Unmenge Wörter dafür, je nachdem, wie eine Frage formuliert ist. Fragt man auf Walisisch: „Bist du…?“, muss man mit einem Wort antworten, das „Ich bin“ bedeutet. Entsprechend: „War er…?“ – „Er war“ und so weiter. Ist das Fragewort ein Verb im Imperfekt, z.B. „Ging er…?“, lautet die bejahende Antwort Do, bei Fragen der Art „Warst du dort?“ lautet sie Ie. Das sind nur einige wenige(!) Beispiele. Als Nicht-Muttersprachler kann man meistens gar nicht so schnell die Struktur der Frage erkennen, geschweige denn das passende Wort finden. Ein Trick ist, sich ein paar Ersatzwörter zu merken mit den Bedeutungen „So ist es!“, „Natürlich!“, „Genau!“ und was man sonst anstelle von Ja sagen kann.

Jetzt höre ich einige Leser schon fragen: „Wie ist es denn mit Nein?“ Antwort: eigentlich genauso. Beispiel: wenn man für ‚ja‘ do bzw. ie sagt, heißt ‚nein‘ naddo bzw. nage. Doch da die Verneinungen allesamt mit na anfangen, ist es inzwischen gestattet, für ‚nein‘ immer das Wort na zu benutzen!

Nun aber wie versprochen noch einmal zum Thema Heiraten. Sollte dieser Text von einem Ehemuffel m/w/d gelesen werden, der von einer heiratswütigen Person verfolgt wird und gern das Jawort vermeiden möchte, so sei hiermit die Warnung ausgesprochen, dass eine Flucht nach Irland, Schottland, der Insel Man, Wales oder Cornwall das Problem nicht lösen würde. Denn natürlich kann man auch dort getraut werden. Statt ‚Ja‘ sagt man zum Beispiel auf Walisisch Gwnaf („Ich will es tun“)!

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