Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
3xhab ich gern gelesen
Diese Geschichte ist auch als .pdf Dokument verfügbar.
geschrieben 2020 von Timo Jäckel (Navarone).
Veröffentlicht: 27.10.2020. Rubrik: Nachdenkliches


Auf Fotos lächeln sie immer

Laut stöhnend spritzte er auf Ihre Brüste. "Ja, du kleine Nutte," presste er heraus.
Anni lag dort, durchgeschwitzt, mit schmerzendem Oberschenkel.
Sie hatte sich beim Sport etwas gezerrt. Trotzdem gab sie sich größte Mühe auszusehen als würde sie vor Wollust zerfließen. Sie presste die Lippen zusammen und stöhnte als wäre das das geilste, was sie je erlebt hatte. "Ja, spritz mir auf die Titten." Zum Glück teilen sich Schmerzen und Orgasmen im Porno in etwa die selbe Mimik.
Dann war es vorbei. Sie leckte sich das Sperma von den Brüsten und ließ es aus den Mundwinkel fließen.
"Ja, wir haben's, geht euch waschen, Morgen drehen wir die Schreibtischszene," ließ ein Fetter Typ verlauten, der gelangweilt auf einem Klappstuhl saß und mit dem Handy spielte.

Anna stand auf und ging, noch immer etwas humpelnd, in das kleine Bad. Der Fremde hatte sich wortlos unter die Dusche verzogen, also blieb Anna wieder nur das Waschbecken.
Sie würde sich Zuhause richtig duschen. Sie fühlte sich wieder etwas apathisch, wie immer nach der Arbeit. Sie wusch sich das Sperma ab und starrte in den Spiegel, während neben ihr die Dusche rauschte.
Es brannte ihr wieder zwischen den Beinen, auch, wenn sie wusste, dass das normal ist, wenn man vier Stunden lang nicht gerade sanften Sex mit mehreren unterschiedlichen Typen hatte, die allesamt Fündundzwanzig cm Schwänze hatten. Doch jedes Mal wieder dachte sie an Clamydien, sie wusch sich vorsichtig mit einem Waschlappen, der anschließend kleine Blutflecken hatte.
Der Mann war fertig mit dem Duschen und trat heraus, sein Schwanz war noch immer halbhart, blöde Pillen. Er sah auf den Waschlappen und sagte unverwandt: "Wenn ich das war, tut's mir Leid," drehte sich zur Tür und verließ das Badezimmer und Annas leben. Anni würde ihn wahrscheinlich bei irgendeinem Dreh wiedersehen, vielleicht aber auch nicht.
So oder so hatte Anni Feierabend und Anna ging nach Hause.
Sie sah noch einmal in den Spiegel und dachte daran, wieviel Angst ihr das alles gemacht hatte als sie neu im Geschäft war, doch jetzt war eine blutende Vagina und dieses ungute Gefühl der Entmenschlichung reine Routine.
Auch sie verließ das Set wortlos, warf aber einen Blick in das Zimmer in dem die nächste Szene gedreht werden sollte.
Einer bekam keinen hoch und der Regisseur war aufgebracht. Das junge Mädchen, das grade seinen achtzehnten Geburtstag gefeiert haben musste, saß auf dem Bett und starrte auf ihr Handy. Sie kaute Kaugummi und machte kleine Blasen.
Sie war wohl etwas abgeklärter als Anna als sie angefangen hatte.
Anna fuhr in der S-Bahn nach Hause, wer braucht schon ein Auto in Hamburg. Sie saß dort und starrte ins Leere. Trotzdem entgang ihr nicht, dass ein junger Mann ein Foto von ihr machte. Offenbar hatte er einen Film von ihr gesehen. Welcher war es wohl? Sie hatte soviele Szenen gedreht, dass sie sich an die Hälfte nicht mehr erinnern konnte. Das Foto würde wohl auf Twitter landen. Ob er ein widerliches Meme daraus machte?
Es war ihr unangenehm, dass er ein Foto machte, in ihrer Traumwelt hatte Anna Sockot, nichts mit Anni Love, ihrem Porno – Ich zu tun. Grade die jungen Männer sahen das aber nicht so. Die Meisten, die ihre Filme gesehen haben, sahen sie mit einem kurzen Blick an um dann auffällig unauffällig woanders hinzusehen.
Doch für die jungen Leute waren Pornos nicht schambehaftetes mehr, Sie zeigten die Fotos herum, teilten sie auf Twitter, sprachen sie an und betatschten sie.
Sie war ein Clown den man Ficken darf.

Post. Anna war Zuhause und hatte den Briefkasten geleert. Ein kleiner Stapel Briefe sprang dabei heraus. Einige für Anna Sockot, meist Rechnungen und einige für Anni Love, meist Vorwürfe, Drohungen oder Liebesbriefe. Letztere las Sie tatsächlich manchmal und redete sich dabei ein, dass sie nicht an Anni, sondern an Anna waren und sie jemand lieben würde.
Die Briefe an Anni gingen an ihre Agentur und wurden ihr von dortaus zugestellt. Anna hasste die meisten dieser Briefe, doch Anni liebte sie zum Teil.

Geduscht und einen Bloody Mary eingeschenkt; Nun saß sie am Tisch. Heute war einer dieser Tage an denen sie erst Annas und dann noch Annis Briefe las.
Mit Annas Briefen war sie schnell fertig.
Annis Briefe:

Absender: Frank donau

Liebe Anni,
endlich finde ich den Mut dir zu schreiben. Ich habe alle deine Videos gesehen.
Die anderen sehen nur einen Pornostar in dir, doch ich sehe mehr. Deine Augen sagen soviel zu mir, du blickst so tief in meine Seele und ich sehe was diese Männer mit dir tun und es ist schrecklich für mich. Ich würde dich gerne treffen und ich würde dir gerne helfen.
Das ist mir noch nie passiert, doch ich glaube ich habe mich in dich verliebt ohne dich je persönlich getroffen zu haben. Bitte Antworte mir und wir sehen wo unsere gemeinsame Reise hingeht.

In Liebe,
Dein Frank.

Sie nahm einen Schluck von ihrer Bloody Mary und dachte drüber nach. Sie hatte schon soviele solcher Briefe bekommen, doch niemals geantwortete, auch wenn sie an besonders schwarzen Tagen schon öfter in Versuchung war.
Sie wusste, dass dieser man wahrscheinlich irgendein armer Perverser war, der so vereinsamt ist, dass er Briefe an Pornodarstellerinnen schrieb. Diese Menschen sind zu so vielem in der Lage, dass sie aus Angst niemals antworten würde.
Auch, wenn er wahrscheinlich nicht vereinsamter war als sie. Doch sie wusste, dass sie sich nichts antat. Er hatte ihr mit seinem Brief schon etwas angetan, weil er die scharfe Grenze zwischen Anni und Anna übertreten hatte und so ein gefährliches Ungleichgewicht geschaffen hatte. Doch wie konnte sie ihm das Vorwerfen, sie übertrat diese Grenzen ja auch regelmäßig, indem sie sich Annis post durchlas.


Absender: Sandra Fallustow - Femistischer Freuenbund

Als sie den Absender laß nahm sie sich erstmal einen zweiten Drink, denn sie hatte eine Ahnung was auf sie zukam. Briefe von Feministen waren immer eine Sache für sich. Denn je nach Organisation erwartete sie zuspruch, Vorwurf oder Hilfsangebote.

Sehr geehrte Frau "Love",

Wir schreiben Ihnen unter ihrem Pseudonym, da wir ihren tatsächlichen Namen nicht in Erfahrung bringen konnten.
Seit Jahrhunderten kämpfen Frauen für ihre Rechte, und seit den 50er Jahren machen wir auch nennenswerte Fortschritte das Bild der Frau in der Gesellschaft und vor dem Gesetz stärken zu können. Wir bauen vergangene Klischees ab, klagen unsere Rechte durch und arbeiten auf höchsten Instanzen, für eine gerechtere Gesellschaft.

Anna nahm einen Schluck und dachte: "Zum Glück wir brauchen euch." Anni, nahm den selben Schluck: "Toll seid ihr, zahlt ihr mir auch ein Gehalt?"

Doch müssen wir Ihnen sagen, dass Frauen in ihrem Gewerbe eben in diesem Kampf unterwandern, da sie das veraltete Bild der Frau, mit der Männer machen können was immer sie wollen unterstützen und Männern auf der ganzen Welt recht geben. Denken Sie doch bitte über Ihre Prioritäten nach, denn sie verkaufen nicht nur sich, sondern jede junge Frau die von einem emanzipierten und freien Leben Träumt.

Anna hatte schon viele dieser Briefe gelesen, formelle aber dennoch verletzende Beleidigungen und Vorwürfe. Sie hatte sich das alles im übrigen auch anders vorgestellt. Ihre Laune besserte sich nicht aber dieser Zug war für Heute auch schon abgefahren.
Anni hatte auch schon viele dieser Briefe gelesen und ließ sich nicht mehr beeindrucken: "Ein freies Leben in dem ihr mir vorschreibt, welchen Job ich zu machen habe, ja?"

Absender: Praxis Dr. Dustus

Terminerinnerung:

Der letzte Test auf sexuell übertragbare Krankheiten ist drei Monate her.
Sie baten uns um Erinnerungen alle drei Monate.
Melden Sie sich bitte bei uns um einen Termin zu vereinbaren.

Ein Brief für Anni oder Anna? Auch, wenn sich ihre Persönlichkeiten geteilt haben, teilten sie sich doch den selben Körper.

Absender: Sandra Heinke

An die dumme Schlampe,

die meine Ehe auf dem Gewissen hat. Schlampen wie du kotzen mich an. Mein Mann hatte eine ganze Festplatte voll mit euren Filmchen. Habt ihr keinerlei Gewissen? Ihr verführt gute Männer dazu sich euren Mist anzugucken.
Mein Mann war einer von den Guten aber ihr habt ihn auf die widerlichsten Ideen gebracht.
Ich hoffe ihr stirbt an AIDS, besonders du, du dumme Fotze.

VERRECKE

Eine Nachricht, die Anna einen Stoß versetzt hat. Sie wollte keine Ehen zerstören, sie wollte nur ihr Geld verdienen.

Anni: "Ach, deren Ehe war vorher schon im Arsch, sonst hätte der sich das gar nicht angeguckt. Stell dir mal vor, wie sie sich wütend eine Briefmarke kauft.
Und warum soll die denn haben, was du niemals kriegen wirst?"

Sie öffnete den letzten Brief; Broschüren.

Absender: Jehovas Zeugen

Anna nahm einen kleinen Stapel Broschüren raus und begann zu lesen. Die Quintessenz in Kürze.
Anni ist eine verführerin, doch sie kann jeder Zeit umkehren, wenn sie Gott annimmt und natürlich den Zeugen Jehovas beitritt.
Auf den Bildern sind alle so Glücklich. Doch Leute lächeln meistens auf Bildern, sie selbst ja auch.

Sie lehnte sich zurück und die Welt drehte sich schneller, wegen der Bloody Marys.

Anni:" Gucken wir jetzt noch auf Twitter; was ab geht?"

3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Anon4Lulz am 15.12.2020:

Wow - Ich mache gerade NoFap und wollte gerade reagieren und aufhören zu lesen, da bemerke ich worauf die Geschichte hinaus will... Zum Glück habe ich weiter gelesen! Wie bist du darauf gekommen, dass zu schreiben?




geschrieben von Weißehex am 17.12.2020:

Hallo Timo Jäckel, eine wirklich tolle Geschichte, klasse geschrieben! LG Weißehex

Weitere Kurzgeschichten:

Die Internationale Corona-Konferenz
Sempre Sempre to... das ist der Zauber der Musik!
Der ABCD-Club in der Coronazeit