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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Weißehex.
Veröffentlicht: 29.10.2020. Rubrik: Grusel und Horror


Lucys Entlassung 🦇

Eine Stadt in Illinois, 30. Oktober 2019

Lucy nahm das Gewehr aus dem Schrank. „Ist es nicht zu groß?", dachte sie, während sie es sachte anhob und auf ein imaginäres Ziel richtete. Evan würde wissen, was sie vorhatte, ehe sie auch nur einen Schuss würde abfeuern können. Oh, wie sie ihn hasste! Waren überhaupt Kugeln im Lauf? Sie schaute nach. Ja, tatsächlich. Das Magazin war voll. Sie würde alle abfeuern... Eins, zwei, drei... Alle sechs... Zwei Kugeln für all die Schläge, denen sie nicht ausweichen konnte. Zwei für die gebrochene Nase vor einem halben Jahr. Zwei dafür, dass er sie regelmäßig einschloss und dafür sorgte, dass sie niemanden benachrichtigen konnte. Wahrscheinlich - nein bestimmt - hatte er nicht damit gerechnet, dass sie das Gewehr finden würde. Und schon gar nicht damit, dass sie es benutzen würde. Peng... Peng.. Peng... Peng... Peng... Peng...
Erschrocken fuhr sie auf. Es war immer derselbe Traum. Immer wieder durchlebte sie das Geschehen von damals, wie sie ihren Ehemann erschoss. Während der ganzen Jahre im Gefängnis war der Traum regelmäßig wiedergekehrt, jede Woche einmal. Daran hatte sich auch nichts geändert, als Lucy erfuhr, dass sie in diesem Jahr noch entlassen werden sollte, am 30. Oktober, drei Monate früher als vorgesehen. Lucy wusste gar nicht genau, warum. Vielleicht brauchten sie im Gefängnis einfach Platz.
Lucy sank zurück auf das Kissen. Egal, ob der Traum immer wiederkehrte oder nicht - ab morgen war sie frei. Und Evan war tot, so tot, wie man nur sein konnte.

Am nächsten Tag wurde sie von ihrem Bruder David abgeholt.
„Danke, dass ich bei euch wohnen darf", brachte Lucy heraus.
„Bedank dich bei Helen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich dir eine eigene Wohnung besorgt. Helen meinte, das sei zu schwer für dich."
Daraufhin sagte Lucy nichts mehr.
Helen, 20 Jahre jünger als ihr Mann, war hochschwanger. Sie nahm Lucy in den Arm und küsste sie.
„Herzlich willkommen, Liebes."
Als Lucy nichts erwiderte, lächelte sie. „David war nicht begeistert von meiner Idee, das stimmt schon. Aber ich habe zu ihm gesagt, dass du deine Strafe abgesessen hast und er dir vergeben soll. Bis du auf eigenen Füßen stehen kannst, hast du bei uns ein Zuhause."
„Und ihr demnächst einen kostenlosen Babysitter", schoss es Lucy durch den Kopf.
„Du musst jetzt nichts sagen", fuhr Helen fort. „Ich kann mir denken, wie schwer das alles für dich ist. Komm mit, ich zeige dir dein Zimmer."

Peng... Peng... Peng...Peng... Peng... Peng...
Auch in der ersten Nacht in Davids und Helens Wohnung kehrte der Traum wieder. Lucy wachte auf und hielt sich die Ohren zu. Würde sie nie ihren Frieden finden? Hatte sie nicht gebüßt, zählten die vielen Jahre im Gefängnis nichts? Sie hatte jahrelang nicht geweint, aber in dieser Nacht ließ sie ihren Tränen freien Lauf.
Am nächsten Tag erschien sie nervös und mit roten Augen am Frühstückstisch. David war schon zur Arbeit aufgebrochen. Helen sah sie an und erschrak. „Geht es dir gut?"
Lucy schüttelte den Kopf. „David hat recht. Ich werde mir eine eigene Wohnung suchen. Ich bin eine Zumutung für euch."
„Blödsinn!" Helen schenkte ihr Kaffee ein und wartete ab, bis Lucy einen Schluck davon getrunken hatte. „Du bleibst erstmal hier", sagte sie dann bestimmt. „Übrigens, würde es dir etwas ausmachen, heute Abend alleine zu bleiben? David und ich sind auf eine Halloween-Party eingeladen und haben schon vor Wochen fest zugesagt. Wahrscheinlich ist es auch das letzte Mal vor der Geburt, dass ich noch einmal in aller Ruhe ausgehen kann. Aber wenn es dir lieber ist, bleibe ich hier."
Lucys Lebensgeister erwachten. „Kommt gar nicht in Frage!", protestierte sie und brachte ein Lächeln zustande. „Das wäre ja noch schöner, wenn ihr euch wegen mir den
Abend verderben würdet."
„Du kannst natürlich auch ausgehen, wenn du magst. Ich gebe dir den Haustürschlüssel", bot Helen an und sah Lucy erstaunt an, als diese bei dem Wort „Haustürschlüssel" zusammenzuckte. Evan hatte ihr ihn damals weggenommen und dieser Geste mit ein paar Schlägen Nachdruck verliehen.
„Nein, ich bleibe lieber hier."
„Natürlich, wie du möchtest". Helen schob ihr den Brötchenkorb hin. „Greif erstmal zu", forderte sie ihre Schwägerin mit einem Lächeln auf. Scheu lächelte Lucy zurück.

Am Abend schaute sie Helen, die sich als Hexe verkleidete, beim Kostümieren und Schminken zu.
„Du siehst wirklich toll aus!"
„Danke, Liebes."
„Als was geht David denn?" Lucy hatte ihren Bruder nur flüchtig gesehen, als er von der Arbeit kam. Seitdem war er in seinem Schlafzimmer verschwunden.
„Als mein schwarzer Rabe. Da braucht er nur einen Umhang und das reicht. Warum er so lange braucht, um sich umzuziehen, ist mir ein Rätsel."
Lucy lachte, obwohl sie sicher war, dass David sich wegen ihrer Anwesenheit nicht blicken ließ.
„Und was macht du heute Abend?", fragte Helen.
„Fernsehen schauen. Es kommen ein paar Gruselfilme, einer mit Bette Davis. Ich liebe Bette Davis."
„Ja, sie ist toll. Viel Spaß!"
Eine halbe Stunde später verließen David und Helen die Wohnung. Erleichtert, endlich alleine zu sein, setzte Lucy sich vor den Fernseher.
Der Film „Sweet Sweet Charlotte" hatte gerade begonnen, als es an der Tür klingelte. Lucy überlegte, ob sie öffnen sollte. Das waren sicher Kinder, die „Süßes oder Saures" wollten. „Belohnst du mich, verschon ich dich... " Solche Sprüche hatten David und sie auch als Kinder an Halloween an der Haustür aufgesagt. Aber Lucy hatte keine Süßigkeiten und sie wusste nicht, wo Helen welche aufbewahrte. Sie entschloss sich, so zu tun, als sei niemand da, löschte das Licht und stellte den Fernseher so leise, dass sie kaum noch etwas verstand. Es klingelte noch einmal, dann hörte sie ein Kind rufen: „Da macht keiner auf! Weitergehen, Leute!"
Erleichtert ließ sie sich in den Sessel sinken. Ihr war nicht wirklich nach diesem Brauch zumute gewesen.
Sie blickte auf den Fernseher. Wie ärgerlich, das Bild fing an zu flackern! Ausgerechnet jetzt, wo es endlich richtig gruselig wurde. Lucy stand auf, um das Licht einzuschalten.
„Setz dich wieder hin", sagte eine Stimme von der Couch her. Lucy erstarrte. Wie hatte es jemand geschafft, hier völlig unbemerkt herein zu kommen? Aber kurz nach dieser Überlegung überfiel sie mit voller Wucht eine ganz andere: Die Stimme klang wie die Evans!
Peng... Peng... Peng... Peng... Peng... Peng
Lucy hielt sich die Ohren zu. Von der Couch kam ein hämisches Lachen. „Nicht so einfach, seine schlechten Taten zu vergessen, nicht wahr, Lucy? Damit kennst du dich aus."
Die Gestalt war nur schemenhaft zu erkennen. Sie schien leicht über der Couch zu schweben. Das Gesicht ähnelte einer Fratze, und trotzdem war es eindeutig Evans Gesicht. Lucy starrte in die Richtung.
„Ja... Peng... Peng... Halt dir nur die Ohren zu, als ob das was bringen würde. Was glaubst du wohl, wie oft ich das noch höre?". Wieder folgte ein hämisches Lachen. Lucy zitterten die Knie.
„Was willst du hier, Evan?" fragte sie mit heiserer Stimme. „Geh ins Licht!" So etwas sagte man doch zu Geistern, die ihren Frieden nicht fanden und ruhelos auf Erden wandelten?
„Ich werde schon wieder ins Licht gehen, liebste Lucy. Aber heute ist Samhain. Du weißt, was das bedeutet?"
Lucy nickte. An Samhain mischte sich die Welt der Lebenden mit der der Toten. Sie hatte das nie wirklich geglaubt.
„Willst du mich nicht um Verzeihung bitten, liebste Lucy? Weil du mich ermordet hast?"
„Nein!" schrie sie. „Du hast mich jahrelang gequält, du hast mich geschlagen, mich eingesperrt, du hast mir das Leben zur Hölle gemacht, du... "
„Lucy!" Die Stimme hatte einen begütigenden Ton angenommen. „Das alles gab dir doch nicht das Recht, mich umzubringen."
Lucy schluchzte. „Ich habe dafür gebüßt. Ich war jahrelang im Gefängnis."
„Du hast bei den Menschen gebüßt, aber nicht bei den Geistern", sagte die Stimme in einem merkwürdigen Singsang.
„Aber du kannst es wieder gut machen, liebste Lucy. Du kannst mit mir gehen. Dann wird dir auch von den Geistern vergeben."
„Du verdammtes Arschloch!" Lucy griff nach dem nächstbesten Gegenstand - in diesem Fall ein großer hölzerner Kerzenständer vom Wohnzimmertisch - und stürzte auf die Gestalt auf der Couch zu, die ihr höhnisch lachend auswich. „Was soll das, Lucy? Willst du mich nochmal ermorden?"
Lucy spürte einen eiskalten Hauch. Dann wurde es schwarz um sie.


„Wirst du morgen mal mit ihr reden? Du kannst ihr doch nicht ewig aus dem Weg gehen." Helen schloss die Haustür auf.
„Ich weiß es noch nicht." David zog seine Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. Aus dem Wohnzimmer war leise der Fernseher zu hören.
„Sie ist bestimmt eingeschlafen", vermutete Helen.


Zwei Stunden später saßen David und Helen sich fassungslos gegenüber. Der Notarzt hatte nur noch Lucys Tod feststellen können. Was passiert war, konnte er auch nicht genau sagen. „Herzversagen", tippte er. Die von ihm herbeigerufene Polizei hatte kein Fremdverschulden feststellen können.
„Ich wollte, ich hätte mich mit ihr ausgesprochen", sagte David. „Ich konnte ihr nicht verzeihen. Und jetzt ist es zu spät."
Helen stand auf und wollte ihren Mann in die Arme nehmen. Dabei sah sie einen Zettel auf dem Boden liegen. „Was ist das?" Stirnrunzelnd faltete sie den Zettel auseinander.
Ein einziges Wort war zu lesen, quer über die Seite geschrieben: Peng!

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Christine Todsen am 29.10.2020:
Tolle Halloween-Geschichte, superspannend erzählt. Was ich mich frage: Wer hatte das Wort auf dem Zettel geschrieben, war es die Schrift von L. oder von E. oder eine ganz andere? Aber vielleicht soll das ja ein Rätsel bleiben...




geschrieben von Weißehex am 30.10.2020:
Vielen Dank, Christine! Ich liebe es, Halloweengeschichten zu lesen und zu schreiben, schön, dass es spannend geworden ist :) ja, das Ende bleibt ein Rätsel.




geschrieben von David Urban am 06.11.2020:
Die Story hat mir gut gefallen und ehrlich gesagt, dieses Ende war passend, hätte es auch so geschrieben. 🙂🙂🙂👍👍👍




geschrieben von Weißehex am 16.11.2020:
Vielen Dank, David!




geschrieben von Susi56 am 14.01.2021:
Auch wenn Halloween schon ein bisschen vorbei ist... Deine Story hat mir wirklich gut gefallen. Was ich mich allerdings gefragt habe, warum ihr Bruder mit Lucy's Tat nicht klar kam. Sollte er nicht als erster verstehen, warum seine gequälte Schwester zum Gewehr gegriffen hat? Gerade weil du ja zum Schluss noch einmal Bezug darauf nimmst, dass er seine Haltung bereut bzw. bereut, dass es zu keiner Aussprache kam - da wäre so ein kleiner Hinweis gut, damit man sich da besser einfühlen kann. Nur ein Satz. :-)))




geschrieben von Weißehex am 21.01.2021:
Hallo Susi56, vielen Dank für deinen Kommentar! Darauf, dass ich die Ablehnung des Bruders hätte ausführlicher erklären können, wurde ich auch andernorts auch hingewiesen; ich denke, das ist wahr, allerdings ändere ich die Geschichte jetzt nicht mehr um, weil ich dafür zu viel umschrieben müsste Aber ich merke mir solche Hinweise für die nächste Grusel-Geschichte :) LG Weißehex LG Weißehex

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