Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
FacebookMenu anzeigenMenu anzeigen
1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Maurice.
Veröffentlicht: 22.12.2020. Rubrik: Menschliches


Eine Corona Weihnachtsgeschichte

Eine Corona Weihnachtsgeschichte
A Covid Christmas Carol

***

Dichte Menschenmassen drängten sich am neuen Berliner Hauptstadtflughafen BER zu weihnachtlichen Klängen aus den Lautsprechern. Ein fast gewohntes, vorweihnachtliches Bild, nur dass sich die langen Schlangen nicht vor den Check-In-Schaltern, vor der Gepäcksaufgabe oder den Sicherheitskontrollen bildeten, sondern vor dem Corona-Testzentrum, das für einen kleinen Obolus PCR- und Antigen-Schnelltests im Angebot hatte. Ein klein wenig Sicherheit, bevor es zu dem – erlaubten oder nicht erlaubten – Verwandtenbesuch zu Weihnachten geht, war den Menschen bares Geld und eine lange Wartezeit wert. „Die Corona-Krise hat auch etwas Gutes“, raunte ein in der Reihe stehender junger Mann seiner Vorderfrau zu. „Endlich habe ich einmal den Kitkat-Club von innen gesehen. Dort bieten sie auch Schnelltests an. In Nicht-Corona-Zeiten bin ich nie am Türsteher vorbei gekommen…“
„Dann haben Sie Ihren Test schon? Warum stehen Sie dann noch einmal hier an?“, fragte die Frau mit durch eine FFP2-Maske gedämpfter Stimme.
„Der Test war auch negativ. Das hat alles wunderbar geklappt und ich wollte schon zu meinen Eltern nach Baden-Württemberg aufbrechen. Aber dann hat mich meine 75-jährige Mutter ermahnt, dass sie mich nur ins Haus lassen wird, wenn ich einen negativen PCR-Test vorlegen kann. Die sind sicherer. Daher lass ich mir das Stäbchen nun noch einmal in den Rachen stecken.“
Der junge Mann grinste über das eben Gesagte, seine Mimik wurde aber durch eine weihnachtliche Van-Laack-Stoffmaske mit aufgedrucktem Weihnachtsmann verdeckt. Auch die Frau lächelte, was man allerdings nur vage an ihren Augenfalten erkennen konnte, die die FFP2-Maske gerade noch freigaben.
„Dann wünsche ich viel Erfolg! Übrigens eine schöne Maske haben Sie da!“
„Danke. Ich wollte eigentlich eine mit Rentieren haben, aber der Weihnachtsmann tut es auch.“
„Der ist ja angeblich schon geimpft, also kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.“
„Der Weihnachtsmann hat schon den Corona-Impfstoff erhalten?“
„Ja, Anthony Fauci, der US-Immunologe hat das auf CNN zu Kindern gesagt. Er sei persönlich zum Nordpol gereist und habe den Weihnachtsmann geimpft, damit das Weihnachtsfest stattfinden kann.“
„Fauci?“, fragte der Mann.
„Das ist der Christian Drosten der Amerikaner.“
„Na dann kann ja wirklich nichts mehr schiefgehen. Frohe Weihnachten.“


***


Vor Gate B10 auf Terminal 1 wartete eine Handvoll Reisender, darunter zwei Geschäftsleute, auf ihren verspäteten Flug nach Wien. Die beiden kannten sich bisher nur vom Sehen, waren sich aber schon auf unzähligen Flügen, meistens auf der Strecke Wien-Berlin, aber auch am Flughafen Frankfurt und in Düsseldorf über den Weg gelaufen. Nun fasste sich einer der Geschäftsleute ein Herz und sprach den anderen an.
„Das ist nicht das erste Mal, dass ich Sie hier sehe. Wir waren in den letzten Monaten schon öfters im gleichen Flieger, nicht wahr?“
„Ja, das stimmt. Woran haben Sie mich erkannt?“
Der Jüngere von beiden tippte sich auf die Maske und zeigte dann mit dem Finger auf den Mund-Nasen-Schutz seines Gegenübers.
„Ihre bunte Maske. Die ist mir gleich ins Auge gestochen.“
„Meine Frau hat sie gemeinsam mit meiner Tochter genäht. Damit wir uns ein bisschen näher sind – auch in diesen verrückten Zeiten.“
„Sie sind wohl selten zuhause, was? Darf ich?!“
Der Jüngere setzte sich neben den Älteren, einen Platz im Wartebereich freilassend, um den Mindestabstand zu wahren.
„Ist in meinem Beruf nun einmal so. Das Flugzeug ist mein Büro. Für Sie wohl auch, oder? Daran hat auch Corona nichts geändert. Homeoffice ist ein schönes Schlagwort, aber nicht für alle und jeden umsetzbar.“
„Was machen Sie, wenn ich fragen darf?“
„Ich sag mal so – ich bewerte, kaufe und verkaufe Firmen.“
Der Jüngere schlug die Beine übereinander und richtete sich seine hellblaue OP-Maske, die ein wenig unter die Nase gerutscht war.
„Ich weiß was Sie meinen. Ich hatte noch nie so viele Dienstreisen wie im Jahr 2020. Das ist verrückt. Die ganze Welt spricht davon, zuhause zu bleiben und uns schickt man jeden Tag in eine andere Stadt.“
„Was machen Sie?“
„Beratung. Aber nicht bei den Big-4. Wir sind ein kleineres Haus mit langjährigen Kundenbeziehungen. Und mein Chef ist absolut paranoid, was Videokonferenzen angeht. Er ist kein Verschwörungstheoretiker, also kein Auluhutträger, was das Virus selbst angeht. Da ist er voll auf Linie, AHA-Regeln, Hygiene und so weiter. Dem durfte auch vor der Pandemie im Winter niemand die Hand schütteln wegen den ganzen Viren und Bakterien. Aber was Videokonferenzen angeht, da glaubt der an die ganz große Verschwörung. Bei jedem Zoom- oder Teams-Meeting sitzt der Geheimdienst mit dabei und hört alles mit, sagt mein Chef. Der Digitalisierungsschub durch das Coronavirus öffnet Tür und Tor für Industriespionage, vor allem durch die Amerikaner, glaubt er. Daher dürfen wir so gut wie keine Kundenbesprechungen über Videokonferenz machen und ich sitze so oft im Flieger wie noch nie.“
„Was sagen denn Ihre Kunden dazu“, wollte der Ältere wissen.
„Ach, die sehen das gar nicht so streng, aber sie machen da trotzdem mit. Ein paar Kunden habe ich sogar schon im Homeoffice besucht.“
„Sie haben die Kunden zuhause bei Ihren Familien am Küchentisch getroffen?“
„Ja, Meeting zwischen Kinderspielzeug und Kartoffelbrei. Das ist die perfekte Kombination zwischen neuer und alter Normalität.“
Der Jüngere lacht laut auf, wobei ihm erneut die OP-Maske unter die Nase rutscht.
„Haben Sie Familie?“, will der Ältere wissen.
„Nein, gar nicht. Keine Frau, keine Kinder. Meine Eltern sind auf die kanarischen Inseln ausgewandert. Wir haben auch nicht das beste Verhältnis zueinander.“
„Das tut mir leid. Wie werden Sie dann Weihnachten verbringen?“
„Normalerweise treffe ich Freunde, aber das fällt in diesem Jahr wohl flach. Aber das ist ok. Ich komme gut klar mit dem Alleinsein. Arbeit gibt es ja auch noch gut zu tun über den Jahreswechsel…“
Der Ältere blickte den Jüngeren mit seinen kräftigen braunen Augen eindringlich an. Da der Mund-Nasen-Schutz das halbe Gesicht verdeckte, kam die Wirkung dieses Blickes noch deutlicher zur Geltung.
„Wir kennen uns nicht, aber ich gebe Ihnen einen Rat, junger Freund. Verschwenden Sie nicht Ihr ganzes Leben mit Arbeit. Es ist es nicht wert.“
Für einen Moment herrschte Stille zwischen den beiden Männern und auch der gesamte Flughafen schien kurz tief durchzuatmen. In dieser Situation wurde den beiden Männern klar, dass sie die einzigen Personen am Gate waren, die sich miteinander unterhielten. Die anderen wenigen wartenden Fluggäste starrten in ihr Smartphone oder ihren Laptop. Aus epidemiologischer Sicht war das vielleicht auch besser so. Durch das Reden wurden schließlich Aerosole freigesetzt. Auch mit Maske.
„Was treibt Sie an im Leben? Was ist Ihre Motivation?“, wollte der jüngere Geschäftsreisende vom Älteren wissen.
„Das ist eine sehr allgemeine Frage. Darauf gibt es wohl keine pauschale Antwort. Aber ich zeige Ihnen etwas. Dann verstehen Sie zumindest, was mich motiviert, immer wieder nach Hause zu kommen.“
Er holte sein Handy hervor und scrollte sich durch die Bildergalerie.
„Das hat mir meine Frau vor ein paar Tagen geschickt. Meine Tochter hat wie jedes Jahr einen Brief an den Weihnachtsmann und an das Christkind geschrieben.“
„An beide?“, wollte der Jüngere wissen.
„Wo ich herkomme glaubt man an den Weihnachtsmann, in der Heimat meiner Frau an das Christkind. Meine Tochter schreibt daher immer – jedenfalls seit sie einen Stift halten kann –an beide. Doppelt hält bekanntlich auch besser“, lautete die Antwort.
„Kluges Mädchen. Wie alt ist sie?“
„Neun. Ihren ersten Brief hat sie, denke ich, mit fünf geschrieben. Oder vielleicht sogar schon mit vier? Das war dann aber mehr eine Zeichnung als ein Text. Hier, das ist ihr aktueller.“
Der Ältere reicht dem Jüngeren sein Handy, das Fotos des diesjährigen Weihnachtsmann/Christkind-Briefs seiner Tochter zeigt. Auf einem sauberen DIN-A4-Briefpapier hatte das neunjährige Mädchen, verziert mit allerhand weihnachtlichen Buntstift-Zeichnungen, von einem Schneemann bis hin zum Weihnachtsstern, in ordentlicher Kinderschrift mit Füllfeder seine Wünsche artikuliert. Die Frau des Älteren hatte den Brief abfotografiert und via Whatsapp übermittelt.

„Lieber Weihnachtsmann, liebes Christkind,
ich hoffe, es geht euch beiden gut. Trotz dieser blöden Pandemie. Wie ist die Situation am Nordpol und im Himmel? Müssen dort auch alle Kinder Homeschooling machen? Ich darf schon wieder nicht in die Schule und vermisse meine Freundin Clara. Mama tut mir auch schon sehr leid. Immer wenn sie am Abend Nachrichten aufdreht, sagt sie vor dem Fernseher: Bitte nicht die Schulen, bitte lasst wenigstens die Schulen offen. Sie macht sich wirklich große Sorgen um meine Bildung. Papa ist leider sehr selten zu Hause. Auch darum macht sich Mama Sorgen, da Papa so viele Kontakte hat. Im Flugzeug, im Büro und überall sonst, wo er so dringend hinmuss. Er trägt schon immer Maske – auch die bunte, die ich für ihn mit Mama geschneidert habe. Jedenfalls auf allen Fotos, die er über Whatsapp schickt. Die sind oft sehr lustig, aber ich vermisse Papa trotzdem. Lieber wäre mir, wenn er nicht so viel reisen müsste und Mama hätte auch lieber, dass er mehr bei ihr ist.
Daher habe ich für dieses Weihnachten eigentlich nur wenige Wünsche:
Bitte macht, dass mein Papa zu Weihnachten bei uns sein kann, dass dieses blöde Virus bald verschwindet und dass wir alle gesund bleiben – vor allem Oma und Opa, denn die sind schon echt alt.
Danke & bis zum nächsten Jahr
Eure
Jasmin

„Ihre Tochter ist wirklich klug. Und sie ist erst neun Jahre alt? Die schreibt schon wie eine Große“, bemerkt der jüngere Geschäftsreisende und gibt das Mobiltelefon dem Älteren zurück.
„Sie ist ein kluges Mädchen, ja. Jedenfalls wissen Sie jetzt, was mich aktuell antreibt. Apropos, wie sieht es mit unserem Flug aus? Ich habe das Gefühl, wir warten hier schon ewig.“
Der Jüngere blickt auf die große Anzeigentafel, auf der sich alle abgehenden Flüge befanden. Für einen „Hauptstadtflughafen“ waren das erschreckend wenige. Dazu kam, dass neben allen Flügen nach England – London-Heathrow, London-Stansted und Manchester – in großen roten Lettern das Wort CANCELLED prangte.
„Die streichen jetzt alle Flüge nach Großbritannien. Es dürfen auch keine Flüge aus UK mehr bei uns landen. Angeblich mutiert das Virus dort gerade. Habe ich vorhin auf den Nachrichtentickern gelesen. Nur gut, dass wir nur nach Wien müssen, dort gibt’s noch kein Mutanten-Virus“, kommentierte der Jüngere. An ihrem Gate tat sich jedenfalls noch immer nichts. Der Ältere ließ sich, nachdem er sich kurz aufgerichtet hatte, zurück in seinen Sitz fallen.
„Dann erzählen Sie einmal. Was machen Sie in Wien? Sie kommen ja ganz offensichtlich nicht von dort. Und da Sie keine Familie, keine Frau oder Freundin dort haben, frage ich mich…“
Gerade als sich der Ältere genauer nach dem Privatleben seines jüngeren Sitznachbarn erkundigen wollte, stöckelte eine Flughafenmitarbeiterin hinter den Schalter des Gate B10 und gab über den Lautsprecher durch, dass auch der Flug nach Wien gecancelt wurde. Sie entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten, einen Grund nannten sie allerdings nicht.
„So eine verfluchte Scheiße“, ertönte es aus den vorderen Reihen von einem zirka 40-jährigen Herren, ebenfalls ein Business-Anzug-Träger. Ein anderer stürmte nach vorne zur Flughafenmitarbeiterin, wechselte mit ihr ein paar Worte, drehte dann um und ging schnellen Schrittes in Richtung Ausgang. Dabei kam er am jüngeren und älteren Geschäftsreisenden vorbei, die auf ihren Plätzen sitzen geblieben waren.
„Wissen Sie, was los ist?“, fragte der jüngere Geschäftsreisende den an ihm vorbeiziehenden Unbekannten.
„Was weiß denn ich. Angeblich ist der Pilot erkrankt. Hat sicher Corona und jetzt muss die gesamte Besatzung in Quarantäne. So ein Mist-Flughafen, das war ja in Tegel besser!“, zischte der Unbekannte und zog an den beiden vorbei.
„Was werden Sie nun machen?“, fragte der jüngere den älteren Geschäftsreisenden. „Jasmin wird sich mit einem Weihnachten ohne ihren Vater wohl nicht zufriedengeben“, fügte er noch hinzu.
„Da haben Sie recht. Wenn ich hierbleibe mache ich Frau Merkel und Herrn Spahn glücklich, aber meine Tochter verliert den Glauben an Weihnachtsmann UND Christkind. Das ist keine Option für mich. Ich werde mich nach Alternativen umsehen müssen. Vielleicht mit dem Zug“, antwortete der Ältere.
„Das können Sie vergessen. Die Deutsche Bahn hat das Sitzplatzkontingent in der Vorweihnachtszeit drastisch reduziert. Es gibt auch nur noch Fensterplätze aufgrund der Corona-Abstände. Die sind seit Wochen ausgebucht, das weiß ich.“
„Oder ein Mietauto…“
„Sieht auch schlecht aus. Die Autovermietungen haben am Flughafen schon alle geschlossen. Viel zu wenig Geschäft in Pandemie-Zeiten.“
„Oder mit diesem Bus. Wie heißt der noch einmal…Fluxbus!“
„Flixbus. Hat alle Verbindungen im Weihnachts-Lockdown eingestellt, um den allgemeinen Reiseverkehr zu begrenzen. Es tut mir leid.“
„Hm, dann muss ich mir etwas anderes überlegen. Na, mir wird schon etwas einfallen“, seufzte der Ältere.
Der jüngere Geschäftsreisende kratzte sich kurz am Kopf, schaute sich um, griff dann in seine Hosentasche und holte einen Autoschlüssel heraus.
„Wissen Sie was: Ich habe eine Lösung für Sie, wie Sie zu Ihrer Familie nach Wien kommen. Am Parkdeck P3 steht ein silberner Porsche. Das ist meiner.“
„Sie fahren Porsche? Nein, ich bitte sie, das kann ich nicht…“
„Doch können Sie! Sie haben ja Recht. Es gibt niemanden in Wien, der auf mich wartet. Warum das so ist, ist eine zu lange, zu komplizierte Geschichte, aber jedenfalls kann ich genauso gut Weihnachten in Berlin oder anderswo auf der Welt feiern. Es würde keinen Unterschied machen. Aber Sie haben jemanden, der auf Sie wartet. Jasmin. Und Ihre Frau… Nehmen Sie die Schlüssel und fahren Sie los. Über Tschechien dauert es rund sieben Stunden, bis sie in Österreich sind. Siebeneinhalb bis Wien, wenn Sie alle Verkehrsregeln befolgen. Wenn Sie nicht alle befolgen, dann… Na, sie wissen schon. Der Schlitten hat einiges unter der Haube.“
„Ich werde die Verkehrsregeln befolgen. Meine Tochter hat nichts davon, wenn ihr Vater zwar kein Covid-19 bekommt, sich aber dafür um einen tschechischen Baum wickelt.“
Lächelnd nahm der Ältere die Schlüssel entgegen. Auch dieses Lächeln blieb weitgehend unter einer Maske verborgen.
„Ich danke Ihnen. Das ist sehr großherzig von Ihnen. Es tut mir leid, dass Sie alleine feiern müssen. Warum fahren wir nicht gemeinsam und Sie feiern mit uns?“
„Dann wären wir zu viele Haushalte. Das lassen die Regeln nicht zu. Nein, mein Entschluss steht fest. Ich bleibe in Berlin. Grüßen Sie Ihre Familie von mir – unbekannterweise.“
„Das werde ich tun. Vielen Dank. Wie heißen Sie eigentlich?“
„Klaus.“
„So wie Santa Claus?“
„Ja, genau. Richten Sie Ihrer Tochter liebe Grüße von Santa aus.“


***


„Geh in die Hotellerie, haben sie gesagt. Die Tourismuswirtschaft boomt, da sind die Jobs alle sicher, haben sie gesagt. Und weißt du, wozu mir meine Mutter geraten hat? Arbeite in einem Flughafenhotel, hat sie gesagt. Die haben nie Pause, da läuft das Geschäft immer rund. Reisende, die ihren Flug versäumt haben oder auf einen Anschlussflug am nächsten Tag warten, wird es immer geben und die müssen irgendwo übernachten. Ein bombensicheres Geschäft – mit Kunden, die noch dazu keine großen Ansprüche stellen. Das hat sie immer gesagt und nun sitze ich hier, ohne Gäste und bin bald meinen Job los!“
Leopold, aus dem wirklich ein Rezeptionist eines Hotels in Flughafennähe geworden ist, hatte heute wahrlich nicht seinen besten Tag. Seine Kollegin Simone, die heute mit ihm Dienst hatte, musste sich schon seit Stunden sein Gejammere anhören. Gemeinsam standen sie, sauber gekämmt und in ihrer schicken Hoteluniform, hinter der kleinen Hotelrezeption und warteten auf Gäste.
„Nun hab dich einmal nicht so. Noch weißt du ja gar nicht, ob du den Job wirklich verlierst! Jetzt wird fürs erste einmal die Kurzarbeit verlängert und es gibt Umsatzersatz, in dieser Zeit darf die Firma gar niemanden kündigen“, versuchte Simone ein wenig zu beruhigen.
„Aber ich habe doch die Liste schon gesehen. Die Liste mit den Namen von denen, die gekündigt werden“, entgegnete Leopold leicht empört.
„Das hast du mir jetzt auch schon tausend Mal erzählt. Du weißt ja nicht einmal, was für eine Liste das war.“
„Du stehst ja nicht drauf, deshalb hast du leicht reden.“
„Vielleicht war es die Liste derer, die nächstes Jahr für eine Gehaltserhöhung vorgeschlagen werden“, sagte Simone leicht süffisant.
„Das glaubst du doch selbst nicht.“
Auf einen Schlag zuckten die beiden zusammen und beendeten ihr launisches Gespräch. Der Chef bzw. Hotelmanager kam aus seinem Büro und steuerte zielgerichtet auf Leopold und Simone zu.
„Heute werden wir voll! Die canceln grad alle Flüge nach Großbritannien und die, die von der Insel noch einreisen dürfen, müssen in Quarantäne. Von dem Kuchen werden wir auch was abbekommen! Macht euch auf Arbeit gefasst!“, zischte ihnen der Chef mit einem Hauch von Enthusiasmus zu, um gleich darauf in Richtung Aufzüge zu verschwinden.
„Warum machen wir aus unserem Laden nicht gleich ein Quarantänehotel wie in Asien? Das würde zumindest Sinn machen“, fragte Leopold kopfschüttelnd, wobei er mehr zu sich selbst sprach als zu seiner Kollegin, die bereits erste Vorkehrungen für den angekündigten „Ansturm“ traf und ihr Computersystem überprüfte.
„Der Chef ist ein Idiot. Wahrscheinlich kommt zu uns gar keiner“, versuchte Leopold das Gespräch mit Simone wieder aufzunehmen. „Der hat vom Hotelgeschäft so viel Ahnung wie eine Kuh vom Klavierspielen. Wenn der ein bisschen Geschäftssinn hätte, würde er auch nicht immer versuchen, jede Regelung bis aufs kleinste Komma umzusetzen. Habe ich dir die Geschichte mit der jungen afghanischen Familie schon erzählt?“
„Nein, ich denke nicht. Eine der wenigen Geschichten von dir, die ich noch nicht kenne“, antwortete Simone.
„Das war zur Zeit des ersten Beherbergungsverbots. Da stand plötzlich eine junge Familie in der Tür. Aus Afghanistan. Vater, Mutter, Kind. Ich glaube, die Frau war auch noch schwanger. Das waren keine Flüchtlinge oder so. Glaub ich zumindest nicht. Die hatten auch Geld dabei, es war 22:00 Uhr abends. Wir waren komplett leer. Kein einziger Gast und die Familie brauchte dringend ein Zimmer.“
„Und was hast du gemacht?“
„Na, natürlich ihnen ein Zimmer vorbereitet. Draußen regnete es, es war kalt. Ich hab keine Ahnung, warum die ausgerechnet bei uns gestrandet sind, jedenfalls brauchten sie dringend eine Unterkunft für eine Nacht und wir sind ein Hotel, nicht wahr? Geld hatten sie auch dabei, habe ich das schon erwähnt?“
„Ja, hast du.“
„Gut, jedenfalls richte ich das Zimmer her. Gebe ihnen natürlich auch ein Upgrade. Warum auch nicht? Wir waren schließlich leer. Kommt plötzlich der Chef zu mir, dieser Idiot, und sagt: ‚Wir können denen kein Zimmer geben‘. ‚Warum das denn?‘, fragte ich ihn. Da kommt der mir plötzlich mit den ganzen Vorschriften, von wegen Beherbergungsverbot und wir könnten nur Business-Reisende aufnehmen. Wie Geschäftsreisende sehen die nicht aus. So ein Schwachsinn aber auch! Die Nächte davor haben wir unzähligen ‚normalen‘ Reisenden ein Zimmer gegeben, wenn diese bei der Anmeldung ‚Geschäftsreise‘ angegeben hatten. Kein Mensch kontrolliert das. Aber jetzt war das plötzlich ein riesiges Problem. Keine Chance, ich durfte der Familie kein Zimmer geben.“
„Verrückt“, antwortete Simone.
„Der Chef ist nicht nur ein Idiot, das ist ein Rassist. Kennst du die Weihnachtsgeschichte?“, fragte Leopold.
„Du meinst mit Scrooge und Tiny Tim? Als Kind habe ich ‚Die Muppets Weihnachtsgeschichte‘ geliebt, die habe ich im Fernsehen rauf und runter geschaut.“
„Ja, die ist toll. Aber ich meinte eigentlich die richtige Weihnachtsgeschichte. Mit Jesus, Maria und Josef.“
„Ja, natürlich kenne ich die. Für wie ungebildet hältst du mich?“
„Da gibt es die Stelle, wo Josef und Maria mit dem Esel in Bethlehem einreiten und nach einer Unterkunft für die Nacht suchen. Da gibt es auch ein Lied dazu… ‚Wer klopfet an?“
„Ja, auch das kenne ich.“
„Jedenfalls macht ihnen keiner auf. Alle Wirte und Herbergen weisen das göttliche Paar ab und Maria und Josef müssen in den Stall ausweichen. So habe ich mich in diesem Moment auch gefühlt. Wie der Wirt, der Josef und Maria abweist. Richtig scheiße, war das. Ich musste der afghanischen Familie sagen, dass wir kein Zimmer mehr frei haben.“
„Das ist bitter. Aber so sind die Vorschriften.“
„Scheiß Vorschriften. Und scheiß Corona. Ich geh jetzt noch schnell eine rauchen, bevor die ganzen Briten kommen. Bleibst du hier?“
„Ja, ich halte die Stellung.“
Leopold zog sich eine Jacke über, richtete sich eine Zigarette her und ging durch die Schiebetür vor das Hotel, wo er sich eine Marlboro anzündete. Es war dunkel, neblig und gespenstisch ruhig. Von Horden von Fluggästen, die ihre Reise nach Großbritannien nicht antreten konnten und daher Unterschlupf in ihrem Hotel suchten, war weit und breit nichts zu sehen. Leopold blies den Rauch in die Finsternis und erkannte schemenhaft auf der anderen Straßenseite eine Gestalt. Es war eine ältere Frau, schlecht gekleidet, die ihre Hand in einen Abfalleimer gleiten ließ, um im Müll nach Pfandflaschen zu suchen. Vielleicht eine Obdachlose, dachte Leopold, vielleicht aber auch nur eine alte Dame mit mickriger Rente, wie man sie so häufig umherziehen sah. Leopold dämpfte seine Zigarette hastig aus, ging wieder zurück in die Lobby und holte hinter der Rezeption eine Schlüsselkarte hervor, die er in seinem Computersystem zur Einsatzbereitschaft aktivierte.
„Was ist, kommen schon die ersten Gäste?“, fragte Simone.
„Ein Gast“, antwortete Leopold und verschwand mit der Schlüsselkarte in der Hand wieder durch die Schiebetüren. Im Freien sah sich Leopold um und erblickte in einigen Metern Entfernung die alte Dame, die scheinbar kein Glück bei ihrer Suche nach Pfandflaschen gehabt hatte. „Entschuldigen Sie!“, rief Ihr Leopold zu und überquerte die Straßenseite, um auf die Frau zuzugehen.
„Ja?“, blickte ihn die alte Dame fragend an.
„Hätten Sie Lust, eine ruhige Nacht in unserem Hotel zu verbringen? Es geht aufs Haus – eine Aktion zur Weihnachtszeit. Mit Abendessen und allem Drum und Dran inklusive. Kostenlos. Die Minibar ist ebenfalls gefüllt. Sie können es sich richtig gut gehen lassen.“
Er streckte ihr die Schlüsselkarte entgegen, die alte Dame wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Leopold schickte ein Lächeln hinterher.
„Frohe Weihnachten!“

1xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von RudiRatlos am 23.12.2020:
weil Weihnachten ist, habe ich zum ersten Mal eine keine Kurzgeschichte gelesen. Hat sich gelohnt ... schöne Tage

Weitere Kurzgeschichten:

Ein außergewöhnlicher Heiligabend
Vom krummen Weihnachtsbaum
Genonia