Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
FacebookMenu anzeigenMenu anzeigen
5xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Isbahan (Isbahan).
Veröffentlicht: 17.01.2021. Rubrik: Menschliches


Ennes Fahrerlaubnis

Wenn das Wetter es zuließ, verbrachten wir die Mittagspause am liebsten draußen. An diesem Tag schlenderten wir gemütlich Richtung Innenstadt. Unsere Praktikantin Eta sabbelte dem Zivi Helge einen Knopf ans Ohr, mein wortkarger Arbeitskollege David schlurfte, wie immer schweigend, neben mir her.
Wir wollten uns etwas zu Essen besorgen und nahmen Enne mit, um ihn nach Hause zu begleiten. Normalerweise lief er mit der Gruppe, doch die hängten ihn in letzter Zeit häufig ab:"Enne ist zu blöd, der rafft einfach nix.“
Mehrfach hatten wir ihn beobachtet, wie er dann allein bei Rot die Kreuzung überquerte, die Autofahrer grüßend und wild gestikulierend. Vermutlich war es ihm nicht möglich, Farben zu unterscheiden oder er war farbenblind. Ein Sehtest beim Augenarzt war kläglich gescheitert. Enne hatte sich, sobald er das Wartezimmer sah, zitternd wie Espenlaub an seinen Begleiter gekrallt. Nachdem man ihn auf einen der Stühle komplimentiert hatte, schaukelte er seinen Oberkörper heftig vor und zurück. Anschließend war er hektisch aufgesprungen, umzappelte die Tische im Raum, riss Zeitschriften vom Stapel und ließ sie auf den Boden knallen. Patienten hatten missbilligend ihre Augen gen Zimmerdecke gerichtet oder ebenfalls begonnen, unruhig mit den Füßen zu scharren. Als Enne den Arzt gesehen hatte, waren bei ihm dann alle Dämme gebrochen, er hatte Rotz und Wasser geheult und in Panik seinen Kopf weggedreht und seinen Körper so verkrampft, als ob er einen epileptischen Anfall hatte.
Menschen in weißen Kitteln und Arztpraxen lösten bei ihm solche Angst aus, dass es nicht möglich war, ihn augenärztlich zu untersuchen.

Damit Enne nicht sich oder andere im Straßenverkehr gefährdete, begleiteten wir ihn daher sicherheitshalber nach Hause. Mit uns durch die Stadt zu ziehen, war für ihn ein Vergnügen und an diesem Tag drehte er richtig auf, schmiegte sich an mich, streichelte zärtlich mein Haar und roch daran. Keine Ahnung, warum er diesen Tick hatte. Wenn er eine Frau nett fand und anhimmelte, beschnüffelte er sie – was ihm in seiner Gruppe häufig heftige Abfuhren mit zickigen, spitzen Aufschreien einbrachte:"Boo ey, lass das! Schnüffel mir nich` aufm Kopp rum, du Vollspacken!“

In der Fußgängerzone angekommen, nötigte Enne uns, aufgeregt mit beiden Händen auf sich weisend und "kommt mit!" Gestikulierend, erst zur Einkehr bei seinem Freund, dem Bäcker, später ins Sportgeschäft und dann in den Ein-Euro-Shop.
Enne zeigte uns seine kleine Welt in dieser Stadt, durch die er seit Jahren zweimal täglich trabte, meist in Begleitung seiner Gruppe. Mit weit aufgerissenen Augen und einem Lächeln bestaunte er stets alles, was ihm begegnete und winkte im Vorbeigehen in jedes Geschäft. Die Leute kannten Enne. Einige schienen ihn gern zu haben. Weil er sein Taschengeld in ihren Läden verprasste. Oder wegen seines speziellen Charmes, mit dem er pantomimisch und lautmalerisch, mit lebhafter Gestik und Mimik, kommunizierte. Mich erinnerte sein Minenspiel manchmal an Luis de Funes, diese Spiel- und Ausdrucksfreude war einfach mitreißend.

Auch an diesem Tag kasperte Enne herum, zog sein Clownsgesicht, indem er Augen und Mund weit aufriß und strahlend die gesamte Belegschaft des Billigladens wie alte Freunde, per Handschlag begrüßte. Dann wurden sämtliche Anwesenden über die neuen Sensationen seines Ennelebens gestisch hingewiesen: Guck, meine Hose! Schau doch, ich habe eine Tasche dabei! - wobei er zeigefreudig alles, was er am Körper trug, zur Ansicht aufdrängte.
Manchmal steckte man ihm bunten Schnickschnack zu, den er aufgeregt auf der Stelle hüpfend in Empfang nahm. Dann lachte er glucksend und kehlig und seine erdbraunen Augen schimmerten und bekamen tiefen Glanz. Er liebte alles, was farbenprächtig war, auffällig, laut oder lecker.
An diesem Tag hatte er Glück: Der Ladenbesitzer schenkte ihm ein rotes Spielzeugauto.
Freudestrahlend kam Enne zurück, um mir seinen Schatz zu zeigen: „Auto!“
Prima, konstatierte ich, ein Gegenstand mit Aufforderungscharakter. Damit könnten wir doch gleich mal sein Farbverständnis trainieren.
„Schönes Auto!“, kommentierte ich seinen Neuerwerb.
Enne nickte verzückt.
„Schönes ROTES Auto.“
Enne strahlte.
„Es ist ROT. Wie die Ampel da!“ Ich zeigte auf eine Ampelanlage an der gegenüberliegenden Straßenseite.
Enne folgte desinteressiert meinem Blick. Dann fuchtelte er aufgeregt mit dem Arm:“Auto!“
„Ja, Enne. Dort steht ein Auto. Aber guck mal die Ampel, die ist … „ inzwischen auf Grün umgesprungen. Mist.

Wir steuerten auf den Marktplatz zu, da fiel mir siedend heiß ein: Heute war Kirmes! Zu spät. Enne hatte die bunten Buden entdeckt und zappelte hyperaktiv an meiner Hand.
Über seinen Kopf hinweg sah ich David an und schüttelte heftig mit dem Kopf und formte langsam und wortlos mit den Lippen überdeutlich das Wort ABLENKEN!
Der grinste und schien sofort zu wissen, was ich meinte, und hielt Ausschau nach Schaufenstern, die kein Spielzeug oder Essbares enthielten: „Guck mal hier, Enne: Malbücher! Mit Tieren!“
Doch Enne wollte lieber auf die Kirmes – zum Power-Shoppen. Er hatte eine Bude mit Mützen, Hüten und anderen Kopfbedeckungen entdeckt.
Er besaß schon eine Vielzahl billiger Schirmkappen und wenn es nach ihm ginge, würde er im Darth-Vader-Kostüm durch die Stadt ziehen. Enne brauchte dazu keinen Karneval.
Angesichts der bunten Buden geriet er in helle Aufregung. Sich hier nichts zu kaufen, würde ihn tief enttäuschen, womöglich würde er in Tränen ausbrechen. Oder so laut und jämmerlich greinen und einen Flunsch ziehen, dass man uns angucken würde, als hätten wir den armen Kerl misshandelt.
Enthusiasmiert zog Enne mich hinter sich her ins bunte Treiben. Ich gab nach: Solle er doch sein Taschengeld hier verschleudern – aber dann nichts wie weg!

Nach erfolgreichem Gestikulieren hatte Enne eine weitere Schirmmütze für seine Sammlung erworben, die er sich mit unverhohlenem Stolz auf den Kopf setzte. Ich versuchte, ihn möglichst schnell quer über den Kirmes-Platz zu lotsen, als er mir seine feuchte Schwitzehand entzog und ausbüxte.
Erst vor dem Kinderkarussell holte ich ihn wieder ein. Enne stand dort wie festgenagelt und beobachtete sinnend und mit offenem Mund, wie Feuerwehrauto, Polizeiauto und Krankenwagen ihre Runden drehten und an ihm vorüber zogen. Träumerisch schaukelte Enne sich zur Umtata-Musik in Trance. Na, super: Hier ging gerade meine Mittagspause kreisend, klingelnd und scheppernd flöten. Fehlte nur noch, dass Enne hier auch noch 'ne Runde tanzen wollte!
Doch der starrte mit Wunschaugen und in das Kinderkarussell. Sein sehnsüchtiger Blick rührte mich. Er guckte wie einer, der ahnte, dass er das Objekt seiner Begierde niemals bekommen wird. Ich schluckte.

„Schöne Autos?“, fragte ich.
Enne nickte stumm. Ein feuerrotes Cabrio schienen es ihm besonders angetan zu haben.
Ach Enne. Deine Vorliebe für ausgefallene Autos und attraktive Frauen wird in diesem Leben wohl nicht zu stillen sein. Plötzlich umwehte mich der Hauch einer Ahnung. Ich fragte mich, ob er jemals mit so einem Karussell gefahren war.
„Sag mal, Enne: Bist du schon mal Karussell gefahren?“
Enne antwortete nicht. Er wandte sich von mir ab, als sei ihm meine Frage unangenehm. Ich hatte einen Kloß im Hals. Welche harmlosen Vergnügungen mögen Enne wohl noch verwehrt worden sein – aus Angst oder Scham seiner Eltern oder Begleiter?

Ich räusperte mich.„Enne, möchtest du mal Karussell fahren?“
Enne starrte weiter geradeaus. Dann wisperte er, kaum hörbar: „Enne Auto fahrn.“
Das war ein verdammt langer Satz für Enne.

Und ein verdammt zweischneidiges Schwert für mich: Sein Wunsch war nicht „altersadäquat“. Ihn in ein Fahrgeschäft mit größerer Geschwindigkeit zu lassen, war ausgeschlossen. Das hätte fatale Folgen, falls er in Panik geriet und versuchte, bei voller Fahrt auszusteigen.
Enne sah mich jetzt hoffnungsvoll an. Und seine Augen bettelten: Ich will Auto fahren!
Was dann geschah, fiel vermutlich nicht in die Kategorie „pädagogisch wertvoll“. Doch wie seine„Teilhabe am öffentlichen Leben“ auszusehen hatte, solle er gefälligst selbst bestimmen.
„Wehe, wenn einer von euch lacht!“, zischte ich meinem verdutzten Team im Vorbeigehen zu und marschierte entschlossenen Schrittes zum Schausteller-Häuschen.

Der Mann hinter dem Schalter reagierte zunächst unwillig und ablehnend, als ich ihn um die Fahrerlaubnis für unseren Schumi bat und dabei auf Enne zeigte.
„Der ist zu groß“, lehnte er kategorisch ab.
„Er könnte sich doch auf die Lehne der Rückbank setzen - von dem Cabrio da“, antwortete ich und setzte ein gewinnendes Lächeln auf. Nach einigem Hin und Her ließ sich der Besitzer erweichen und händigte mir ein Ticket aus: "Auf Ihre Verantwortung!"
Dies drückte ich Enne in die Hand und schob ihn vor mir her:“Einsteigen, mein Freund!“

Nachdem das Fahrgeschäft gehalten hatte, halfen wir Enne dabei, das rote Cabriolet zu erklettern und sich dort auf die Rückbank zu setzen. David brummelte ein Ermahnendes: „Sitzen bleiben!“, und zeigte ihm, wie er sich am besten festhielt, da ging die Fahrt auch schon los. Das Karussell setzte sich in Gang und drehte ihn langsam von uns weg.
Hilfesuchend blickte Enne sich nach uns um, beide Hände fest ins Kunstleder gekrallt.
Spaß sah anders aus.
David sah mich an und schüttelte resigniert den Kopf. Was er damit meinte, war klar: Du und deine blöden Ideen …
Die Praktikantin und der Zivi schauten verunsichert von mir zu David und wieder zu Enne.

„Lächeln!“, kommandierte ich, als Enne sich erneut zu uns umschaute - und immer noch aussah, wie jemand, dem das Ganze nicht geheuer war. So standen wir vier und lächelten um die Wette, wie auf einem Foto der Osbourne-Family: Mein Heavy Metal-Kollege, wie immer von Kopf bis Fuß in schwarz gekleidet, unser hagerer Zivi mit arschlangen Haaren, daneben die tätowierte und gepiercte Praktikantin mit ihrer roten Punkfrisur – und ich, die dralle Mittfünfzigerin im sportiv-lässigen Outfit.

Wie Enne, ängstlich ins Kunstleder gekrallt, auf dem Rücksitz des roten Cabrios an den umstehenden Müttern vorüberfuhr, starrten sie ihn perplex an und manche vergaßen verdutzt, ihren Kindern zu winken. Damit klar war, dass er zu uns gehörte, ruderte ich wie wild mit den Armen und rief laut: „Enne, Enne – hier sind wir!“
Mit meiner Winkperformance am Kinderkarussell kam ich mir reichlich blöd vor, doch sie schien zu wirken. Einige Umdrehungen später tauchte Enne wieder in unserem Gesichtsfeld auf. Er zeigte ein kleines Lächeln, das noch unsicher wirkte, wies aber eine gewisse Cabriotfahrer-Lässigkeit in der Körperhaltung auf, indem er jetzt cool eine Hand zum Gruß hob.
Ich brüllte ein Aufmunterndes: „Super!“, gegen die Kirmesmusik an, beide Fäuste mit erhobenen Daumen in die Luft gereckt.

Einige Runden später hatte Enne begriffen, wie das Prinzip „Kinderkarussell“ funktionierte. Er winkte und kasperte nun gut gelaunt und fuchtelte mit beiden Händen frei herum. Nachdem das Karussell angehalten hatte, ließ er Kopf und Schultern sinken und schob nachdenklich seine Unterlippe vor. Dann stieg er auf das Polizeiauto um - und später noch auf den Trecker …

Während Enne mit den Kindern einige Zeit im Kreis fuhr, hat Gott sei Dank niemand gelacht.
Über den siebzigjährigen Mann, der kognitiv, psychisch und sprachlich schwer beeinträchtigt war. Der mit zahnlos strahlendem Lächeln auf der Rückbank eines feuerroten Cabriolets in einem Kinderkarussell saß und auf Wolke acht schwebte.

5xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Susi56 am 19.01.2021:
Sehr flüssig geschrieben, geht zu Herzen! 😃




geschrieben von Isbahan am 20.01.2021:
Freut mich sehr, @susi56, dass Dir die Geschichte gefallen hat, sie ist autobiografisch.




geschrieben von Susi56 am 20.01.2021:
Gerne mehr davon!

Weitere Kurzgeschichten:

Mein freier Fall!
Schnucki
Mein Kleiderschrank